Flüchtlinge fliehen zu Fuß nach Kanada | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 15.02.2017
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Nach Trumps Dekreten

Flüchtlinge fliehen zu Fuß nach Kanada

Weil sie Angst vor der rigorosen Flüchtlingspolitik von US-Präsident Trump haben, versuchen immer mehr Flüchtlinge, illegal die Grenze nach Kanada zu überqueren. Jillian Kestler-D'Amours berichtet aus Toronto.

Flüchtlinge fliehen von USA nach Kanada (Foto: Maggie Yeboah)

Bei -20 Grad Celsius verirrte sich Seidu Mohammed aus Ghana und kam mit schweren Erfrierungen ins Krankenhaus

Im Süden von Manitoba ist es eisig kalt. Viele Familien, Frauen und Kinder laufen bei frostigen Temperaturen durch den teils hüfthohen Schnee und freie Felder. Zwölf Kilometer lang ist die Strecke von der US-Grenze bis zum kanadischen Ort Emerson. Die Gefahr, vom richtigen Weg abzukommen und dabei zu erfrieren, ist hoch. Erst kürzlich sorgten zwei junge Männer aus Ghana für Schlagzeilen. Die beiden hatten wegen extremen Erfrierungen ihre Finger und Zehen verloren.

Die Zahl der Migranten, die versuchen, zu Fuß illegal nach Kanada einzureisen, nimmt zu. "Wir sorgen uns sehr, weil diese Menschen durch sehr, sehr eisiges Winterwetter laufen und somit ihre Gesundheit und ihr Leben riskieren", sagt Rita Chahal, Geschäftsführerin einer interreligiösen Einwanderungs-NGO in Manitoba. Es ist eine non-profit Organisation, die Flüchtlinge und Einwanderer in der Provinz Manitoba, im Osten Kanadas, unterstützt. Chahal sagt, dass seit April vergangenen Jahres allein in Manitoba 300 Asylanträge von Flüchtlingen gestellt wurden, die illegal nach Kanada eingereist seien. In den Jahren zuvor lag diese Zahl bei höchstens 70 Anträgen, berichtet Chahal der DW.

Keine fairen Anhörungen

Chahal nennt für diesen Anstieg mehrere Gründe: Viele Betroffene sagen ihr, sie hätten Angst, dass sie aus den USA wieder zurück in ihr Heimatland abgeschoben werden könnten. Sie fühlen sich in den USA unter der US-Präsident Donald Trump nicht mehr sicher und sie haben das Gefühl, keine faire Anhörung während ihres Asylverfahrens zu erhalten. Andere Asylsuchende seien über das politische und gesellschaftliche Klima in den USA besorgt und darüber, wie sie künftig behandelt werden würden, erklärt Chahal.

Die meisten Asylsuchenden passieren in der Nähe von Emerson die Grenze nach Kanada. Das 700-Einwohner Dorf liegt etwa 110 Kilometer südlich von der Provinzhauptstadt Winnipeg und grenzt an die beiden US-Bundesstaaten Minnesota und North Dakota. Allein am ersten Februarwochenende kamen nach Angaben des Nationalen Polizeidienstes (RCMP) 22 Flüchtlinge illegal über die Grenze, weitere 21 in der darauffolgenden Woche.

Einen ähnlichen Anstieg der illegalen Grenzübertritte gibt es auch in anderen Teilen Kanadas. Die Asylsuchenden überqueren an mehreren Stellen die fast 9000 Kilometer lange und durchlässige Grenze zwischen den USA und Kanada. Laut der kanadischen Grenzschutzbehörde griff der RCMP zwischen April und November letzen Jahres über 800 Flüchtlinge in der Provinz Quebec auf. 

Viele der Asylsuchenden, die in Manitoba stranden, kommen aus Somalia, Eritrea oder aus dem ostafrikanischen Dschibuti. Wegen der steigenden Zahl der illegalen Grenzübertritte in der Nähe von Emerson organisierte die Stadt eine Krisensitzung mit Vertretern der Polizei, der kanadischen Grenzschutzbehörde und Politikern. "Die Sicherheitslage war die größte Sorge", meint ein Stadtratsmitglied aus Emerson nach dem Treffen. "Jetzt wissen wir, wie wir vorzugehen haben, sollte der Anstieg der Personenzahl weiterhin bestehen. Die Regierung unterstützt uns in dieser Angelegenheit sehr."

Maggie Yeboah ist Sozialarbeiterin und Präsidentin der ghanaischen Union in Manitoba. Sie erzählt, dass viele der Männer eigentlich nicht nach Kanada wollten. Yeboah berichtet, dass vielen geraten wurde, mit dem Bus nach Minneapolis oder Minnesota zu reisen und dort mit einem Taxi zur US-kanadischen Grenze weiterzufahren. Von dort, so erklärte man ihnen wohl, könnten sie zu Fuß nach Kanada laufen. 

Flüchtlinge fliehen von USA nach Kanada (Maggie Yeboah)

Seidu Mohammeds Finger und Zehen mussten amputiert werden

Gefährliche Reise

Janet Dench, Geschäftsführerin des kanadischen Flüchtlingsrats (CCR), sagt, dass Asylsuchende gefährliche Wege auf sich nehmen müssen, um nach Kanada zu gelangen. Der Grund sei das „Sicherer-Drittstaat-Abkommen“ aus dem Jahr 2004 zwischen Kanada und den USA, die sich gegenseitig als sichere Drittstaaten betrachten. Ihr Abkommen sieht vor, dass Flüchtlinge ihren Asylantrag dort stellen müssen, wo sie ankommen sind und anschließend nicht mehr beliebig das Land wechseln können. Geht es nach dem Abkommen, werden die Asylsuchenden also direkt zurück in die USA abgeschoben.

Über die Anerkennung eines Asylantrags wird in Kanada von dem "Immigration and Refugee Board", einer regierungsunabhängigen Verwaltungsstelle, entschieden. Das Abkommen aus dem Jahr 2004 würde Betroffenen kein faires und ordentliches Asylverfahren ermöglichen, so Dench gegenüber der DW. Nach Trumps umstrittenem Einreisestopp forderten Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International Kanada oder der CCR die kanadische Regierung auf, dieses Gesetz zu kippen. "Unserer Ansicht nach sollte Kanada von dem Vertrag zurücktreten. Wir waren nie für diese Vereinbarung und die illegalen Grenzübertritte sind die offensichtlichen und bekannten Konsequenzen", stellt Dench klar.

USA - für Flüchtlinge nicht mehr sicher

Der Geschäftsführer von Amnesty International Kanada, Alex Neve, stimmt dem zu: "Es ist, um es großzügig zu formulieren, unrealistisch weiterhin zu glauben, dass die USA in diesen Tagen für Flüchtlinge sicher sind."

Kanadas Einwanderungsminister Ahmad Hussen, sagte jedoch erst kürzlich, die Vereinbarung werde aufrecht erhalten. Trumps Anordnung beträfe das Resettlement Programm für Flüchtlinge und beeinträchtige nicht das Asylprogramm der USA. Kanadas Einwanderungs- und Flüchtlingshilfegesetz hingegen, so ein Sprecher des Ministeriums, überprüfe ständig, ob die Voraussetzungen, die ein Land als sicher einstufen, noch gegeben seien. Dieses Gesetz sei ein bedeutendes Werkzeug in der Zusammenarbeit von Kanada und den USA, um zusammen geordnet mit den Asylanträgen in unserem Land umzugehen, antwortet Ministeriumssprecherin Nancy Caron auf Anfrage der DW. "Wir werden die Situation weiterhin beobachten." 

Obwohl es für Spekulationen noch früh sei, meint Chahal, gehe man davon aus, dass die Zahl der illegalen Grenzübertritte insbesondere dann zunehmen werde, wenn das Wetter wärmer werde. "Ich bin nicht sicher, ob wir den Höhepunkt erreicht haben, also werden wir abwarten und sehen."