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Wissen & Umwelt

Fischedick: "CO2-Speicherung hat viele Unsicherheiten"

Das Abtrennen und Speichern von Klimagas im Boden wurde häufig als neue Technologie im Kampf gegen den Klimawandel gesehen. Manfred Fischedick hält das für verfrüht - zumal unklar ist, wie sich CO2 im Boden verhält.

Manfred Fischedick (Vice President, Wuppertal Institute) © DW/K. Danetzki Aufgenommen am 22. Juni 2010 Canon EOS 5D 29 Aufrufe

Manfred Fischedick

Deutsche Welle: Herr Professor Fischedick, Carbon Dioxide Capture and Storage - kurz CCS - heißt die Technik für die Abtrennung und Speicherung von CO2 im Untergrund. Sie schreiben ein Buch darüber. Wie reif ist die Technik?

Manfred Fischedick: Demonstrationen und Forschungen haben die Technologie in Deutschland, in Europa und weltweit vorangebracht. Bei der Abtrennung von C02 am Kraftwerk und beim Transport gibt es Fortschritte. Trotzdem bleiben noch Unsicherheiten, vor allem bei der Speicherung.

Welche Unsicherheiten sind das?

Bei der Speicherung haben wir noch nicht zu 100 Prozent verstanden, was das CO2 im Untergrund macht. Wir kennen noch nicht die Wanderungsbewegungen des Gases und die chemischen Reaktionen. Das ist auch der Grund für die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz. Diese wäre jedoch dringend notwendig, um so eine neue Technologie umzusetzen.

Fehlt diese Akzeptanz überall?

In Deutschland fehlt sie bei der Mehrheit der Bevölkerung, deswegen wird auch gar nicht mehr über CCS diskutiert. Aber auch im restlichen Europa sehen wir zunehmend Widerstände, wo Projekte geplant worden sind. In den USA ist die Akzeptanz sicherlich deutlich größer.

Ist die Technologie der CO2-Abscheidung am Kraftwerk ausgereift?

Wir haben seit rund 30 Jahren Erfahrung wie man CO2 abscheidet - beispielsweise aus Rauchgasen von Kraftwerken oder aus anderen Industrieprozessen. Bisher fehlt noch die Erfahrung im Bereich von Großkraftwerken - aber technologisch wäre es machbar!

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Kann CO2 gespeichert werden?

Wie hoch sind die Kosten?

Bei solch großen Projekten fehlt noch die Praxis. Nach Hochrechnungen würden sich die Kosten für Kohlestrom mit der CCS-Technik um 60 bis 80 Prozent erhöhen. Darin enthalten wären dann auch die Kosten für C02-Transport und Endlagerung.

Kohlestrom aus einem neuen Kraftwerk mit CCS-Technik würde folglich über 13 Cent pro Kilowattstunde kosten. Sonnenstrom aus Großkraftwerken und Windstrom sind deutlich günstiger - sie liegen schon heute unter zehn Cent pro Kilowattstunde. Bedeutet das schon jetzt das Ende der CCS-Technik?

Kohlekraftwerke mit CO2-Abscheidung könnten noch günstiger werden. Dann hätte man einen Wettbewerb dieser Technologien auf der Kostenseite. Denn Länder wie China, Indien, Australien oder die USA werden auch weiterhin noch auf fossile Energieträger setzen und nicht nur ausschließlich auf erneuerbare Energien. Da macht es durchaus Sinn, die Technologie weiter zu verfolgen. Zudem können wir aus Klimaschutzgründen in eine Situation kommen, bestehende Kraftwerke nachzurüsten, um den CO2-Ausstoß einzudämmen. Wir sollten die Technologie also weiterentwickeln, offene Fragen klären und dann die Sicherheit bewerten.

Ab wann wäre eine Nachrüstung mit CCS-Technik von bestehenden Kohlekraftwerken in Ländern wie China, Indien oder USA möglich?

Man muss sicherlich mit etwa zehn Jahren rechnen. Das wird nicht an jedem Standort möglich sein, weil man dafür auch Platz braucht. Das ist eine kleine chemische Fabrik neben dem Kraftwerk.

Dann bleibt aber noch immer das Problem mit der sicheren Endlagerung von CO2…

Stimmt, das ist die große Frage! In Deutschland haben wir schon gute Erkenntnisse über die Geologie. In Ländern wie China, Indien oder in vielen anderen Regionen gibt es dagegen bisher wenig Wissen darüber, das Potenzial und die sichere Lagerung abschätzen zu können.

Es gibt also noch viele offene Fragen, die Technik ist teuer, frühestens in zehn Jahren einsetzbar und stößt noch auf enormen Widerstand. Die EU-Kommission und Internationale Energieagentur setzen aber auf die Technik. Zu Recht?

Es gibt einen Unterschied zwischen Wunsch und Realität. In Deutschland gab es Pläne für größere Demonstrationskraftwerke. Aufgrund des Widerstands in der Bevölkerung und der Politik wurden diese Pläne aufgegeben, auch in den Nachbarländern. Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, dass wir bis 2025 CCS im großen Maßstab in Europa und weltweit umsetzen. Trotzdem sollten wir weiter forschen und die Ergebnisse abwarten. Bis dahin rate ich zur Zurückhaltung.

Welche Energiestrategie würden Sie denn empfehlen?

Alle Szenarien in Europa und auf der Welt setzen auf den Ausbau erneuerbarer Energien und die Umsetzung der Energieeffizienzpotenziale. Auch für mich sind dies die beiden Schlüsselstrategien für eine sichere und auch klimaverträgliche Energieversorgung der Zukunft. Bei den erneuerbaren Energien sind wir in Deutschland auf einem guten Weg. Und viele andere Länder sind dabei aufzuholen.

Bislang hapert es noch bei der Energieeffizienz. Diese Potenziale sind kostengünstig, schnell nutzbar, die Technologien sind reif, liefern einen Beitrag zum Klimaschutz und sind sehr wirtschaftlich. Nur hat die Energieeffizienz bei der Politik leider im Moment nicht die Bedeutung, wie sie es eigentlich haben sollte.

Manfred Fischedick ist Energie- und Klimaforscher und Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie. In seinem aktuellen Buch beschreibt er die Technologie zur Abscheidung, Speicherung und Nutzung von klimaschädlichem CO2 sowie die wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Aspekte der CCS-Technologie. Titel des Buches: "CCS-Technologie" .

Das Gespräch führte Gero Rueter.

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