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Welt

Finnland: Weltmeisterschaften im Sumpftretball

Wenn Verrücktheit eine Grenze hat, dann wird sie im ostfinnischen Hyrynsalmi wenn nicht überschritten, dann aber mit Sicherheit ausgereizt: Bei den "Weltmeisterschaften im Sumpftretball".

Teilnehmer der Sumpftretball-WM in Aktion

Alle Jahre wieder: mehr Show als Spiel

Jedes Jahr Mitte Juli lädt die kleine Gemeinde Hyrynsalmi, die rund 650 Kilometer nordöstlich von Helsinki liegt, zu den Weltmeisterschaften ganz besonderer Art ein. Was vor zehn Jahren mit einer Handvoll finnischer Mannschaften bescheiden begann, ist mittlerweile zu einem Großspektakel geworden. In die endlosen Sumpf- und Waldgebiete Ost-Finnlands machten sich in diesem Jahr rund 260 Frauen- und Männerteams aus Finnland, Norwegen, Russland und Dänemark auf.

Wie man im Sumpf den Alltag vergisst

Einige Leute auf dem Turnierplatz

Der Turnierplatz vor dem Sturm

"Pölhövaara", zu Deutsch: "Idiotengefahr", ist ein Sumpfgebiet nahe der Gemeinde Hyrynsalmi. In welche Richtung man auch schaut - Wälder und Sumpfland. Ein grünes Nichts. Wie ein Jägerhochsitz ragt ein Holzgerüst aus der Ebene. Vom Hochsitz aus dirigiert der Turnierleiter das Geschehen auf den umliegenden Spielfeldern.

Die Fußballplätze sind mit gelben Kunststoffbändern markiert. Sie ähneln eher zerwühlten Wildschweingehegen. Das Spiel um den Ball dauert zwei Mal 25 Minuten – auf Sumpfboden ist es ein Waten, Kriechen oder Rudern im dunkelbraunen Morast. Ein leuchtend rotes T-Shirt ist bald nach Anpfiff nur noch ein dreckiger Lappen. So manches Gesicht, so manche Frisur ist mit Torfschlamm beschmiert.

"Wer ist kein Schlappschwanz?"

Hyrynsalmi auf der Landkarte

Spielfeld 4, schwerster Boden, es regnet. Das Spiel des Teams "Lomalyly" gegen den FC Killer beginnt. Je fünf Feldspieler und ein Torwart. Der Torwart von Lomalyly steckt bis zu den Knien im Modder. Einem Verteidiger gelingt es nur mit Mühe, seinen rechten Fuß aus der Tiefe zu ziehen, um den Ball in Richtung gegnerische Spielhälfte zu treten. Vom heranrudernden Angreifer wird er einfach in den Schlamm gedrückt. Aufmunterndes Brüllen vom Spielfeldrand: "Wer wird Sieger?" - "Lomalyly!" - "Wer ist kein Schlappschwanz?" - "Lomalyly!" - "Wer wird Meister?" - "Lomalyly!"

Fußballerisches Talent werde während der insgesamt 880 Spiele jedenfalls nicht gebraucht, kommentiert Sari Knappe trocken die Darbietung der Männer. Sie gehört zu einem der Damenfußballteams. Man sei vor allem hier, um Spaß zu haben und den Teamgeist zu festigen, sagt sie. Die Teilnahmegebühr von knapp 200 Euro pro Team sei der Spaß Wert. Gemeinsamkeiten mit Fußball? "Kaum. Die beiden Tore und der Ball. Ach ja, auch der Schiedsrichter, aber der ist eigentlich nur eine Requisite am Spielfeldrand", sagt Sari.

Tretball-Karneval

Einige Finnen am Steg

Jorma: "Platz da, ich will in den Teich!"

Mehr Gemeinsamkeiten gibt es mit dem Karneval: Perücken mit Zöpfen oder Dauerwelle, in Knallgelb oder Pink, überdimensionale Sonnenbrillen, auch nützlich gegen Schlammspritzer. Die Spielerkleidung reicht von knappen Shorts über Anzug, Krawatte und Unterwäsche bis hin zur Berufsbekleidung. Ein Team aus Krankenpflegern einer psychiatrischen Klinik tritt in weißen Kitteln und grünen Kopfhauben an.

Etwas abseits der Spielfelder, wo das Sumpfland in einen See übergeht, steht ein aus Brettern zusammengezimmerter, langgestreckter Schuppen. Draußen qualmt es, drinnen zischt es. Sechs Räume, darin je zwei Saunaöfen. Hier hat die Sauna ihren ursprünglichen Zweck. "Man kann sich nach dem Spiel reinigen und aufwärmen. Es wird wirklich heiß drinnen. Und die Stimmung ist super." Vom Holzsteg stürzt sich ein Muskelpaket namens Jorma mutig in den See.

Ausländer reiben sich erstaunt die Augen

Verkleidete Menschen auf einem Steg vor der Sauna

In der Sauna geht die Party weiter

Das Wasser ist glasklar, die Temperatur mehr als erfrischend: zehn Grad Celsius. In einem großen Zelt bei der Sauna wird reichlich Bier getankt. So etwas habe er noch nie gesehen, geschweige denn selbst mitgemacht, sagt etwas fassungslos Rafael aus Polen, einer der 3500 Teilnehmer.

Am meisten erstaunt ist der Austauschstudent über die Ausgelassenheit der Finnen: "Die Finnen sind ja normalerweise eher von der ruhigen Sorte, aber hier sind sie ganz anders. Vielleicht liegt es auch an der Menge Alkohol." Taranga, Informatik-Student aus Sri Lanka und Teamkollege von Rafael, nimmt das ganze gelassen. "Ich bin ja schon seit acht Monaten in Finnland. Für mich ist das Okay."

Aufs "Sisu" kommt es an

Schlammverschmierte Männerbeine

Den Alltag vergessen - im Sumpf

Zurück zu Spielfeld 4, wo der Kampf des Teams "Lomalyly" gegen den FC Killer mit 1 zu 1 unentschieden endet. Die Stimmung sei ein wenig gedrückt, sagt Mannschaftskapitän Pekka Keränen, im Zivilberuf kirchlicher Gemeindearbeiter in Helsinki: "Wir suchen noch unseren Spielrhythmus. Erst mit dem Rücken gegen die Wand läuft es sich ordentlich. Im nächsten Spiel ein Sieg und wir sind weiter. Jetzt kommt es nur darauf an, das Sisu hervorzuholen."

Sisu – das finnische Zauberwort bedeutet Ausdauer und Kampfgeist. Sisu kommt. Man ist sich sicher. Die Lomalylys sind schon das neunte Mal dabei. Erwachsene Männer, besonnene, ruhige Familienväter mit ernsthaften Berufen. Aber im Juli zieht es sie in die Sümpfe. Dafür hat man alles Private zurückgestellt - für drei Tage im Schlamm, mit der vagen Hoffnung auf Pokal und Medaille, die auch dieses Mal nicht in Erfüllung ging. Es reichte nur bis zur Runde der besten 32 Teams. Pekka Keränen kann sich die Begeisterung nur so erklären: "Das Wühlen im Schlamm ist ein einmaliges Erlebnis, und der Alltag ist im Nu vergessen."

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