1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Fischer dürfen weniger Heringe fangen

Weniger Heringe, mehr Dorsche: Die Fischereiminister der EU haben festgelegt, wie viele Fische 2010 in der Ostsee gefangen werden dürfen. Christopher Zimmermann spricht im Interview über diese Entscheidung.

Ein Schwarm Heringe (Foto: dpa)

Heringe dürfen weniger gefangen werden in der Ostsee

DW-WORLD.DE: Die EU-Kommission hatte ein Minus für den Hering von 21 Prozent vorgeschlagen. Wie vernünftig ist der Beschluss der EU-Fischerei-Minister?

Christopher Zimmermann: Der ist im Grunde schon vernünftig. Wir haben bei unserer Empfehlung das Hauptaugenmerk darauf gerichtet, dass der Fischereidruck nicht steigt. Wir sehen bei diesem Bestand, dass die Nachwuchsproduktion seit 2004 immer schwächer wird. Das sorgt selbst bei unveränderten Fangmengen dafür, dass der Fischereidruck steigt. Das musste verhindert werde. Diese 21 Prozent Reduzierung hätten verhindert, dass der Druck steigt. Damit ist noch nichts getan für die Stabilisierung dieses Bestandes, aber es wird wenigstens auch nichts schlimmer.

Der Dorsch beginnt sich zu erholen, der Hering aber nicht. Warum?

Fischkutter auf dem Meer (Foto: picture-alliance/dpa)

Fischfangpolitik muss mit Weitblick geplant werden

Das hat mit einiger Sicherheit Umweltgründe. Dass der Dorsch sich erholt hat, hat sowohl den Grund, dass die Nachwuchsproduktion in den letzten Jahren für die Bestände im Osten und Westen der Ostsee etwas besser ist, es hat aber auch die Ursache, dass der Fischereidruck stark reduziert wurde. Das hat leider weniger mit dem Wiederaufbauplan als vielmehr mit dem Regierungswechsel in Polen zusammen. Denn die polnische Fischerei hat über Jahre viel mehr entnommen, als sie durfte. Mit dem Regierungswechsel im vorletzten Jahr ist das weitestgehend reduziert worden und das hat sofort zu einer Erholung des östlichen Dorsch-Bestandes geführt. Die Nachwuchsproduktion ist maßgeblich von den Umweltbedingungen abhängig. Das sehen wir beim Hering in der westlichen Ostsee: Das ist kein Fischereieffekt, die Fischerei kann nichts dafür. Sie muss es aber am Ende leider ausbaden, denn wenn nichts nachwächst, kann nichts geerntet werden.

Sie haben die polnischen Fischer angesprochen, gehen wir aber einmal auf die russischen ein - denn die sind nicht an die EU-Fangquoten gebunden. Wie werden die sich verhalten?

Wir gehen davon aus, dass - so wie in den letzten Jahren - nach dem Beschluss der Minister eine Phase der bilateralen Verhandlungen mit Russland beginnt. Die Ostsee ist ja inzwischen fast ein EU-Binnenmehr, bis auf zwei kleine Zipfel vor Klaipeda in Litauen und vor St. Petersburg, die zur russischen Zone gehören. Dort gibt es sehr wenige Dorsche. Die Russen sind gut beraten, wenn sie mit der EU ein Fischereiabkommen schließen, so dass ihre Fahrzeuge auch in der EU-Zone Dorsche fangen können. Das wird wahrscheinlich wie in den letzten Jahren aussehen, dass eine zusätzliche Quote für Russland vereinbart wird. Die liegt dann wahrscheinlich zwischen 1700 und 2500 Tonnen, die die russischen Fahrzeuge auch in EU-Gewässern fischen dürfen.

Welche Ostsee-Anrainer-Staaten profitieren am meisten von dem Luxemburger Beschluss?

Christopher Zimmermann im Portrait (Foto: Institut für Ostseefischerei)

Christopher Zimmermann

Profitieren bezieht sich dabei auf die Dorschbestände, denn da sind die Quoten angehoben worden. Im Grunde profitieren alle, denn diese Dorschbestände kommen in der ganzen Ostsee vor. In der östlichen Ostsee sind die Quoten stärker gestiegen, das heißt, die Nutzer des östlichen Dorsches profitieren mehr davon - und das betrifft vor allem Schweden und Polen.

Die Fischer fordern immer noch höhere Quoten, denn sie möchten Geld verdienen möchten. Andererseits fischen sie sich so auch selbst das Meer leer…

Das stimmt, sie fischen es natürlich nicht leer, aber sie übernutzen den Bestand. Das führt dazu, dass sie mittelfristig viel weniger ernten können, als sie es könnten, wenn der Bestand in gutem Zustand wäre. Das ist aber ein zutiefst menschlicher Ansatz: Wenn ich die Auswahl habe, im nächsten Jahr sehr wenig zu verdienen und dafür in fünf Jahren mehr, aber im nächsten Jahr meine Kredite bezahlen muss, dann bin ich im Zweifel, eher bereit auf die langfristige Perspektive zu verzichten und kurzfristig mehr Ertrag rauszuholen. Das zeigt, dass ein Fischereimanagement deutlich langfristiger angelegt werden muss und man das nicht dem einzelnen Fischer überlassen kann.

Wie sehr ist denn der Verbraucher in der Pflicht?

Dorsche schwimmen im Wasser (Foto: dpa)

Der Dorschbestand in der Ostsee hat sich erholt

Der Verbraucher kann sehr viel tun, indem er darauf achtet, dass er Fisch mit einem Bio-Siegel, einem Nachhaltigkeits-Siegel kauft. Er kann sich anschauen, woher der Fisch kommt und seinen Fischhändler danach fragen, aus welchem Bestand der Fisch ist. Es gibt eine Initiative der Industrie, bis Ende 2010 freiwillig die Fanggebiete mit aufzudrucken oder kundzutun. Das war bislang nicht möglich. Vorgeschrieben ist nur, darauf zu schreiben "im Nordostatlantik gefangen" - und dort gibt es von Kabeljau oder Dorsch 13 verschiedene Bestände, die sich sehr unterschiedlich entwickeln können.

Woher weiß ich dann, aus welchen Beständen ich Fisch kaufen kann?

Das muss Ihnen der Fischhändler sagen, wenn er gut ist, oder Sie können sich bei uns informieren. Wir sind gerade dabei, ein Portal einzurichten, auf dem wir hinter den Fanggebieten auch die Bestandszustände hinterlegen.


Christopher Zimmermann ist Fischereibiologe und stellvertretender Leiter des bundeseigenen Instituts für Ostseefischerei in Rostock.


Das Interview führte Tobias Oelmeier.
Redaktion: Julia Kuckelkorn

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema