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Welt

Flüchtlinge in der Türkei: Unversichert und gestrandet

Die Integration von Flüchtlingen im "sicheren" Herkunftsland Türkei verläuft katastrophal. Die dortigen Behörden haben zu lange weggeschaut. Die Geduld der Einheimischen geht zu Ende. Daniel Heinrich berichtet aus Cesme.

Andrea Schwaiger ist es gewohnt anzupacken. Das merkt man spätestens beim ersten Händedruck mit der Krankenschwester. Die Innsbruckerin arbeitet in der Region Izmir, hilft bei der Versorgung von Flüchtlingen. Meistens sei es einfach wichtig da zu sein, sagt sie. Von den Umständen vor Ort ist die Mutter von zwei Kindern schockiert: "Ich würde meine Kinder packen und sie ans Ende der Welt bringen, wo sie sicher sind und nicht in einem Land bleiben, wo ständig Selbstmordattentate passieren, oder sie so einer unsicheren Zukunft entgegenblicken wie hier."

Dass die Türkei derzeit dem Status als sicherer Hafen für Flüchtlinge nicht gerecht wird, liegt auf der Hand: Rund drei Millionen Flüchtlinge leben inzwischen im Land, nur ein Bruchteil von ihnen in staatlich organisierten Camps. Unter den syrischen Flüchtlingen, die mit 2,7 Millionen den Löwenanteil unter den Flüchtlingen ausmachen, sind gerade mal elf Prozent untergebracht. Der Rest lebt irgendwo verteilt, primär in den Großstädten.

Kaum Erfahrung mit Flüchtlingen

Theoretisch gibt es auch Zugang zum Gesundheits- und Bildungssystem. Praktisch gibt es jedoch massive Probleme bei der Integration in die Gesellschaft. Das hat vor allem auch mit staatlicher Untätigkeit zu tun.

Hotelbesitzer Cevdet vor seinem Hotel in Izmir (Foto: DW/D.Heinrich)

Hotelbesitzer Cevdet hat von Flüchtlingen genug - obwohl er gut an ihnen verdient hat

Für Kristian Brakel, den Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul, liegt das vor allem an der mangelnden Erfahrung der Türkei als Einwanderungsland: "Fragen zum Beispiel nach Staatsbürgerschaft sind ganz kritisch und ein großes rotes Tuch für die türkischen Behörden", so der Experte im DW-Gespräch. Auch die Frage danach, wie diese Einwanderer den Charakter des Landes, die Definition der türkischen Nation oder des türkischen Volkes verändern würden, "ist etwas, was bisher eigentlich in der Wahrnehmung kaum vorkommt".

Gefährliche Folgen des Wegguckens

Anil Aktas sieht in der staatlichen Untätigkeit fatale Folgen auf die gesamte Gesellschaft zukommen. Langsam würden es die Leute mit der Angst zu tun bekomen: "Die meisten Türken glauben nicht, dass es einfach ist, so viele Neuankömmlinge in die Gesellschaft zu integrieren. Und sie sind der festen Überzeugung, dass gesellschaftliche und kulturelle Unterschiede Unruhe schüren", so der Experte von der Bilkent Universität in Ankara: "Für diesen Teil der türkischen Gesellschaft wäre es eine Katastrophe, wenn die Migranten die türkische Staatsbürgerschaft bekämen."

Kristian Brakel, Büroleiter Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul (Foto: privat)

Kristian Brakel sieht noch viel Nachholbedarf bei den türkischen Behörden

"Die Leute können sich nicht benehmen"

Ein Paradebeispiel für die neu entstandene Angst ist Cevdet. Seinen Nachnamen möchte er nicht nennen. Über Monate hinweg hat er Flüchtlinge in seinem kleinen Hotel übernachten lassen. Wenn sie kein Geld hatten, habe er sie auch ein paar Tage umsonst bei ihm wohnen lassen, sagt der Mittfünfziger: "Es ist so schwierig, eigentlich haben wir doch alle einen ähnlichen kulturellen Hintergrund. Ich verstehe das manchmal nicht. Die Leute können sich einfach nicht benehmen."

Von der täglichen Auseinandersetzung mit seinen Gästen ist er einfach nur genervt: "Sehen Sie: Jedes Mal, wenn ich etwas zu essen mitbringe oder Kleidung verteilen möchte, bricht ein halber Kampf aus. Erst vor kurzem habe ich ein paar Süßigkeiten für Kinder gekauft, habe den Leuten gesagt, sie sollen sich in einer Schlange aufstellen und untereinander teilen. Kaum war ich weg, haben sie sich alle darauf gestürzt. Die sind so verzweifelt. Bei denen ist jeder sich selbst der Nächste."

Die afghanische Flüchtlingsfamilie Huseyni (Foto: DW/D.Heinrich)

Familie Huseyni fühlt sich in der Türkei wohl - fürs Erste

Traum Europa - Realität Baustelle

Einer, der mit aller Kraft versucht, trotz aller Widerstände in der neuen Gesellschaft Fuß zu fassen, ist Cevad Husmeyni. Der 24-Jährige ist mit seiner Familie aus Masar-i-Scharif, im Norden Afghanistans, vor den Taliban geflohen. Über 4000 Kilometer ging es über den Iran, Irak bis an die Ägäisküste. Eine Aufenthaltserlaubnis hat er. Eine Arbeitserlaubnis hat er nicht. Wie viele der jungen Flüchtlinge schuftet er dennoch täglich für einen Hungerlohn und ohne Versicherungsschutz auf dem Bau.

"Natürlich wären wir lieber nach Deutschland gekommen, aber meine Frau hat auf der Flucht unser Kind geboren", erzählt er leise. Sie hätten noch überlegt, mit dem Kind bis nach Griechenland überzusetzen: "Aber das Ganze erschien dann wie eine wahnsinnige Idee. Vielleicht war es ein Wink des Schicksals, dass wir in der Türkei ein neues Leben anfangen können". Seine Blicke schweifen ab: "Inzwischen fühlen wir uns auch ganz wohl."

Rolle des Einwanderungsland ist unklar

Er versucht optimistisch zu klingen, aber seine Augen sprechen eine andere Sprache. Während sich sein sechsjähriger Sohn Muhammad draußen im Hof alle Mühe gibt, an seiner zukünftigen Karriere als Fußballprofi zu feilen, sieht er, der Papa, müde aus auf der Couch neben seiner Frau und der neugeborenen Merve. Der Traum einer Zukunft in Europa ist erst einmal geplatzt. Die Husmeynis sind angekommen in der Realität. Sie sind angekommen in einem Land, in dem überhaupt noch nicht abzusehen ist, wie es sich der Rolle als Einwanderungsland stellen wird.

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