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Afrika

Flüchtlinge arbeiten Trauma-Erfahrung auf

Viele Flüchtlinge kämpfen mit traumatischen Erlebnissen. Eine Organisation in Kenias Hauptstadt Nairobi hilft ihnen, zurück ins Leben zu finden - mit Mikrokrediten und psychologischer Hilfe.

Faizah Abdullaih Jama blickt zu Boden, während sie ihre Geschichte erzählt. Sie hat die Hände in ihren Schoß gelegt - die Fingernägel sind rot lackiert, doch der Lack ist schon fast abgeblättert. Die 35-Jährige ist vor neun Jahren gemeinsam mit ihrer Nichte aus Mogadischu geflohen, nachdem Mitglieder eines rivalisierenden Clans ihren Vater und Onkel ermordet hatten.

Auf der Flucht wird die junge Somalierin vergewaltigt. Faizah beginnt zu weinen, als sie sich daran erinnert. "Es passierte an der Grenze. Meine Hand wurde mit einem Messer verletzt", erzählt sie. Sie spricht leise und stockend weiter. "Ich schaffte es, mit meiner Nichte nach Nairobi zu gelangen. Dort arbeitete ich dann als Haushaltshilfe."

Faizah Abdullaih Jamas Hände (Foto: Michaela Maria Mueller / DW)

Faizah Abdullaih Jama möchte nicht, dass ihr Gesicht fotografiert wird

In Nairobi, wo sie heute als Flüchtling im Stadtteil Eastleigh lebt, lernte sie ihren späteren Ehemann kennen. Sie heirateten im Dezember 2005.

"Erst hatten wir eine schöne Zeit. Er arbeitete, ich kümmerte mich um die Kinder", erinnert sich Faizah. Doch dann verschwand ihr Mann plötzlich, als sie mit ihrem fünften Kind schwanger war.

Ehemann spurlos verschwunden

Faizah vermutet, dass er sich auf den Weg nach Europa gemacht hat. Vielleicht wollte er sein altes Leben hinter sich lassen, vielleicht ist er als Bootsflüchtling im Mittelmeer ertrunken. Faizah weiß es nicht. Sie hat seit dem Tag seines Verschwindens vor vier Jahren nichts mehr von ihm gehört. Seitdem ist sie mit ihren Kindern im Alter von vier bis acht Jahren auf sich allein gestellt. Nur ihre Nichte kann sie bei der Betreuung etwas unterstützen.

Eine Sozialarbeiterin der Nichtregierungsorganisation Refugee Consortium of Kenya (RCK) traf Faizah vor etwa einem Jahr in Nairobi. Die Mitarbeiter des RCK stehen in engem Kontakt zur somalischen Gemeinschaft, die überwiegend in Eastleigh wohnt. So wurden sie auf Faizah aufmerksam - und boten ihr psychologische Unterstützung sowie einen Mikrokredit als Starthilfe in die Selbstständigkeit an. Faizah ergriff die Chance auf ein besseres Leben.

"Die psychologische Betreuung geht Hand in Hand mit der Rechtsberatung und der Gewährung der Mikrokredite. Die drei Komponenten ergänzen sich gut", sagt RCK-Projektleiter Rufus Karanja. Vielen Betroffenen gelänge es, sich zu öffnen, doch dies sei ein schwieriger und langwieriger Prozess, so Karanja.

Spielzimmer des Refugee Consortiums of Kenya (Foto: Michaela Maria Mueller / DW)

Auch die Kinder sind oftmals schwer traumatisiert, erzählt Psychologin Wambui

Der Beratungsprozess beginnt mit Besuchen zu Hause, um den familiären Hintergrund kennenzulernen. Es sind meistens Frauen, die an den Programmen teilnehmen. Nach Einzelgesprächen können sie in eine Gruppentherapie wechseln.

"Wir integrieren auch die individuelle Art und Weise jeder Gemeinschaft, sich mit traumatischen Erfahrungen auseinanderzusetzen", erzählt Diana Wambui, eine Psychologin, die die Frauen betreut. "Für die Menschen aus dem Kongo ist etwa Religion ein wichtiger Bestandteil. Wir arbeiten deshalb eng mit den Pastoren zusammen. Aber wenn es jemandem nicht zusagt, muss er dabei nicht mitmachen", so Wambui.

Eine Gruppe somalischer Frauen trifft sich zweimal pro Woche in den Räumen des RCK. In ihrer Gemeinschaft gibt es einen Tanz, der bei der Verarbeitung von traumatischen Erfahrungen helfen soll. Sie tanzen und singen etwa eine Stunde, dann halten sie ein Seil und eine Frau springt von der "bösen" Seite auf die "gute" Seite des Lebens, die anderen empfangen sie dort und wickeln sie in ein Tuch. "Wir verstehen das Ritual nicht und mischen uns nicht ein. Am Donnerstag besuchen sie eine Sitzung unter unserer Anleitung", berichtet Wambui.

Erzählen fällt leichter mit Handarbeit

Die Psychologin greift in eine Kiste mit kleinen bunten Wollteppichen. "Manche Frauen können sich während der Sitzungen nicht in die Augen sehen, weil die Erinnerungen zu schmerzhaft sind. Das Erzählen fällt ihnen leichter, wenn sie dabei Handarbeiten nachgehen."

Die Teppiche, die während der Therapiesitzungen entstehen, könnten unterschiedlicher nicht aussehen. Aus manchen hängen nur ein paar lose Fäden, ein anderer ist dicht mit lilafarbenen und gelben Fäden geknüpft. "Diese Frau wusste genau, was sie wollte: eine Ausbildung für ihre Kinder und dann in die USA auswandern", erinnert sich Wambui.

Die Psychologin Diana Wambui im Spielzimmer für Kinder des Refugee Consortium of Kenya (Foto: Michaela Maria Mueller / DW)

Handarbeit hilft vielen Frauen dabei, ihr Schicksal überhaupt in Worte fassen zu können, sagt Wambui

Das Zimmer, in dem Faizah Platz genommen hat, um ihre Geschichte zu erzählen, ist ein besonders bunter Raum. Dort werden die Kinder betreut, wenn ihre Eltern in Beratungsgesprächen sind. Jede Wand ist in einer anderen Farbe gestrichen: grün, rot, fliederfarben, gelb. Auf dem Teppichboden liegt Spielzeug: Plastikautos, Puppen, ein Plüschlöwe.

Wambui nimmt ein schwarzes Rennauto zur Hand: "Das nennen die Kinder oft das Polizeiauto, das den Vater mitgenommen hat." Auch eine bestimmte Puppe sei immer negativ besetzt. Es ist ein Mann mit braunen Stiefeln, Jeans und hochkrempelten Hemd, der seine Bizeps spielen lässt. "Wir können den Kindern leider keine Therapie anbieten, aber wir können Rückschlüsse auf ihre Erfahrungen ziehen, wenn wir beobachten, wie sie mit den Spielsachen spielen", erklärt Wambui. Der Schwerpunkt der Organisation liegt auf der Betreuung der Erwachsenen; sie arbeiten jedoch eng mit anderen NGOs zusammen und vermitteln Kinder auch in Langzeittherapien.

Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) lebten im Juni 2013 rund 620.000 Flüchtlinge in Kenia. Über die Hälfte von ihnen stammt aus

Somalia

- ein Land, das seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs vor fast 25 Jahren nicht zur Ruhe kommt. Doch mit den wiederaufflammenden Konflikten im Kongo, Südsudan und Äthiopien fliehen auch von dort immer mehr Menschen nach Kenia. In Nairobi leben etwa 55.000 registrierte Flüchtlinge; die Zahl der unregistrierten Menschen dürfte deutlich höher ausfallen.

Mehr als sauberes Wasser und Nahrung

Bei der Flüchtlingshilfe steht zunächst die Versorgung der Menschen mit sauberem Wasser, Nahrung, Obdach und medizinischer Hilfe an erster Stelle. Dazu sind fast 50 Organisationen und staatliche Stellen in Kenia vor Ort. Doch oft sind die Menschen durch Vertreibung, Gewalt und Flucht schwer traumatisiert und brauchen weitere Unterstützung.

Faizah Abdullaih Jama (Foto: Michaela Maria Mueller / DW)

Faizah hat wieder neuen Mut geschöpft

Faizah haben die psychologische Beratung und der Mikrokredit geholfen. Das war vor etwa einem Jahr. Inzwischen verkauft sie selbstgebackene Kekse auf den Straßen von Nairobi, während ihre Kinder eine Schule besuchen und das jüngste von ihrer Nichte betreut wird.

Wenn es die Zeit zulässt, kommt sie immer noch zu den Sitzungen mit den anderen Frauen. "Sie haben mir sehr geholfen. Aber es ist wegen der Kinder schwierig für mich, regelmäßig teilzunehmen", bedauert sie.

Eine Existenz als Händlerin auf Nairobis Straßen zu fristen, ist schwer, die Verantwortung für die Kinder eine große Herausforderung. Aber es ist Faizah gelungen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und ein Stück ihres Traumas hinter sich zu lassen.

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