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Deutschland

Flüchtlinge in Troisdorf willkommen

Je mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen, desto häufiger ist die Rede von Lasten, Kosten und Problemen. Doch wo sich viele Freiwillige engagieren, gelingt die Integration - zum Beispiel in Troisdorf bei Bonn.

Sie halten sich an den Händen, umarmen sich - und das nicht nur fürs Foto: Man spürt, dass Vertrauen gewachsen ist zwischen der 16-jährigen Fatima und ihrer Mutter aus Inguschetien, einer autonomen Republik im Süden Russlands, und den beiden Lehrerinnen aus Troisdorf. Wie viele andere Freiwillige geben sie Flüchtlingen ehrenamtlich Deutsch-Unterricht. Die Stadt koordiniert und unterstützt das, denn bisher haben erst anerkannte Asylbewerber Anspruch auf Integrationskurse. "Sie haben uns sehr geholfen. Wir haben schon viele Freunde gefunden", sagt Fatima und schaut die Lehrerinnen an. Ihre Mutter lächelt und nickt.

Sie sitzen im Garten der Begegnungsstätte Haus Oberlar in Troisdorf, einer 76.000 Einwohner zählenden Stadt zwischen Köln und Bonn. In angrenzenden Häusern sind rund 60 Flüchtlinge untergebracht. Sie haben Asylanträge gestellt und warten auf den Bescheid, ob sie in Deutschland bleiben können. Wovon träumt Fatima? Sie wünscht sich, dass ihre Eltern arbeiten können - die Mutter ist Laborärztin, der Vater Bauingenieur. Sie selbst möchte weiter Sprachen lernen, nach Deutsch und Englisch auch noch Französisch und Spanisch, "ich will Übersetzerin werden" sagt sie. Deutsch-Lehrerin Renate Lauterbach stimmt zu: "Das passt."

Gefährliche Flucht übers Mittelmeer

Seit wenigen Tagen lebt auch Maan A. in Troisdorf. Der 34-Jährige ist vor dem Bürgerkrieg und den Islamisten in Syrien geflohen. Sein Zuhause in Aleppo wurde zerstört: "Es ist sehr schlimm dort!" Er schluckt, die Entwicklung in seiner Heimat bedrückt ihn. Erst floh er mit seinen Eltern an die türkische Grenze, dann wagte er in einem kleinen Boot, mit 13, 14 anderen Flüchtlingen, die Fahrt übers Mittelmeer nach Griechenland. "Es war sehr, sehr gefährlich", sagt er, "aber ich hatte keine andere Wahl." Hunderte Meter vor der Küste musste er ins eiskalte Wasser und ans rettende Land schwimmen. Es gelang ihm, nach Deutschland zu fliegen, berichtet er. "Ich liebe Deutschland".

Der Syrer Maan A. - Foto: DW/Andrea Grunau

Der Syrer Maan A. macht sich Sorgen um seine Eltern

Jetzt lebt der Betriebswirt mit drei anderen Syrern in einem Zimmer auf 40 Quadratmetern. "Alles gut", sagt er, er könne den anderen helfen, weil er schon gut Deutsch spricht. Stundenlang ist er durch Troisdorf gelaufen, hat jedes deutsche Plakat und Schild gelesen und versucht, das Verkehrssystem zu verstehen. So schnell wie möglich möchte er noch intensivere Sprachkurse und Zertifikate machen, dann mit einem Master sein syrisches Studium ergänzen und arbeiten, doch er hat noch keine Papiere.

Langes Warten auf den Asylbescheid

Weil die Zahl der Asylbewerber in Deutschland ansteigt, kommt das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nicht nach mit der Bearbeitung. Über 200.000 Anträge sind offen. Die Städte müssen immer mehr Menschen immer länger unterbringen, viele Kommunen fühlen sich überfordert.

In Troisdorf kümmert sich Ulrike Hanke um die Unterbringung, sie ist Leiterin des Sozial- und des Wohnungsamtes. Hier sei vieles einfacher als in Großstädten, wo zehnmal so viele Menschen kämen und die Abstimmung unter den Behörden komplizierter sei, sagt sie. Bis vor einem Jahr hat sie in Köln gearbeitet. Als Anfang der 1990er Jahre schon einmal sehr viele Flüchtlinge kamen, musste sie Menschen auf Schiffen im Hafen unterbringen, erinnert sie sich. "Das war nicht so optimal."

Rapide wachsende Flüchtlingszahlen

Die Zahl der Asylbewerber, die Troisdorf aufnehmen muss, hat sich in kurzer Zeit verdoppelt. Waren es im vergangenen Jahr noch 160 Personen, so sind es jetzt mehr als 360. "Wir sind bisher relativ gut zurecht gekommen", sagt Ulrike Hanke. Nur in einem Haus, wo Flüchtlinge mit Obdachlosen zusammen leben, gab es Probleme.

Die Asylbewerberzahlen steigen. Troisdorf versucht, die Flüchtlinge auf das Stadtgebiet zu verteilen. Bis jetzt leben nie mehr als 50 bis 60 in einem Stadtteil, das soll die Integration erleichtern. Weil immer mehr Menschen erwartet werden, will man auch eine ehemalige Schule umbauen, da wären dann mehr als 150 Plätze.

Privatsphäre für Familien

Vor allem Familien sollen eigene Räume haben. In einem alten Forsthaus konnte Hanke zwei albanische Familien unterbringen. Die Sammelunterkunft vorher sei auch in Ordnung gewesen, sagt eine der Mütter, aber: "Mit den Kindern ist es hier sehr, sehr schön." Ihre Familie wartet schon über ein Jahr auf den Asylbescheid. Mittlerweile darf sie arbeiten und geht putzen.

Albanische Familien vor einem ehemaligen Forsthaus - Foto: DW/Andrea Grunau

Ulrike Hanke (re.) mit zwei albanischen Frauen und Kindern vor dem ehemaligen Forsthaus

In Altenrath wurde eine ehemalige Kindertagesstätte nachgerüstet mit Toiletten, Duschkabinen, Küchen und Waschmaschinen. Familien aus Albanien leben hier, eine serbische Familie mit sechs Kindern bewohnt drei Zimmer mit eigener Küchenzeile. In Serbien wurden sie als "Zigeuner" beschimpft und bedroht, erzählt der älteste Sohn. Die Mutter ist krank, hier bekommt sie Medikamente. Der Vater liest aus seinem Deutschbuch vor. Fast jeden Tag übt er mit ehrenamtlichen Helfern.

Was ist das Erfolgsrezept, damit das Zusammenleben mit den neuen Nachbarn gelingt? "Respekt", sagt Ulrike Hanke. Das liege auch vielen Troisdorfern am Herzen. Im Stadtteil Bergheim bereiten sich Freiwillige seit Monaten auf den Zuzug von Flüchtlingen vor. In einem Neubaugebiet wurden Container errichtet, in wenigen Tagen sollen die ersten Asylbewerber einziehen. Wie an allen neuen Standorten hat die Stadt früh zu Informationsveranstaltungen eingeladen. Beim "Netzwerk Integration" haben sich Dutzende Freiwillige gemeldet.

"Wir freuen uns, dass sie kommen"

"Ein Willkommen wollen wir geben", sagt Ursula Rieger beim Treffen der Ehrenamtler mit den Verantwortlichen der Stadt im Pfarrheim der Kirchengemeinde, "aber nicht alle zusammen." Lachen im Saal, denn sehr viele wollen helfen: beim Einkaufen und Alltagssorgen, bei Kontakt zu Ärzten und Sportvereinen, bei Ausflügen und natürlich beim Deutschlernen.

Freiwilligen-Treffen in Troisdorf-Bergheim - Foto: DW/Andrea Grunau

Wer kann Deutsch unterrichten? Darauf melden sich beim Treffen in Troisdorf-Bergheim viele Freiwillige

Dafür hat sich auch die 18-jährige Abiturientin Johanna Raetz gemeldet. Sie ist gespannt auf den interkulturellen Kontakt und möchte ein Zeichen setzen. "Mir ist wichtig, dass sie merken: Wir freuen uns, dass sie jetzt hier ankommen." Die Sozialpädagogin Jana Mathes wird Ansprechpartnerin in Bergheim. Sie ist auch Flüchtlingsberaterin im benachbarten Siegburg und weiß, dass viele Menschen Traumatisierungen aus dem Herkunftsland oder von der Flucht mitbringen.

Amtsleiterin Ulrike Hanke würde gerne auch ein Projekt für traumatisierte Frauen und Mädchen nach Troisdorf holen, um mehr qualifiziertes Personal bezahlen zu können. Gelder für ein Projekt zum Zusammenleben von Senioren und Flüchtlingen hat sie schon beantragt.

Die Beziehungen zu den Asylbewerbern geben ihr selbst ganz viel, sagt die Troisdorfer Lehrerin Renate Lauterbach. Dass jetzt so viele Menschen nach Deutschland kommen, macht ihr keine Sorgen. Zuwanderung sei schließlich nicht neu: "Es ist eine 2000-jährige Geschichte von einer Durchmischung und diese Durchmischung hat uns alle reich gemacht."

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