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Kultur

Flüchtlingsansturm auf Zypern

Zypern entwickelt sich zum Drehkreuz für Flüchtlinge aus dem Libanon. Bisher erreichten mehr als 30.000 Flüchtlinge das Land. Doch die Infrastruktur der kleinen Mittelmeerinsel reicht für diesen Ansturm nicht aus.

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Täglich stranden zirka 4000 Flüchtlinge aus dem Libanon in Zypern

Normalerweise ist Zypern im Juli die Hochburg der Touristen. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Seit vergangener Woche ist die kleine Mittelmeerinsel zu einem Rettungsanker für tausende Flüchtlinge geworden, die sich vor dem Krieg im Libanon in Sicherheit bringen.

Nach offiziellen Angaben aus Nikosia vom Montag (24.7.2006) haben seit Beginn der Kampfhandlungen im Südlibanon vor knapp zwei Wochen mehr als 30.000 Menschen in Zypern Zuflucht gesucht. Pro Tag treffen etwa 4000 Flüchtlinge in den zypriotischen Häfen Larnaca und Limassol ein. Die Behörden Zyperns rechnen mit mindestens 40.000 weiteren Flüchtlingen.

Unfreiwillige Abenteuer-Reisen

Karte Östliches Mittelmeer

Der Weg über das östliche Mittelmeer führt die Flüchtlinge direkt nach Zypern

Die meisten Flüchtlinge haben bei ihren Familien im Libanon Urlaub gemacht, als der Krieg ausbrach. Sie haben Nächte voller Angst hinter sich. Viele haben abenteuerliche Reisen in die libanesische Hauptstadt Beirut unternommen. So ist auch Hicham Solh aus Genf mit seiner Familie auf dem Weg von Baalbek nach Beirut nur knapp dem Tod entkommen: "Ich bin um 10.30 Uhr in Beirut angekommen. Nur eine halbe Stunde danach wurde die Strecke, über die wir gekommen waren, bombardiert."

In Sammellagern warteten sie dann mit anderen Flüchtlingen auf freie Plätze auf einem der vielen Schiffe, die zwischen Beirut und Larnaca pendeln - Fregatten, Luxusliner oder Katamarane. Alles, was schwimmen kann, wird zur Rettung eingesetzt.

Schwarz-rot-goldene Flaggen

In den zyprischen Häfen stehen schon die Hilfskräfte der einzelnen Nationen bereit. Die Franzosen haben als Erkennungszeichen ihre Nationalfarben aufs T-Shirt gedruckt. Die Holländer halten ein Schild hoch, auf dem die Aufschrift "Niederlande" und eine Tulpe zu sehen sind. An dem Zaun, der den Gang vom Bus zum Terminal begrenzt, hängt eine große schwarz-rot-goldene Flagge. Die deutschen Ankömmlinge streben erleichtert auf das Sicherheit verheißende Stück Stoff zu.

Zypern wird zum Flüchtlingslager

Flüchtlingskinder spielen im Terminal des zypriotischen Flughafens Limassol

Wer auf Zypern angekommen ist und die Botschaftsmitarbeiter seines Landes gefunden hat, wird erst einmal in Warteräume geleitet. Dort gibt es Getränke, Windeln und Spielzeug für die Kinder, medizinische Versorgung und vor allem viele freundliche Worte. Manchen Flüchtlingen wird erst jetzt wirklich klar, was sie erlebt haben. Auch Natalie Weiß aus Düsseldorf kann es noch gar nicht wirklich fassen: "Ich war am Mittwochabend noch aus mit meiner Freundin. Wir haben gar nicht mitgekriegt, dass der Airport beschossen wurde. Und am nächsten Tag war alles vorbei. Dann war Krieg!"

Von geordneter Evakuierung kann keine Rede sein

Wie viele Passagiere jeweils an Bord eines Schiffes sind, ist von Mal zu Mal schwerer auszumachen. Anfangs gab es noch Passagierlisten. Doch je hektischer die Abreise aus Beirut, desto weniger wird auf die Form geachtet. Die geordnete Evakuierung wird immer mehr zur Fluchtbewegung. Die Busse in Zypern werden knapp, Hotelplätze waren schon wegen der Hauptsaison rar und werden jetzt wie Goldstaub gehandelt. Mittlerweile werden die Flüchtlinge auch in Schulen an verschiedenen Orten der Insel untergebracht.

Zypern wird zum Flüchtlingslager

Er hat es geschafft: Ein amerikanischer Flüchtling zeigt bei seiner Ankunft in Zypern das Victory-Zeichen

Oberstes Ziel ist es deshalb, die Flüchtlinge so schnell wie möglich nach Hause zu schicken. "Wir versinken vor lauter Flüchtlingen", erklärte der zypriotische Außenminister George Lillikas. Bereits am Donnerstag (20.7.2006) hatte er sich an die Europäische Union gewandt mit der Bitte, Flugzeuge zur Verfügung zu stellen, um den schnellen Transit der Flüchtlinge in ihre Heimatländer bewältigen könnten. Denn Zypern verfüge nicht über die nötige Infrastruktur, betonte Lilikas. Den Flüchtlingen könne kein längerfristiger Aufenthalt auf der Insel angeboten werden.

Zyprer sind solidarisch mit den Flüchtlingen

Die EU reagierte am Samstag: Man bemühe sich, weitere Transportmöglichkeiten für die Flüchtlinge auf Zypern zur Verfügung zu stellen, hieß es aus Brüssel. Zumal die Europäische Union einen neuen Strom von Libanon-Flüchtlingen nach Zypern fürchtet. Für zehntausende Asiaten und Afrikaner im Libanon führe die Hauptroute aus dem Krisengebiet derzeit über Syrien, betonte der EU-Ministerrat am Montag in einem Lagebericht. Bei einer Blockade dieses Weges nach Syrien könnten die Flüchtlinge nach Zypern ausweichen.

Trotz des großen Flüchtlingsandrangs ist die Solidarität der Zyprer für die Ankommenden groß. Bereits während des letzten Libanonkriegs galt die kleine Mittelmeerinsel als sicherer Anlaufpunkt für Flüchtlinge aus dem Libanon.

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