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Deutschland

"Flüchtlinge bringen großen Ehrgeiz mit"

Sie kommen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak: Eine Düsseldorfer Hauptschule hat schon über 20 Jahre Erfahrung mit Kindern aus Flüchtlingsfamilien. In der Erstförderung lernen sie Deutsch - und das in nur einem Jahr.

Deutsche Welle: Herr Vogel, Sie sind Rektor der Hauptschule Bernburger Straße. Wie fördern Sie Flüchtlingskinder?

Klaus-Peter Vogel: Wir haben in diesem Schuljahr 60 Flüchtlingskinder an der Schule. Die gehen in die sogenannte Erstförderung. Das sind Kinder, die erst seit kurzer Zeit in Deutschland sind und die deutsche Sprache nicht sprechen. Diese Klassen sind seit 2005 auch bei uns im Hauptgebäude, so dass wir neben der Sprachförderung auch Integrationsarbeit leisten können. Die Integrationsschüler in diesen Klassen arbeiten gemeinsam mit unseren Regelschülern, was ganz wichtig ist für die anschließende Förderung.

Wie lange müssen die Schüler in die Erstförderung?

Die amtlich festgesetzte Höchstdauer in der Erstförderung liegt bei zwei Jahren. In der Regel sind sie nur ein Jahr in dieser Erstförderung, weil wir sonst gar nicht genügend Plätze zur Verfügung stellen könnten. Wir haben zum einen die Gruppe der Zehn- bis 14-Jährigen, die an der Schule bleiben werden, weil sie in die Regelklassen kommen - je nach Lernfortschritt. Bei den anderen differenzieren wir zwischen Schülerinnen und Schülern, die wir alphabetisieren müssen, weil sie weder lesen noch schreiben können, und denen, die bei uns die lateinische Ausgangsschrift lernen müssen, oder solchen, die mit ganz schwachen Vorkenntnissen kommen.

Klaus-Peter Vogel ist Rektor der Hauptschule Bernburger Straße in Düsseldorf (Foto: Vogel- GHS Bernburger Straße)

Klaus-Peter Vogel ist Rektor der Hauptschule Bernburger Straße in Düsseldorf

Wie sollen denn Schüler ohne jegliche Sprachkenntnisse mit einem Jahr Erstförderung den Anschluss an die Regelklassen schaffen?

Das ist eine gute Frage. Erstaunlicherweise schaffen sie das aber. Zwar nicht alle, denn es gibt natürlich Unterschiede in dem Leistungsvermögen. Wenn Schüler dabei sind, die große Schwierigkeiten haben, dann bleiben sie auch ein zweites Jahr in dieser Fördergruppe. Das ist aber relativ selten der Fall, wenn sie zu Beginn des Schuljahres kommen. Dann haben wir ein Jahr Zeit und immerhin 18 Stunden Deutschunterricht pro Woche plus Unterricht in anderen Fächern, der auch in deutscher Sprache stattfindet. Dazu kommt, sie lernen Deutsch nicht als Fremdsprache, sondern sie lernen Deutsch als Zweitsprache.

Wo besteht da der Unterschied in der Sprachvermittlung?

Es gibt in sofern einen Unterschied, weil wir den Unterricht für diese Schülerinnen und Schüler sehr am täglichen Bedarf ausrichten. Sie müssen sofort hier ins Leben einsteigen und sie lernen die Dinge zuerst, die sie hier auch wirklich brauchen. Es geht unter anderem um Begrifflichkeiten für Lebensmittel oder Gebrauchsgegenstände für den täglichen Bedarf. Das muss man bei einer reinen Fremdsprachenvermittlung nicht unbedingt so machen.

Wer entscheidet, ob ein Flüchtlingskind in eine Hauptschule, Realschule oder in ein Gymnasium kommt?

Kinder, die in Düsseldorf sind, müssen zur Beratung in die Kommunalstelle für Integration und Bildung. Dort bekommen sie eine Erstberatung und die Mitarbeiter versuchen herauszufinden, welche Vorkenntnisse die Schüler haben, welchen schulischen Weg sie bisher gegangen sind und ob sie überhaupt in der Schule gewesen sind. Diese Erstberatung vermittelt diese Schüler dann in die Schulformen, die sie für richtig und geeignet halten. Das ist nicht unbedingt ein 100-Prozent-Treffer, manchmal landen beispielsweise Schüler bei uns, die auch gut zur Realschule oder zum Gymnasium gehen könnten. Umgekehrt sind aber auch manchmal Schüler im Gymnasium oder einer Realschule, die eigentlich auf eine Hauptschule müssten. Solange sie in der Erstförderung stecken, ist das relativ egal. Wenn sie in die Regelklassen kommen, wird es spannend. Dann kommt zum reinen Spracherwerb auch noch der Erwerb von Fachsprache dazu.

Was fällt den Flüchtlingskindern denn besonders leicht?

Sie bringen zunächst einmal einen großen Ehrgeiz mit in die Schule. Sie wollen unter allen Umständen lernen. Sie saugen alles auf, was man ihnen anbietet und sie sind darum auch unheimlich fleißig. Je jünger sie sind, desto leichter lernen sie die Sprache. Auf der einen Seite hilft das System "Deutsch als Zweitsprache". Da sie aber natürlich in ihrer Gruppe, in ihrem täglichen Leben, die Sprache anwenden müssen, lernen sie schnell. Deswegen lernen sie nicht immer richtig, aber die grammatikalisch richtige Form ist im Alltag nicht so wichtig. Wichtig ist, dass sie sich gut verständlich machen und Texte verstehen können.

Und wo liegen die Herausforderungen?

Artikel richtig anzuwenden ist einer der schwierigsten Brocken überhaupt. Da gibt es immer die meisten Fehler. Wenn sie rein formale Dinge der Sprache lernen müssen, ist das schwierig, weil sie oft Sprachstrukturen nicht kennen und vielleicht ihre Muttersprache nicht im schulischen Sinne gelernt haben. Darum kennen sie grammatikalische Strukturen nicht.

Unterstützen die deutschen Kinder mit Migrationshintergrund und zusätzlichen Sprachkenntnissen die Flüchtlingskinder?

Das Miteinander funktioniert. Das fängt schon in der Erstförderung an. Die Klassen sind mit 15, 16 Schülern besetzt, die alle einen ganz unterschiedlichen Leistungsstand haben, die aus vielen verschiedenen Nationen kommen. Wo immer jemand irgendeine Sprache oder irgendeinen Dialekt beherrscht, der hilft und übersetzt. Das geht in der Regelklasse nachher weiter. Über 80 Prozent unserer Schüler haben einen Migrationshintergrund, also auch in den Regelklassen. Das System hat sich verselbstständigt. Wir haben etwa 37 Nationen an der Schule und Sie finden immer irgendwo jemanden, der etwas übersetzen kann.

Wie empfinden die Eltern der Regelschüler die Situation mit den Flüchtlingen an der Schule ihrer Kinder?

Die Eltern haben damit kein Problem. Sie gehen auch nicht auf die Barrikaden, denn die Kinder akzeptieren sich gegenseitig. Das nehmen die Eltern gut an und gehen diesen Weg mit uns.

Sind deutsche Schulen insgesamt gut darauf vorbereitet, Flüchtlinge in den Regelbetrieb zu integrieren?

Was die Situation in Düsseldorf angeht, so sind wir seit langem auf dem Weg, alle Schulformen und alle Jahrgangsstufen zu beteiligen. Ich sehe aber in den nächsten Jahren insgesamt Probleme auf uns zukommen, denn wir müssen immer mehr Kinder in den Regelbereich integrieren und die Zahl wächst stetig. Ich kann an meiner Schule zum Beispiel nur zwei Klassen einrichten, weil das Haus gar nicht mehr Räume hat. Und ich kann nicht beliebig viele Kinder in die Klassen aufnehmen, weil bei maximal 29 Schülern pro Klasse das Maß voll ist. Da machen wir uns schon ein bisschen Sorgen.

Klaus-Peter Vogel ist Schulleiter der Hauptschule Bernburger Straße in Düsseldorf-Eller. Seit vielen Jahren engagiert er sich als Rektor der Schule für die Förderung von schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen, die ohne oder mit nur sehr geringen Deutschkenntnissen an seine Schule kommen. Ein großer Teil der Jugendlichen kommt als sogenannte "unbegleitete minderjährige Flüchtlinge". Die Schülerinnen und Schüler lernen in Deutsch-Intensivkursen das, was sie für den Unterricht in den Regelklassen, an Berufskollegs oder in berufsvorbereitenden Maßnahmen brauchen.

Das Gespräch führte Diana Hodali.