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Deutschland

Flüchtlinge: Endlich raus aus Notunterkünften

In Köln werden die letzten Notunterkünfte für Flüchtlinge gerade aufgelöst. Von friedlicher Umzugsstimmung kann aber keine Rede sein. Die Stimmung ist angespannt. Daniel Heinrich und Shamshir Haider berichten aus Köln.

Es dauert keine fünf Minuten bis der erste Security-Guard auftaucht, neben uns stehen bleibt und zuhört. „Kann ich Ihnen helfen?" Der Ton ist nicht unfreundlich, aber bestimmt. Er kann nicht helfen, er zieht von dannen. Um den Sicherheitsanforderungen in Flüchtlingsheimen gerecht zu werden, treffen wir unseren eigentlichen Gesprächspartner bewusst außerhalb des Heimgeländes.

Er heisst Reber Marif und lässt sich ohnehin nicht aus der Ruhe bringen. Die Security-Männer mit den gelben Westen ist er gewohnt. Der 31-Jährige, nach eigenen Angaben 2003 aus seiner Heimatstadt Sulaimaniyya im Nordirak geflohen, steht in Flip-Flops, Badehose und T-Shirt auf dem Bürgersteig vor der Flüchtlingsunterkunft in Bilderstöckchen, einem Stadtteil im Norden von Köln.

Er sieht müde aus: „Ich habe in den vergangenen Nächten nicht wirklich geschlafen, das Problem hier sind nicht die Security-Leute, die machen einen guten Job, auch die Verwaltung macht einen guten Job," erklärt er in gebrochenem Englisch: „Das Problem ist, dass hier zu viele Verrückte wohnen. Hier wohnen Leute aus Afrika, Afghanistan, dem Irak, nur Männer, alle in einer Turnhalle. Ständig gibt es Probleme."

Deutschland Köln - Flüchtling Reber Marif vor seiner Notunterkunft in Köln (DW/D. Heinrich)

Flüchtling Reber Marif vor seiner Notunterkunft in Köln

Die Situation von Flüchtlingen in Notunterkünften wie Turn- und Lagerhallen nennt sich im Verwaltungsdeutsch "prekäre Lebensbedingung", mangelnde Privatsphäre ist eines der Probleme, mit denen die Menschen zu kämpfen haben. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise hatte alleine die Stadt Köln 27 Turnhallen als Notunterkünfte genutzt. Die verbliebenen sechs Unterkünfte sollen bis Ende nächster Woche geräumt werden.

„Die Menschen tun mir leid"

Die Räumung solcher Behelfsstandorte und die Unterbringung von Flüchtlingen in angemesseneren Räumlichkeiten läuft deutschlandweit auf Hochtouren. Waren es im Jahr 2016 noch rund 70.000 Menschen, die in Behelfsunterkünften untergebracht werden mussten, schrumpfte diese Zahl im Jahr 2017 auf rund 15.000.

Die Nachbarn der Flüchtlinge in Köln-Bilderstöckchen freuen sich für die Flüchtlinge mit. Fünfzig Meter von ihrer ehemaligen Turnhalle entfernt stehen Akin Coruh, Frederik Schweißer und Tim Gladbach am Eingang zum Schulhof des Dreikönigsgymnasiums.

Die drei Jugendlichen besuchen die elfte Klasse der Schule, deren Turnhalle noch Heim für die Flüchtlinge ist. Problemen mit Flüchtlingen habe es bisher nicht gegeben, berichten die drei. Die Männer täten ihnen einfach leid: "Ich mag mir das gar nicht so richtig vorstellen, wie das ist, jahrelang mit so vielen anderen Menschen in einer Turnhalle zu leben", denkt Tim Gladbach laut nach: "Jetzt freue ich mich einfach für die Leute. Zum einen, dass sie es nach Deutschland geschafft haben, zum anderen, dass Sie bald ein normales zu Hause haben."

Keine fröhliche Umzugsstimmung

Wie schwierig und wie angespannt die alltägliche Situation in der Notunterkunft sein muss, lässt sich auch an der Haltung des Sicherheitsteams ablesen.

Der Iraker Reber Marif ist gerade ins Erzählen gekommen, schildert wie er sich auf sein neues zu Hause freut, die Möglichkeit endlich sein eigenes Zimmer zu haben und in seiner eigenen Küche zu kochen, da taucht der nächste junge Mann aus den Reihen der Sicherheitsmitarbeiter auf. Mit Kurzhaarschnitt, in kurzen Hosen, im T-Shirt mit den Schultern nach vorne gezogen: „Darf ich fragen, was Sie hier machen?"

Seinen Namen will er nicht nennen, seine Funktion auch nicht. Ohne eine Miene zu verziehen verschwindet er wieder in einem der Wohncontainer, die am Rande des umzäunten Geländes liegen. Sowohl der Ton, wie auch die Gesprächsunterbrechung scheinen für Reber Marif nicht außergewöhnlich. Gedankenverloren blickt er dem Mann hinterher.

"Wissen Sie, ich will einfach keine Probleme mehr haben, deswegen bin ich ja nach Deutschland gekommen. In meinem Land gibt es genügend Probleme, da will ich hier einfach nur meine Ruhe", sagt er und verabschiedet sich dann auch in Richtung Container.

Kurze Zeit später bricht dort mit einem Mal Krawall los. Männer brüllen. Security Mitarbeiter rennen. Durch ein gekipptes Fenster ist eine Rangelei zwischen Flüchtlingen zu erkennen. Mitten drin: Reber Marif und die Sicherheitsmänner. Was in dem Augenblick genau geschehen ist, lässt sich leider nicht aufklären. Schließlich ist der Zutritt auf das Gelände untersagt. Die Hoffnung besteht, dass sich das alles bald schon ändern wird.