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Nahost

Flüchtlinge: Lieber Türkei als Europa

Sie werden schlecht bezahlt und hausen in winzigen Wohnungen - doch manche syrische Flüchtlinge bleiben bewusst in der Türkei, statt nach Europa zu ziehen. Diego Cupolo berichtet aus Izmir.

Achmed Ismael brauchte zwei Jahre, bis er in der Türkei den Mindestlohn bekam. Wie viele Syrer in der Türkei, arbeitete er sechs Tage pro Woche, zwölf Stunden am Tag in einer Textilfabrik und verdiente damit halb soviel wie die 1300 türkische Pfund im Monat (knapp 400 Euro), die ein türkischer Arbeiter für die gleiche Arbeit erhält. Im Januar bekam er dann eine Gehaltserhöhung.

"Jetzt kann ich meiner Mutter in Aleppo Geld schicken und sie damit glücklich machen", sagt der 21jährige, vor sich eine Schüssel mit dem traditionellen Fatteh-Gericht.

Nachdem der IS Aleppo eingekreist hatte, floh Ismael aus Syrien. Heute vergleicht er seinen jüngsten Aufstieg mit dem seines älteren Bruders, der seit ein paar Jahren in Deutschland lebt, eine Vollzeitstelle hat, vier Sprachen spricht, mit einer Deutschen verheiratet und doch unglücklich ist. "Er hat alles, aber eines fehlt ihm", sagt Ismael, "er kann sich einfach nicht an die Kultur anpassen."

Daher bleibt Ismael in Izmir, wo er ein winziges Zimmer im Basmane-Viertel gemietet hat, das als Drehscheibe für den Menschenschmuggel nach Griechenland gilt. Ismael könnte zwar einen Platz auf einem der Schleuserboote bezahlen, aber die Vorstellung, nach Europa zu gehen, behagt ihm nicht. Stattdessen behält er seinen schlechtbezahlten Job und bleibt in einer Kultur, in der er sich wohlfühlt. Er ist nicht der einzige, der es so macht.

Mohamed Saleh gestikuliert (Foto: DW/D. Cupolo)

Saleh versucht, syrische Flüchtlinge zum Bleiben in Izmir zu bewegen

Näher an zuhause

Von den zweieinhalb Millionen Syrern in der Türkei leben nach Behördenangaben rund 85.000 in Izmir. Nach den Worten von Mohammed Saleh, dem Leiter der Hilfsorganisation Relief Society for Syrian Refugees in Izmir, liegt die wirkliche Zahl eher bei 150.000. Doch den Ausdruck "Flüchtling" findet er falsch. "Ich bezeichne die Syrer in Izmir nicht als Flüchtlinge", sagt Saleh. "Sie befinden sich nur im Warteraum, so wie an einer Bushaltestelle, und warten auf ihre Rückkehr."

Um ihnen die Wartezeit ein wenig zu verkürzen, gründete Saleh 2011 seine Organisation. Sie hilft Syrern, Wohnungen, Arbeit und Schulen für die Kinder zu finden. Sein beliebtestes Angebot ist der kostenlose Türkischkurs, den freiwillige Lehrer erteilen. Ziel der Organisation ist, Flüchtlinge durch Integrationshilfen zum Bleiben in der Türkei zu bewegen.

Auf seinem Smartphone liest der pensionierte Professor aus dem syrischen Kurdengebiet E-mails von enttäuschten Flüchtlingen, die es nach Europa geschafft haben und jetzt in die Türkei zurück wollen.

"Niemand will mit uns reden", schreibt ein Freund aus Schweden. Andere beklagen sich über lange Aufenthalte in Flüchtlingslagern, über fades Essen, schlechtes Wetter und die menschliche Kälte, die ihnen nach den Ereignissen von Paris und Köln von einem Teil der eingesessenen Bevölkerung entgegenschlug.

"Sie sind von der Wirklichkeit in Europa überrascht und merken jetzt, dass es nicht der Himmel ist", so Saleh. "Ein altes Sprichwort lautet: Trommeln klingen aus der Entfernung besser."

Als Alternative für die Syrer schlägt Saleh Izmir vor. Die Stadt sei relativ sicher und das Leben hier bezahlbarer als in Istanbul oder Ankara. Für 300 bis 400 Pfund im Monat (etwa 100 Euro) könne eine Familie hier eine 20-Quadratmeter-Wohnung mieten. Man habe zwar mit Feuchtigkeit und bei Regen mit lecken Dächern zu kämpfen, doch es sei in Izmir leichter, ein neues Leben anzufangen, als in anderen türkischen Städten.

Straßenszene mit Laden (Foto: DW/D. Cupolo)

Seit den letzten Jahren werden in den Läden in Basmane immer mehr syrische Waren angeboten

"Europa hasst uns"

Das Hauptproblem für junge Flüchtlinge hier ist mangelnde Bildung. Nach Einschätzung von Saleh besuchen nur zehn Prozent der syrischen Kinder im Schulalter regelmäßig eine Schule. Kürzlich hat er zusammen mit UNICEF vereinbart, Arabischkurse für Flüchtlinge in sieben städtischen Schulen zu finanzieren. Im März soll das Programm als Nachmittagsunterricht starten. Saleh will dabei eines der weniger sichtbaren Tragödien der Flüchtlingskrise ansprechen.

"Meine Kinder gehen jeden Tag zur Schule, aber das bringt nichts. Sie verstehen den Lehrer nicht, der Unterricht wird auf türkisch gehalten", sagt Maher Machmud (Bild oben), ein irakischer Flüchtling.

Machmud rührt in seinem Kaffee in einem Café in Basmane. Neben ihm sitzt sein syrisch-kurdischer Freund Abdulrahman Ebrahim. Beide haben Familien zu versorgen, aber beide sind arbeitslos.

Machmud zeigt seinen Flüchtlingsausweis. Er erzählt, er sei kürzlich nach Izmir gezogen, nachdem er zwei Jahre lang in der nordtürkischen Provinz Cankiri als Maurer gearbeitet habe, sechs Tage die Woche, zehn Stunden pro Tag für umgerechnet sechs Euro täglich. "Im Irak hatte ich zwei Autos, ein Haus und eine Bäckerei, aber ich habe alles verkauft", sagt er. "Ich wollte einfach, dass meine Kinder in Sicherheit leben."

Vor zwei Jahren und drei Monaten hatte Machmud Asyl in den USA beantragt, und trotz der Witzeleien seines Freundes Ebrahim hat er die Hoffnung nicht aufgegeben. "Europa hasst uns und Amerika hasst uns auch", meint Ebrahim zu Machmud. "Nach Deutschland sind zu viele Flüchtlinge gegangen, wir haben sie dazu gebracht, dass sie uns hassen." Selbst wenn man ihm eine Arbeit anbieten würde, er würde hierbleiben - in der Türkei.

Faisal, ein weiterer Flüchtling, der seinen wirklichen Namen nicht nennen will, stimmt zu. "Wenn ich nach Europa gehe, werde ich meine Kinder verlieren. Wenn sie Teenager werden, hören sie nicht mehr auf dich. In Europa hast du Teenager nicht mehr unter Kontrolle. Hier können wir leben, so wie wir immer gelabt haben. Deshalb nehme ich auch einen niederigen Lohn hin, um meine Familie weiter in Sicherheit zu haben."

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