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Kultur

Flüchtlinge: Goethe-Instituts Direktor Klaus-Dieter Lehmann setzt sich ein für "Teilhabe statt Willkommenskultur"

Der Direktor des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, fordert mehr Beachtung für weltweite Flüchtlingsströme. Dringend notwendig seien Bildungs- und Kulturangebote. Und vor allem: eine geeignete Unterbringung.

DW: Kriege und Krisen, wohin man schaut. Nicht nur in Syrien und Irak. Welche Herausforderung stellt sich hier für das Goethe-Institut?

Unser Vorteil ist, dass wir die Herkunftsländer sehr gut kennen. So lässt sich das Vertrauen, das wir in den letzten Jahren aufgebaut haben, in den Nachbarländern der Krisenländer einsetzen – also etwa im Libanon, in der Türkei, in Jordanien. Mit entsprechenden Projekten unterstützen wir die Leute dort mit Kultur- und Bildungsarbeit.

Was konkret machen Sie?

Ein Beispiel: In den Lagern im Libanon leb en auch viele Künstler – Schauspieler, Dramaturgen, Regisseure. Die versuchen wir zu finden. Wir ermutigen sie Ensembles zu bilden, um in den Lagern für die Lagerinsassen tätig zu sein. Dieses Projekt ist sehr erfolgreich. Wir laden Künstler nach Deutschland, vernetzen sie hierzulande, bevor sie wieder zurück gehen. Ein zweites Beispiel: Bei Kindern, die häufig unbegleitet, die resigniert oder traumatisierte sind, helfen wir mit Malwettbewerben, Lesewettbewerben, Videofilmen.

Wie gehen Sie mit dem Flüchtlingsthema in Deutschland um?

Wir möchten den Begriff der "Willkommenskultur" ablösen durch den Begriff der "Teilhabe". Willkommenskultur bedeutet ja eigentlich nur Ankommen. Wenn aber Flüchtlinge danach nicht die Chance haben, in diese Gesellschaft hinein zu kommen, wird sich das sehr schnell drehen. Resignation wird dann zu Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit führen.

In Gebieten mit Zeltlagern und Containern machen wir Sprachunterricht mit Ehrenamtlichen. Für die jungen Syrer, die mit Smartphones intelligent umgehen, bieten wir Sprachlernbausteine an. Damit können sie auf eigene Faust Deutsch lernen - und so auch die Langeweile der Lageratmosphäre zu durchbrechen. Und wir setzen die Ehrenamtlichen dazu ein, den Sprachstand zu konstatieren und weiter zu helfen. Bei Kindern nutzen wir die Affinität zu Bildern. Über Fernsehen und Film, die arabisch untertitelt oder synchronisiert sind, können sie eine Lebenswirklichkeit erleben, in die sie hineinwachsen sollen.

Die Einwanderungsfrage in Deutschland ist umstritten. Wie positioniert sich das Goethe-Institut dazu?

Diejenigen, die aufgrund politischer Entscheidungen hier gekommen sind, müssen am besten versorgt werden (Kontingent-Flüchtlinge/ Anm. der Redaktion). Da tun wir alles, das zu leisten. Was mich aber stört, ist eine derzeit noch relativ unkoordinierte Vorgehensweise. Besser wäre einer nationale Anstrengung, um die Ressourcen, die ja vorhanden sind, optimal zu nutzen würde, dass ein abgestimmtes Programm entsteht. Es geht nicht nur große Zahlen, es geht auch um Qualitätssicherung. Wenn wir die deutsche Sprache nicht verbinden mit den Dingen, die unsere Werte angehen, mit Kultur, dann wird daraus ein zweischneidiges Schwert. Die erhoffte Integrationsfähigkeit bleibt aus. Wir wollen nicht, dass die Flüchtlinge werden wie wir! Darum geht es nicht. Aber die Wertevorstellungen, die für das Zusammenleben einer Gesellschaft notwendig sind, müssen auch vermittelt werden.

Wer soll kooperieren?

Ich kann mir vorstellen, dass logistische Einrichtungen wie BA oder BAMF mit den Akteuren der Sprachvermittlung und der kulturellen Bildung sowie den kommunalen Einrichtungen ein abgestimmtes Verfahren etablieren. Bei der Registrierung sollte schon der Einzelne über das für ihn verfügbare Tableau von Fortbildungsmaßnahmen informiert werden.

Die Flüchtlinge werden heute bis zu vier Mal registriert, weil es noch keine einheitlichen Flüchtlingsausweise gibt. Das gleiche gilt für die Unterbringungen. Wir bauen Zeltstädte und Containersiedlungen, um überhaupt den nötigen Raum zu schaffen für diese Menschen. Aber das kann kein Dauerzustand sein. Wir müssen unser Baurecht verändern, die Bauvorschriften entschlacken, die Überbürokratisierung abbauen. Mit weniger Bürokratie könnte Deutschland viel mehr leisten.

Das heißt: Sie sehen auch die Chance in der Krise?

Ja, offensichtlich haben wir den Druck gebraucht, um mal über uns selbst nachzudenken. Dazu gehört der überbordende Bürokratismus. Dazu gehört aber auch die Bereitschaft, Allianzen einzugehen und sich nicht immer institutionell abzugrenzen, sondern mögliche Synergieeffekte auch gemeinsam zu nutzen. Dann, glaube ich, kann man einen Masterplan definieren, der sehr viel mehr Wirkung zeigt und der auch differenziert: Flüchtling ist ja nicht gleich Flüchtling. Jeder hat seinen eigenen Hintergrund, beruflich, in seiner Bildung. Diese Differenzierung ist entscheidend – um den Flüchtlingen eine Perspektive zu geben, und um der hiesigen Bevölkerung zu zeigen: Das kommt uns zugute.