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Deutschland

Flüchtlings-Protesttour durch Deutschland

Seit fünf Monaten kämpfen Flüchtlinge für bessere Lebensbedingungen. Nun wollen sie auch andere Betroffene mobilisieren und fahren mit zwei Kleinbussen zu Unterkünften in ganz Deutschland.

 

Flüchtlinge zwischen ihren zwei Kleinbussen (Foto: DW/Stephanie Höppner)

Die Flüchtlinge besuchen Heime in 22 Städten

Äcker, ein Gewerbegebiet und mittendrin mehrere Containerbauten. Ein Schild am Eingang des umzäunten Geländes rund um die länglichen Gebäude weist den Besucher darauf hin, dass es sich um ein "Privatgelände" handelt. Besucher mögen sich bitte bei der Verwaltung melden. Einen Hinweis darauf, wer hier wohnt, gibt es nicht.

Es ist das Flüchtlingsheim in Oberursel bei Frankfurt am Main. Mit seiner hellgelben Fassade und den weißen Jalousien hebt es sich farblich an diesem Samstag (09.03.2013) kaum von dem wolkenverhangenen Himmel ab. Gelegentlich bewegt sich eine Gardine, zwei Kinder spielen am Treppenabsatz, mehrere junge Männer stehen verstreut auf der Straße vor dem Haus. Auf einmal durchbricht fröhlicher Ethno-Pop die Stille. Zwei Kleinbusse fahren mit aufgedrehter Musik und heruntergekurbelten Fenstern die schmale Einfahrt herauf.

Protest schreibt Geschichte

Ein Aktivist steht auf einem Kleinbus und macht Fotos (Foto: DW/Stephanie Höppner)

Aktivisten dokumentieren den Zustand der Häuser

Die sogenannte "Refugees' Revolution Bus Tour", zu Deutsch etwa: "Flüchtlings-Revolutions-Reise", fährt ihre elfte Station an. Die Gruppe aus 15 Flüchtlingen und einigen Aktivisten ist seit Ende Februar unterwegs. Bis Ende März wollen sie insgesamt 22 Städte angefahren haben. Ihre Mission: Den Protest für bessere Lebensbedingungen in die Heime selbst tragen und gleichzeitig für eine Kundgebung am 23. März in Berlin werben. Dafür haben sie sich zusammengeschlossen, ohne eine größere Organisation im Rücken.

Der Protest hat mittlerweile schon eine fast einjährige Geschichte. Anlass war der Selbstmord des Iraners Mohammad Rhasepar, der sich am 29. Januar 2012 in einer Unterkunft des Bundeslandes Bayern erhängte. Kurz zuvor war sein Antrag, zu seiner Schwester nach Kiel ziehen zu dürfen, abgelehnt worden. Seitdem haben sich Asylsuchende aus ganz Deutschland zusammengetan, um gemeinsam für mehr Rechte zu kämpfen.

Raus aus der Isolation

Ein Transparent auf dem groß Solidarität steht, hängt an den Fenstern der Flüchtlingsunterkunft (Foto: DW/Stephanie Höppner)

Die Teilnehmer der Protest-Tour werben für Solidarität

Auch Turgay aus der Türkei ist bei der "Refugees' Revolution Bus Tour" an diesem Samstag dabei. Als Marxist verbrachte er 15 Jahre in einem türkischen Gefängnis. "Wir haben drei Forderungen", sagt er. "Residenzpflicht abschaffen, Lager abschaffen und Abschiebung abschaffen." Die Residenzpflicht verbietet es den Asylsuchenden, ihren Landkreis zu verlassen. Mittlerweile haben elf Bundesländer diese Regelung gelockert und erlauben den Menschen, sich zumindest innerhalb der Landesgrenzen frei zu bewegen. Allerdings kann diese Möglichkeit im Einzelfall auch wieder untersagt werden.

Besonders bedrückt Turgay die meist abgelegene Lage der Heime. "Das ist Isolation, wie ein Gefängnis", sagt er. Auch der 28-jährige Mahadi aus dem Sudan gehört zur der Gruppe der Protestierenden. Er ist seit einem knappen Jahr in Deutschland. Im Sudan hat er sich nicht mehr sicher gefühlt, denn sein Vater hatte sich den Rebellen angeschlossen. Auch er stand unter Verdacht und musste für mehrere Monate ins Gefängnis. "Ich hatte eine schlimme Reise, aber Deutschland war das schlimmste", sagt er. "Sie machen Menschen nutzlos. Sie lassen sie im Lager ohne Arbeit oder Bildung."

Zaghafte Reaktionen

Spartanische Küche in einer Flüchtlingsunterkunft (Foto: DW/Stephanie Höppner)

Die Ausstattung der Flüchtlingsunterkünfte - wie hier die Küche - wird schon länger kritisiert

Haydar Uçar, ein 51-jähriger türkischstämmiger Deutscher, hat sich der Bewegung aus Solidarität angeschlossen. "Ich war auch mal Asylbewerber", sagt er. Die Tour müsse gut geplant werden, denn Geld sei knapp: "Wir schlafen bei den Freunden der Solidaritätsgruppe. Es gibt in jeder Stadt eine Kontaktstelle, die uns hilft", erzählt Uçar. Essen und Transport werden aus Spendengeldern bezahlt.

Gemeinsam mit den Anderen breitet er nun Stoffplakate auf der Wiese vor den Containern aus. "Freedom, Freedom" rufen sie dabei. Vereinzelt stecken Bewohner ihre Köpfe aus den Fenstern. Einige stehen zaghaft im Hauseingang, scheinbar unschlüssig, ob sie herauskommen sollen oder nicht. Die jungen Männer, die bereits vor dem Eingang gewartet haben, sind dagegen im Gespräch. Es ist ein Sprachenmix aus Deutsch, Englisch, Französisch und Türkisch zu hören.

Traurige Berühmtheit

Flüchtlinge auf einem Demonstrationszug (Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dapd)

Seit fast einem Jahr protestieren Flüchtlinge in ganz Deutschland

Die Protestler gehen schließlich in das Heim, um mit den Bewohnern zu sprechen. Die meisten hatten bisher nichts von der Aktion mitbekommen. Internet hat hier fast keiner. "Ich glaube nicht, dass viele hier aus dem Haus zur Demonstration kommen werden", sagt ein Iraner. "Manche sagen - ist doch okay hier. Andere haben Angst." Einer aus der Gruppe entgegnet: "Ja, das ist ein Problem."

Dabei hat der Containerbau in Hessen bereits in der Vergangenheit traurige Berühmtheit erlangt. Seit mehreren Jahren kämpfen einige Politiker und Ehrenamtliche für eine bessere Unterbringung der rund 200 Frauen, Männer und Kinder. Der Vorwurf: Zu enge Räume, Schmutz und Schimmel.

Laute Nächte

Zu den Bewohnern gehört auch der 18-jährige Pecan. Er ist als Flüchtling anerkannt, kann aber erst ausziehen, wenn er sich selbst finanzieren kann. Der Afghane lebt seit über zwei Jahren in Deutschland. Nun besucht er eine Fachoberschule. "Es ist schon hart, als Schüler im Gemeinschaftslager zu wohnen. Nachts um elf Uhr will ich meine Ruhe haben, aber es ist häufig laut und es wird viel getrunken", erzählt er.

Nach rund vier Stunden herrscht wieder Aufbruchstimmung bei der Protestgruppe. Nach einer Nacht in Frankfurt wird die Gruppe am Sonntag weiterziehen, die nächste Station ist Köln. Die Musik wird wieder aufgedreht, einige Bewohner stehen am Eingang und winken. Schließlich verschwindet der Bus um die Ecke. Pecan, der junge Afghane, ist inzwischen wieder zum Alltag übergegangen und spielt mit ein paar Freunden Fußball auf der Wiese. Zur Demonstration in Berlin wird er nicht gehen: "Ich hab' Schule", sagt er.

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