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Politik

Fischers Welt

Als Joschka Fischer noch Außenminister war, durfte er sich jahrelang über den inoffiziellen Titel beliebtester Politiker Deutschlands freuen. Demnächst freut er sich über Platz eins in der "Spiegel"-Bestseller-Liste.

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Fischers Memoiren sind unter dem Titel "Die rot-grünen Jahre" in einer aus Sicht des Autors sicherlich viel zu bescheidenen Auflage von 150.000 Exemplaren erschienen. Dass es dabei nicht bleiben wird, dafür sorgten der "Spiegel" und Fischer in einem Geschäft auf Gegenseitigkeit am Montag, drei Tage vor der offiziellen Buch-Präsentation mit einer Titelgeschichte: "Ich, Joschka Fischer." Unter der Verkaufsfördernden Schlagzeile der besorgt dreinschauende Außenminister a. D., auf den Innenseiten des Magazins exklusiv die ersten Seiten der Autobiografie. Die Marketing-Maschine läuft wie geschmiert.

Der Presse-Termin am Donnerstag gerät zum Medien-Spektakel. Hunderte Journalisten aus dem In- und Ausland lechzen nach Joschka. Der lässt sie wissen, seine Niederschrift sei keine Abrechnung, schon gar nicht mit seiner Partei, den Grünen.

Marcel Fürstenau

Reiner Zufall, dass Fischers Werk kurz nach dem Sonderparteitag seiner ehemaligen politischen Freunde zum Afghanistan-Einsatz auf den Markt kommt. Und eine Woche vor der Abstimmung über das weitere deutsche Engagement am Hindukusch, dem die Grüne Basis nicht mehr folgen will.

Fischers Partei ist ohne ihren langjährigen Frontmann zu ihren pazifistischen Wurzeln zurückgekehrt. Vor acht Jahren, am Himmelfahrtstag 1999, hatte sie den Pfad verlassen. Aus Angst, die ein Jahr zuvor bei den Bundestagswahlen erstmals gewonnene Macht zu verlieren. Und dieser Fall wäre eingetreten, wenn die Basis dem Kriegsbefürworter Fischer die Gefolgschaft verweigert hätte. Deshalb stimmte die Mehrheit für eine Beteiligung am Jugoslawien-Krieg.

Wie sich der rot-grüne Außenminister im Falle einer Niederlage verhalten hätte, liest sich so: "Ich würde dann sofort gegenüber dem Parteitag meinen Austritt aus Fraktion und Partei erklären und dem Bundeskanzler meinen Rücktritt als Bundesaußenminister anbieten." Weil es dazu nicht gekommen ist, konnte Fischer noch sechs Jahre Geschichte und den ersten Teil seiner Memoiren schreiben. So gesehen ist der ehemalige Vorzeige-Grüne durchaus ein Kriegsgewinnler.