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Europa

Flüchtlinge in Kavala nur auf der Durchreise

Der deutsche Innenminister schlägt vor, wieder die Dublin-Verordnung anzuwenden und rund 40.000 Flüchtlinge zurück nach Griechenland zu schicken. Das Beispiel der Stadt Kavala zeigt, warum das sehr schwierig wäre.

In Griechenland hat das neue Schuljahr begonnen - aber unter den Schülern wird man vergeblich nach Flüchtlingskindern suchen. Die rund 20.000 geflohenen Kinder und Jugendliche im schulfähigen Alter sollen erst einmal Vorbereitungskurse besuchen. Das Lehrpersonal muss vielerorts erst noch eingestellt werden, die Gelder dafür kommen von der EU. Die Vorbereitungskurse in Griechisch, einer anderen Fremdsprache, Mathematik, Informatik, Kunst und Sport werden zwar an Schulen stattfinden, aber erst am Nachmittag, wenn die einheimischen Schüler bereits zu Hause sind. Diese Regelungen wurden von den zuständigen Ministerien erst in dieser Woche bekannt gegeben, obwohl das Schuljahr schon am 12. September angefangen hat.

Davor kursierte das Gerücht, die Flüchtlingskinder würden in normale Schulklassen integriert werden. In Oraiokastro, einer Stadt nördlich von Thessaloniki, und auch im westgriechischen Preveza liefen Eltern dagegen Sturm. Sie sahen eine unmittelbare gesundheitliche Gefahr für ihre Kinder, weil angeblich die jungen Flüchtlinge nicht geimpft seien. Darüber hinaus beklagten die griechischen Eltern einen vermeintlichen Bildungsrückstand und "unterschiedliche Ansichten" bei den muslimischen Minderjährigen über die Rolle der Familie, die Stellung der Frau, die Religion. Auch wurde eine "Verfremdung der griechischen Zivilisation" befürchtet. Jetzt versucht die Regierung, die Gemüter zu beschwichtigen und entsendet hohe Regierungsbeamte, um vor Ort Aufklärungsarbeit zu betreiben.

Kavala Flüchtlingscamp. Flüchtlinge Isis und Ahmed (Foto: DW/Panagiotis Kouparanis)

Die syrischen Flüchtlinge Isis und Ahmed wollen weiter nach Deutschland

"No work, no money - nothing"

In der Hafenstadt Kavala hat der Vorbereitungskurs schon begonnen. Obwohl er schon 19 Jahre alt ist, nimmt Isis aus Aleppo am Unterricht teil. Einige Brocken Griechisch hat er schon gelernt - und sein Englisch wird immer besser. Er wolle über das Programm für Familienzusammenführung des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR zu seinem Bruder nach Deutschland. Jetzt heißt es: Warten. Das ist wahrscheinlich die größte Herausforderung für die Flüchtlinge in Griechenland - sich die Zeit irgendwie totzuschlagen. Er würde gerne arbeiten, sagt der 24-jährige Ahmed aus dem syrischen Latakia, doch es gebe ja kaum Jobs für die Einheimischen. "No work, no money - nothing", fasst Ahmed seine Situation knapp auf Englisch zusammen. Wie alle anderen im Lager habe er sich um die Ausreise in ein westeuropäisches Land beworben.

Das Flüchtlingscamp in Kavala ist in einem Lagergebäude einer ehemaligen Militärgarnison am östlichen Stadtrand untergebracht. In der Halle leben die Flüchtlinge in Zelten. Vor einem Monat noch standen die Zelte außerhalb der Stadt im Freien. 95 Prozent der Bewohner des Bezirks, in dem die Militärgarnison liegt, sollen eine Resolution gegen den Umzug der Flüchtlinge unterschrieben haben. Ihre Befürchtung, dass auf diese Weise ein Ghetto entstehe, teilen auch die Mehrheit des Stadtrats und die Bürgermeisterin Dimitra Tsanaka.

Dimitra Tsanaka (Foto: DW/Panagiotis Kouparanis)

Dimitra Tsanaka glaubt nicht an eine Integration der Flüchtlinge - will aber trotzdem helfen

Die resolute Konservative hält muslimische Migranten - bis auf einen Teil der Syrer - für "kaum integrierbar". Zu sehr würde sich ihre Lebensweise von der europäischen unterscheiden. "Sobald die Verhältnisse in den Herkunftsländern es erlauben, sollten die Flüchtlinge dorthin zurückkehren", sagt sie. Solange das aber nicht der Fall sei, müsse man sich um sie kümmern.

Angst vor einem Flüchtlingsghetto

Das sind nicht nur Worte: Als Ende Februar in wenigen Tagen rund 1300 Flüchtlinge von den griechischen Inseln im Hafen von Kavala ankamen und es keine Regierungspläne für deren Unterstützung gab, hat Tsanaka trotz leerer Kassen für ihre Versorgung und Unterbringung in einem dafür angemieteten Tagungszentrum gesorgt. Das war ein "Anti-Idomeni", sagt sie - nicht ohne Stolz. Aber das hatte auch seinen Preis. In kaum zwei Monaten gab die Stadt 400.000 Euro aus, die sie eigentlich nicht hatte. Die Bürgermeisterin fuhr nach Athen. Die Regierung verteilte Anfang Mai den größten Teil der Flüchtlinge in andere Regionen. In Kavala blieben rund 300 Menschen, die auf einem freien Gelände außerhalb der Stadt campierten. Das griechische Militär sorgte für das Essen, Nichtregierungsorganisationen für die Betreuung der Menschen.

Gelände des Kavala Flüchtlingscamps in Kavala (Foto: DW/Panagiotis Kouparanis)

Zurzeit sind im Flüchtlingscamp Kavala 120 Menschen untergebracht

Zurzeit halten sich in der Militärgarnison nur noch rund 120 Flüchtlinge auf. Dabei werde es nicht bleiben: Das steht für Dimitra Tsanaka fest. Sie glaubt, dass demnächst Hunderte von Flüchtlingen von den Inseln hierher gebracht würden. Das könnte stimmen. Auf dem Militärgelände werden gerade in einem Gebäude Räume für den Vorschulunterricht hergerichtet, für ärztliche Praxen, einen Frauentreff und vieles mehr. Die Bürgermeisterin hält das für falsch. Der beste Weg für die Eingliederung der Flüchtlinge wäre ihre Verteilung in Privatunterkünfte überall in der Stadt. Wenn jetzt noch weitere Hunderte ins Flüchtlingscamp kommen würden, dann entstehe hier ein Ghetto - das Thema Integration könne man vergessen warnt sie.

Rückführungen nach Griechenland?

Und was hält sie vom Vorschlag des deutschen Innenministers, Flüchtlinge nach Griechenland zurückzuschicken? Thomas de Maizière plädiert dafür, dass die EU die Dublin-Verordnung wieder anwendet. Das würde bedeuten, dass Deutschland wieder Flüchtlinge nach Griechenland zurückschicken könnte, die dort zum ersten Mal registriert wurden. Es geht um rund 38.000 Menschen. Tsanakas Blick ist skeptisch: "Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Wie meinen Sie, würde die Bevölkerung reagieren, wenn noch mehr Flüchtlinge kommen, die angesichts der großen Arbeitslosigkeit im Lande nur herumsitzen würden - und die wir ernähren müssten, obwohl wir uns jeden Euro vom Mund absparen?"

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