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Alltagsdeutsch – Podcast

Fisimatenten: Ein Besuch im Zelt?

Manche kommen schnell in die Bredouille, wenn sie Fisimatenten gemacht haben. Andere machen ein Brimborium oder ziehen sich aus der Affäre: die Franzosen haben in der deutschen Sprache viele Spuren hinterlassen.

Sprecherin:

Während die Adeligen in Deutschland von eigens angestellten Hauslehrern und Gouvernanten im Französischen unterrichtet wurden, kamen die unteren Schichten eher unfreiwillig in Berührung. Während des Dreißigjährigen Krieges beispielsweise bezogen deutsche Soldaten in französischen Dörfern und Städten Quartier und brachten von dort einzelne französische Begriffe mit nach Hause. Auch die napoleonischen Kriege hinterließen ihre Spuren. Während der französischen Besetzung des Rheinlandes 1794 bis 1814 wurde die französische Sprache in den linksrheinischen Gebieten sogar zur Amtssprache erhoben. Der Sieg über Napoleon hat eine verstärkte Abwendung von der Sprache der ehemaligen Besatzer zur Folge. Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein blieb das Französische jedoch die Sprache des internationalen Schriftverkehrs.

Sprecher:

Will man einer volkstümlichen Anekdote glauben, sind die französischen Soldaten zur Zeit der napoleonischen Kriege nicht nur kriegerisch durch das Land marschiert, sondern haben sich auch gern mit deutschen Frauen vergnügt. Dabei soll die eigenartige Wendung Fisimatenten machen entstanden sein. Was das heute bedeutet, das habe ich mir von zwei Kolleginnen erklären lassen.

O-Töne:

"Also, meine Mutter hat immer gesagt "Nun mach' doch nich' immer solche Fisimatenten hier" und zwar, wenn wir ja wie so 'ne aufgeschreckte Horde von kleinen Äffchen durch die Gegend gesprungen sind und ihre Küche durcheinander gebracht haben, oder das Wohnzimmer durcheinander gebracht haben, oder weiß der Teufel irgendwas gemacht haben, was ihr nicht passte und was ein Chaos produziert hat. / Letztens wollte mein Mann mit mir zum Flohmarkt und es hat Ewigkeiten gedauert, bis wir alles zusammengesucht hatten, was wir nun verkaufen. Und weil mich das irgendwann so genervt hat, da hab' ich gesagt "Muss de immer so viel Fisimatenten machen"."

Sprecherin:

Im ersten Fall könnte man Fisimatenten mit Unsinn, Unfug übersetzen, im zweiten mit Umständlichkeit. Beide Male gehen die Fisimatenten den Mitmenschen offensichtlich ziemlich auf die Nerven.

Sprecher:

Fisimatenten machen heißt Umstände machen, aber auch Ausflüchte oder nichtige Einwände machen, wenn es beispielsweise um eine unangenehme Aufgabe geht. Einige Sprachforscher leiten den Ausdruck von der in der Amtssprache des 15. Jahrhunderts gebräuchlichen lateinischen Formel visae patentes literae – kurz visepatentes – her, was so viel bedeutet wie ein ordnungsgemäß geprüftes Patent. Da die Ausfertigung eines solchen Patentes oft lange Zeit in Anspruch nahm, könnte sich die spöttisch gemeinte Bedeutung "überflüssige Schwierigkeiten" daraus entwickelt haben. Eine andere Spur führt zu dem mittelhochdeutschen Wort visamente, das aus dem Altfranzösischen stammt und unter anderem mit Zierrat, Ornament übersetzt werden kann. Die schönste Erklärung des Wortes gibt indes nicht die Wissenschaft, sondern die volkstümliche Deutung. Danach geht der Ausdruck Fisimatenten nämlich auf "Visitez ma tente" – "Besuchen Sie mein Zelt" – zurück, ein Satz, mit dem französische Offiziere zur Zeit der napoleonischen Kriege deutsche Mädchen zu einem Rendezvous unter der Zeltplane eingeladen haben sollen. Volksetymologisch wurde der Begriff außerdem auf die Ausrede verspäteter Passanten bei den Kontrollen zurückgeführt: "Je viens de visiter ma tante" – "Ich habe eben meine Tante besucht".

Sprecherin:

Sie sehen, es gibt eine Menge Erklärungen zu diesem Begriff. Suchen Sie sich einfach die aus, die Ihnen am besten gefällt. Die Erklärung, man habe seine Tante besucht, wird einen französischen Kontrollposten nicht besonders beeindruckt haben. Mit einer solchen Ausrede wird es daher auch niemandem gelungen sein, sich aus der Affäre zu ziehen.

O-Töne:

"Ja, doch, das muss man ja doch andauernd tun, sich aus der Affäre ziehen, wenn man sich wieder einmal um Kopf und Kragen geredet hat, zum Beispiel, das heißt, sich aus der Affäre ziehen, um keine Ausrede verlegen sein, das man immer irgendwie 'ne Möglichkeit sieht, dem anderen, wenn er einen in die Ecke drängt, oder was auch immer passiert, das man dann irgendwie sagt, also meine Schuld ist es auf keinen Fall. / Oh, sich aus der Affäre ziehen ist typisch männlich. / Also, wenn sich jemand aus der Affäre zieht, dann macht er sich eben aus dem Staub, klammheimlich, trägt keine Verantwortung, will eben mit der Sache nichts zu tun haben und will die Konflikte auch nicht tragen, also, das ist so'n bisschen sich davonschleichen aus einer brenzligen Situation."

Sprecher:

Der französische Ausdruck affaire meint ganz allgemein die Angelegenheiten. Im Deutschen hat der Begriff dagegen den Beiklang des Peinlichen und Anrüchigen. Eine Affäre kann beispielsweise eine Liebschaft sein, besonders dann, wenn sie skandalträchtig ist. Sie kann sich aber auch auf eine skandalöse Angelegenheit in Politik und Wirtschaft beziehen.

Sprecherin:

Wer in eine solche Angelegenheit verwickelt ist, hat also allen Grund zu versuchen, sich aus der Affäre zu ziehen, sich also möglichst geschickt aus dieser Situation herauszuwinden. Er wird versuchen, sich klammheimlich aus dem Staub zu machen, wie meine Interviewpartnerin es formulierte, denn unter Umständen befindet er sich in einer höchst brenzligen Situation.

Sprecher:

Der Redewendung sich aus dem Staub machen liegt das Bild eines Schlachtgetümmels zugrunde, in dessen Staubwolken man unauffällig fliehen konnte. In der Redewendung schwingt eine negative Bewertung mit, denn wer sich aus dem Staub macht, lässt – um beim ursprünglichen Bild zu bleiben – seine Kameraden im Kampfgetümmel zurück, er flieht aus einer gefährlichen oder brenzligen Situation, in der – bildlich gesprochen – ein Brand kurz bevorsteht. Und er tut das heimlich oder – wie man auch sagen könnte – er tut es klammheimlich. Der Ausdruck klammheimlich ist aus zwei gleich bedeutenden Worten zusammengesetzt, nämlich aus Deutsch "heimlich" und Lateinisch "clam", was ebenfalls heimlich bedeutet. Klammheimlich ist also eigentlich heimlich-heimlich, eine Doppelung, die den Aspekt der Heimlichkeit noch betont.

Sprecherin:

Es gibt ja unendlich viele Möglichkeiten, sich in eine unangenehme Situation zu manövrieren. Der Journalist, den ich gefragt habe, hat es dabei meist mit Worten zu tun. Er redet sich mitunter um Kopf und Kragen.

Sprecher:

Die Redewendung sich um Kopf und Kragen reden oder bringen geht auf die mittelalterliche Praxis zurück, zum Tode Verurteilten mit dem Schwert den Kopf abzuschlagen. Wer sich um Kopf und Kragen redet, denkt jedoch nicht an die Folgen seines Tuns. Er handelt leichtsinnig, auch auf die Gefahr hin, dass er – um es mit einem anderen Bild aus diesem blutrünstigen Umfeld zu sagen – seinen Kopf riskiert, also mit anderen Worten, seine Existenz aufs Spiel setzt.

Sprecherin:

Auch wenn uns heute wegen einer unbedachten Äußerung zum Glück nicht mehr gleich der Kopf abgehackt wird, können wir uns doch durch das falsche Wort zur falschen Zeit in ernsthafte Schwierigkeiten bringen, oder mit anderen Worten, wir können durch eine unbedachte Äußerung in die Bredouille kommen.

O-Ton:

"Also, dass man in Schwierigkeiten steckt, und zwar nicht in irgendwelchen Schwierigkeiten, sondern die Gefahr lauert wirklich von allen Seiten, also wenn man beruflich zum Beispiel von verschiedenen Seiten attackiert wird, das hätte was für mich, wo ich sagen würde "Oh, da steckt jemand in der Bredouille"."

Sprecher:

Das französische Wort Bredouille bedeutet unter anderem Matsch. Wer in der Bredouille steckt, sitzt also mitten im Dreck. Die Redewendung in der Bredouille stecken oder sitzen, ist eine Übersetzung der zu Beginn des 19. Jahrhunderts geläufigen französischen Redewendung "être dans la bredouille", nämlich in der Patsche sitzen.

Sprecherin:

Mein Interviewpartner dachte bei dem Begriff Bredouille spontan an eine berufliche Situation, in der man von allen Seiten angegriffen wird. Dabei ist Kritik an sich ja nichts Schlimmes. Schlimm wird es dann, wenn die lieben Kollegen oder Vorgesetzten nicht an einer sachlichen Auseinandersetzung interessiert sind, sondern uns nur schikanieren wollen.

Sprecher:

"La chicane" bedeutet im Französischen die Rechtsverdrehung, die Spitzfindigkeit und auch das böswillige Bereiten von Schwierigkeiten. Der eingedeutschte Ausdruck jemanden schikanieren hat diese Bedeutung bewahrt und meint, dass man jemanden quälen oder bewusst ärgern will.

Sprecherin:

Wer in der Bredouille sitzt, ist in ernsthaften Schwierigkeiten und hat unser Mitgefühl verdient. Es gibt aber auch Leute, die nicht so ernst zu nehmen sind, weil sie einfach nur ein großes Brimborium um alles machen.

O-Töne:

"Wenn irgendeine Kleinigkeit passiert und man macht ein großes Brimborium dadrum, dann heißt das, dass man die ganze Sache entsetzlich aufbläht und sich selber dabei in den Mittelpunkt stellt und so eitel drumrum redet und die ganze Aufmerksamkeit für sich haben will. Ich denke, das ist 'nen Brimborium machen. / Wenn man rumzickt, also aus etwas ganz Normalem eigentlich etwas Schwieriges, Kompliziertes, Zickiges macht."

Sprecher:

Brimborium meint im Französischen eine unwichtige Kleinigkeit oder Bagatelle. Wer ein großes Brimborium macht, gibt dieser unwichtigen Kleinigkeit eine Bedeutung, die sie eigentlich nicht verdient. Er bläht sie auf wie einen Ballon, in dem letztlich nur Luft ist.

Sprecherin:

Ein solches Verhalten mag meine zweite Interviewpartnerin überhaupt nicht. Sie findet es zickig.

Sprecher:

Wer zickig ist, verhält sich wie eine junge Ziege, ein Zicklein, das übermütig herumspringt und nie das tut, was man von ihm erwartet. Im Allgemeinen sind damit wenig umgängliche Frauen gemeint, die ihren Mitmenschen mit ihren Launen das Leben schwer machen.

Sprecherin:

Dabei können Männer genauso zickig sein. Aber wie dem auch sei: Wenn einem jemand zickig kommt, muss man ihn oder sie – meiner Erfahrung nach – von Anfang an in die Schranken weisen. Und eine freche Bemerkung am besten gleich mit einer Retourkutsche beantworten.

O-Ton:

"Dass man innerhalb einer bestimmten Frist halt sofort, spontan jemand einer frechen Bemerkung ebenfalls eine freche Bemerkung zurückgibt und man obsiegt. Also, es hat schon was mit 'nem verbalen Fechten zu tun, so der eine sticht und man sticht aber zurück und man ist einfach noch origineller in der Retourkutsche als derjenige, der einem glaubte, etwas auswischen zu können."

Sprecher:

Die Retourkutsche ist von Französisch "retour" – nämlich zurück – abgeleitet. Gemeint ist ursprünglich eine Kutsche, die an einen Zielort und wieder zurück fuhr. Die Redewendung ist entsprechend alt und schon seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts belegt. Heute versteht man darunter, dass man eine freche oder kränkende Bemerkung mit einer ebensolchen Bemerkung pariert, dass man also die Kränkung oder Beleidigung gleich wieder zurückgibt.

Sprecherin:

Wie Sie hören, muss man keine Pferde anspannen, um eine Retourkutsche zu fahren. Ebenso wenig hat jemand, der einem immer mit derselben Tour kommt, eine Reise im Sinn.

O-Ton:

"Wenn jemand irgendwie so 'ne Leier fährt, immer mit denselben Worten, immer mit denselben Redewendungen um die Ecke kommt und einen damit irgendwie bezirzen will. Das empfinde ich als sehr unehrlich."

Sprecher:

Das französische Wort "tour" – "Reise" – hat in der Sprache der Hausierer und kleinen Gauner die Bedeutung Trick, Masche erhalten. Eine Masche ist ein immer gleiches taktisches Vorgehen, durch das man bei jemandem etwas erreichen will. Indem ein Mann einer Frau beispielsweise den schüchternen Jungen vorspielt, um sie ins Bett zu kriegen. Oder indem ein Kollege den anderen mit immer denselben Ausreden dazu bewegen will, einen unangenehmen Dienst zu übernehmen.

Sprecherin:

Unsere Interviewpartnerin nannte das eine Leier fahrrren, mit der man jemanden bezirzen will. Noch zwei umgangssprachliche Ausdrücke, die wir erklären sollten.

Sprecher:

Die Leier ist bekanntlich ein antikes Musikinstrument. Wer anderen immer mit der alten Leier kommt, spielt ihnen sozusagen immer wieder dasselbe Stück vor und das wird auf Dauer langweilig. Das Wort bezirzen bezieht sich auf eine Gestalt aus Homers Odyssee. Die Zauberin Circe wollte Odysseus verführen, der auf seiner Irrfahrt mit seinen Männern auf ihrer Insel gestrandet war. Doch Odysseus hielt ihr stand, bis seine Männer, die Circe in Wildschweine verwandelt hatte, wieder zurückverwandelt waren. Wer jemanden bezirzen will, verfügt zwar nicht unbedingt über Charme und Schönheit einer Circe, setzt aber wie sie alles daran, jemanden zu verleiten, etwas zu tun, was er ursprünglich vielleicht gar nicht tun wollte.

Sprecherin:

Wenn wir unsere Sendung noch einmal Revue passieren lassen, dann verdanken wir Deutschen den Franzosen doch eine ganze Reihe hübscher Ausdrücke und Redewendungen, von denen wir hier natürlich nur einen Teil auswählen konnten. Zum Abschluss erfahren Sie jetzt noch, was es heißt, etwas Revue passieren zu lassen.

O-Ton:

"Das bedeutet, dass man etwas vor seinem geistigen Auge noch 'mal ablaufen lässt, irgendetwas, was passiert ist, noch 'mal versucht, im chronologischen Ablauf so in seinem eigenen Kopf zu sehen."

Sprecher:

Das von französisch "revoir" – "Wiedersehen" – abgeleitete Wort Revue bezeichnet im Deutschen eine Aufführung mit mehreren aufeinanderfolgenden Sketchen oder Szenen. Wer bestimmte Ereignisse Revue passieren lässt, sieht auch eine Abfolge von Szenen, allerdings nur im Kopf. Es geht um Erinnerungen, die wir uns ins Gedächtnis rufen und quasi wie eine Theateraufführung vor unserem geistigen Auge noch einmal ablaufen lassen. Wir lassen sie noch einmal Revue passieren.

Fragen zum Text

Französisch war lange Zeit nicht nur Sprache der Adeligen, sondern auch …

1. der Behörden.

2. der Händler.

3. der Bettler.

Wenn man jemandem ziemlich auf die Nerven geht, dann …

1. redet man sich um Kopf und Kragen.

2. macht man Fisimatenten.

3. fährt man eine Retourkutsche.

Jemand, der immer dieselbe Tour fährt, der …

1. fährt jedes Jahr bei der Tour de France mit.

2. fährt immer dieselbe Strecke.

3. verhält sich immer gleich, um etwas zu erreichen.

Arbeitsauftrag

Erstellen Sie in der Gruppe einen Comic, in dem es um einen Soldaten geht, der ein Mädchen in sein Zelt einladen will. Verwenden Sie in der Geschichte möglichst viele Wörter und Redewendungen französischen Ursprungs.

Autorin: Annette Schmidt

Redaktion: Beatrice Warken

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