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Deutschland

Flüchtlinge: hoch motiviert - kaum qualifiziert

Die Bundeskonferenz "Ausbildung und Migration" in Berlin wird ein Problem aufzeigen: 80 Prozent der Flüchtlinge verfügen über zu geringe Bildung. Lothar Semper von der Handwerkskammer München sieht dennoch Chancen.

DW: Herr Semper, wie sieht ihre Erfahrung als Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer München und Oberbayern aus. Was sind die genauen Bildungsdefizite vieler Flüchtlinge?

Lothar Semper: Eine nennenswerte Zahl unter den jüngeren Flüchtlingen sind Analphabeten, die wahrscheinlich noch nie eine Schule von innen gesehen haben. So hapert es selbst bei den einfachsten Kenntnissen der Mathematik.

Auch die Zahlen, die uns bei einem Gespräch von der Bundesagentur für Arbeit vorgelegt worden sind, fallen sehr negativ aus. Danach haben nur 20 Prozent entweder einen Berufsabschluss oder einen Hochschulabschluss und achtzig Prozent verfügen über keinerlei derartige Qualifikation. Was die Deutschkenntnisse angeht, so geht es ja nicht nur darum, sich im Alltag ausdrücken zu können, sondern für den Beruf kommen ja noch Fachbegriffe hinzu, um ihn auch erfolgreich ausüben zu können. Das alles bedeutet, dass die Ausbildung vieler Flüchtlinge deutlich länger dauern wird, als üblich.

Wie groß ist denn die Bereitschaft, überhaupt einen Beruf ordentlich zu erlernen?

Wir haben dazu mit 16- bis 21-Jährigen Erfahrungen gemacht. Diese Gruppe muss in Deutschland auch in die Berufsschule gehen. Da stellen wir fest, dass es sehr schwierig ist, die jungen Menschen davon zu überzeugen, dass es für sie am besten ist, auch um ihr Leben hier dauerhaft bestreiten zu können, einen Beruf zu erlernen, statt sich mit kurzfristigen Gelegenheitsjobs durchzuschlagen. Wir haben hier natürlich eine Konkurrenzsituation durch den Mindestlohn. 8,50 Euro pro Stunde. Wenn man das betrachtet, ergibt das auf den Monat natürlich einen höheren Gesamtbetrag als jede Ausbildungsvergütung. Eine große Verlockung, denn die jungen Menschen fühlen sich verpflichtet, Geld nach Hause zu schicken. Und dann kommt schnell die Diskussion auf, lerne ich einen Beruf über drei Jahre oder geh' ich schnell zum Jobben irgendwo hin. Nur, wenn die Konjunktur mal nicht mehr so läuft, sind die Jobber die ersten, die wieder auf der Straße stehen.

Dr. Lothar Semper (Foto: Michael Schuhmann)

Lothar Semper: "Die Ausbildung vieler Flüchtlinge wird länger dauern"

Gibt es denn dafür ein Verständnis?

Es gibt schon ein gewisses Verständnis, aber es ist ein ständiger Prozess. An einem Tag sagen sie ja, ich lerne diesen Beruf, am anderen Tag haben sie vielleicht wieder von Bekannten gehört, was die verdienen, am dritten Tag ruft die Familie an und fragt nach Geld. Die jungen Menschen haben es da nicht leicht, weil sie in einem ständigen Spannungsfeld sind. Dann ist es für viele ungewohnt, jeden Tag - fünf Tage die Woche - acht Stunden lang in einen Betrieb zu gehen, um dort eine Ausbildung zu absolvieren. Das sind sie aus ihren Ländern nicht unbedingt gewöhnt und das bedeutet dann auch eine Umstellung. Die Erfahrung zeigt auch, dass bei den Tugenden Pünktlichkeit, Höflichkeit und Zuverlässigkeit Defizite bestehen. Dafür aber stellen wir fest, dass junge Flüchtlinge sehr hoch motiviert und engagiert sind, etwas hier in Deutschland aus ihrem Leben zu machen.

Wie sehen denn Ihre Erfahrungen mit jungen Flüchtlingen aus, die eine Ausbildung begonnen haben?

Im Ausbildungsjahr 2012/2013 haben in unserem Handwerkskammerbezirk 144 Flüchtlinge eine Ausbildung begonnen. Nach unseren Daten dazu haben 70 Prozent ihre Ausbildung abgebrochen. Es sind ja Zwischenprüfungen zu absolvieren. Wenn die Jugendlichen da nicht an die Hand genommen werden, dann scheitern sie in aller Regel. Bei den nachfolgenden Ausbildungsjahrgängen 2013/2014 liegen die Abbruchquoten schon niedriger, bei 30 bis 40 Prozent. Zum Vergleich: Die allgemeine Abbruchquote einer Ausbildung im Handwerk liegt bei rund 25 Prozent.

Was hat die Handwerkskammer unternommen, um die Situation zu ändern?

Bei uns gibt es die so genannten Berufsintegrationsklassen. Darin werden berufsschulpflichtige junge Flüchtlinge zwischen 16 und 21 Jahren in speziellen Klassen unterrichtet. Hier gibt es auch die Möglichkeit, einen Hauptschulabschluss oder einen Mittelschulabschluss nachzuholen.

Wir haben in Bayern vor wenigen Wochen - die Organisationen der Wirtschaft gemeinsam mit der Regionaldirektion für Arbeit und mit der bayerischen Staatsregierung - eine Vereinbarung zur Integration von Flüchtlingen in Arbeit beschlossen und dazu ein umfassendes Maßnahmenpaket vereinbart. Dazu gehören spezielle Angebote in unseren Berufsbildungseinrichtungen und Ausbildungszentren. Nachschulungen, Kompetenzfeststellungen und Beratungen für Ausbildungsbetriebe.

Wir haben unsere Ausbildungsberater entsprechend geschult. Wir haben Ausbildungsbegleiter eingestellt. Wir haben Ausbildungsakquisiteure eingestellt, die sich mit diesen jungen Menschen befassen, aber auch den Ausbildungsbetrieben zur Verfügung stehen, weil auch diese Betriebe vor enormen Herausforderungen stehen - allein aufgrund der kulturellen Unterschiede. Ausbilder haben selten die erforderlichen Kompetenzen, um mit diesen interkulturellen Unterschieden entsprechend umzugehen. Hier besteht erhöhter Beratungs- und Informationsbedarf und bei den Jugendlichen erhöhter Betreuungsbedarf. Wenn aber diese Betreuung gewährleistet ist, steigen die Erfolgsquoten in der Ausbildung enorm an.

Was halten Sie denn von der Idee eines Bildungsökonomen, die Ausbildung von Flüchtlingen von zu viel Theorie zu befreien und stattdessen den Schwerpunkt auf eine mehr praktische Ausbildung zu verlagern, also eine Teilqualifizierung anzubieten?

Wir meinen, dass die klassische, so genannte duale Ausbildung in Schule und im Betrieb die beste Voraussetzung für die Flüchtlinge bietet. Teilqualifizierungen sind eher für ältere Flüchtlinge ab 25 geeignet. Wir haben in Deutschland einfach kein Hilfsarbeiterproblem, wir haben aufgrund des starken Geburtenrückgangs ein Fachkräfteproblem. Zudem gilt: Die Flüchtlinge werden unser demographisches Problem auf dem Arbeitsmarkt nicht lösen können. Darauf muss man auch die Flüchtlinge vorbereiten.

Wie reagieren denn ihre Mitgliedsbetriebe auf die Flüchtlinge?

Wir haben bei den Betrieben nachgefragt, ob sie sich ein Praktikum oder eine Ausbildung für Flüchtlinge vorstellen können. Wir haben innerhalb weniger Tage 1100 Stellen von den Betrieben gemeldet bekommen. Das haben wir zum Anlass genommen und haben Messen veranstaltet, um Flüchtlinge mit Unternehmen zusammenzubringen, und das ist von beiden Seiten hervorragend angenommen worden. Bei uns im Handwerk gilt eine Regel: Entscheidend ist nicht, woher jemand kommt, sondern wo er hin will.

Lothar Semper ist seit 2009 Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer München und Oberbayern. Er berät die Mitgliedsunternehmen unter anderem bei Themen rund um die Ausbildung von Flüchtlingen.

Das Gespräch führte Wolfgang Dick.

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