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Amerika

Fischer als Katastrophenhelfer

Entlang der Küste am Golf von Mexiko müssen die Fischer hilflos zusehen, wie das Öl ihre Lebensgrundlage vernichtet. Jetzt sollen sie der Ölfirma BP bei den Aufräumarbeiten helfen.

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Müssen sich von ihren Netzen verabschieden: die Fischer im Mississippi-Delta

Das Sandwich war für den dreijährigen Aaron zu groß. Er geht vor die Tür des Holzhauses, in dem er lebt, vorbei an hohen Schilfgräsern, direkt zum Wasser des Flusses Mississippi, der unweit von hier in den Golf von Mexiko mündet. Routiniert wirft Aaron die Essensreste in den Fluss. Binnen Sekunden tauchen direkt vor ihm Alligatoren auf und schnappen nach dem, was der kleine Junge ihnen hinwirft. Eine Weile schaut Aaron zu und wendet sich dann zufrieden einem anderen Spielzeug zu: Lebende Krabben, die ihm der Fischer Jesse Morris von seinem letzten Fang mitgebracht hat. Seit 50 Jahren fischt der kleine stämmige Mann zusammen mit Ehefrau Gloria in den Küstengewässern des US-Bundesstaates Louisiana. "Meine Frau und ich betreiben dieses Boot selbst.", erzählt Morris. "Ich steh' um vier, fünf Uhr auf und fahre raus. Jeden Tag, außer sonntags. Da gehe ich in die Kirche."

Jahresrückblick 2005 September Katrina

Gerade erst hatten sich die Mississippi-Fischer von den Sturmschäden erholt.

Nach dem Hurrikane die Ölpest

Naturkatastrophen haben dem 65 jährigen Fischer schon mehrfach im Leben alles genommen, was er sich erarbeitet hatte. Das letzte Mal vor fünf Jahren, als Hurrikane Katrina das Dorf Venice heimsuchte. Hilfe für ihn und seine Familie gab es danach nicht, sagt Morris: "Ich habe mein Haus und alles verloren, aber nichts bekommen vom Staat."

Seitdem der Ölteppich im Golf von Mexiko die Küstengewässer zu vergiften droht, hat Washington den Fischfang in den angrenzenden Regionen vorläufig verboten. Die Eheleute Morris dürfen nicht mehr aufs Meer.

Ölpest Öl Golf von Mexiko Einsatzkräfte

Arbeitslose Fischer sollen die Säuberungstrupps verstärken

Ohne Fischerei keine Einnahmen

Die laufenden Rechnungen muss die Fischerfamilie dennoch bezahlen. Ehefrau Gloria hofft, dass Washington den Fischern dieses Mal finanziell unter die Arme greift. "Es wäre schön, wenn wir Hilfe bekämen. Jetzt im Mai ist die Saison für das Fischen. Jetzt verdienen wir normalerweise unser Geld."

Inzwischen hat die Ölfirma BP mehrere Mitarbeiter in das Dorf Venice entsandt. Der Konzern unterbreitet Familie Morris einen Vorschlag. BP will ihr kleines Boot mieten. Das Schiff soll, so heißt es, bei der Bekämpfung des Ölteppichs eingesetzt werden. Im Kampf gegen die drohende Umweltverschmutzung wolle das Unternehmen das Wissen der örtlichen Bevölkerung nutzen , erklärt Michael Abendhoff von BP. "Wir arbeiten mit den örtlichen Fischern zusammen weil sie sich hier auskennen. Wir wollen wissen, wohin wir fahren, wenn wir mit den Aufräumarbeiten beginnen."

Mississippi Delta

Fischer Jesse Morris ließ sich von der BP als Helfer engagieren

Arbeit ohne Herzblut

Jesse Morris geht auf das Angebot von BP ein. Zur Abmachung gehört offenbar auch, das Boot vor laufenden Fernsehkameras zu übergeben. Doch bevor es so weit ist, muss Jesse Morris die Fischernetze abmontieren. Dabei schaut ihm Ehefrau Gloria traurig zu.

"Ich würde lieber Schrimps fangen gehen als das zu tun, was mein Man hier gerade macht.", sagt sie leise. "BP macht das doch nur, damit Kameras unsere Boote zeigen und sie sagen können: Immerhin sind die Boote draußen und die Männer arbeiten. Das machen sie nur, um selbst gut dazustehen."

Das Boot wirkt nackt und schmucklos ohne die Fischernetze, die normalerweise links und rechts wie Flügel das Schiff überragen. Bei der Übergabe an BP direkt am Flussufer gibt sich Fischer Jesse Morris freundlich, bleibt aber einsilbig. Er ist es nicht gewohnt, dass sich Scheinwerfer und Fernsehkameras auf ihn richten. Zumindest vorläufig wird er nicht mehr aufs Meer fahren zum Fischen.

Autor: Miodrag Soric

Redaktion: Nicola Reyk