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Europas Kulturhauptstädte

Finnisch schräg: Turku kuriert mit Kultur

Schwitzen in einer Knoblauch-Sauna und Konzerte auf den Inseln: Finnen sind hartgesotten, sie lieben ihre Natur und ausgefallene Kunst. Turku ist 2011 eine von zwei Kulturhauptstädten Europas.

Kunstinstalation 'Glashaus Night' (Foto: Max Gross)

Installation "Glasshouse Night" von Max Gross

Dass es Turku überhaupt noch gibt, grenzt an ein Wunder: Rund 30mal ist die älteste Stadt Finnlands schon abgebrannt. Doch Turku begegnet seiner mehr als 750 Jahre alten Geschichte mit Selbstironie, was schon das diesjährige Logo - eine Flamme - zeigt. "Wir brennen für Kultur", sagt Saara Malila, Sprecherin der Kulturhauptstadt, "wir wollen künstlerische Energien entfachen." Brennen - "palaa" - heißt auf Finnisch aber auch zurückkommen: "Turku ist zurück", sagen die Macher und spielen auf den ewigen Rivalen Helsinki an. 1819 musste Turku seinen Hauptstadtstatus abtreten. Doch die Stadt mit ihren 175.000 Einwohnern muss sich keineswegs verstecken.

Turku als Tor zu Europa

Vor den Toren der Stadt erstreckt sich mit 20.000 Inseln das größte Schärengebiet weltweit. Schären sind kleine Inseln, die in der Eiszeit durch Gletscher des Inlandeises abgeschliffen wurden. Deshalb haben sie eine charakteristische rundliche Oberfläche. Manche sind nur wenige Quadratmeter groß, andere mehrere Quadratkilometer, und viele von ihnen liegen oft nah beieinander. Schären gibt es vor allem in Skandinavien und Kanada.

Burg zu Turku (Foto: Jenni Roth)

Das Wahrzeichen der Stadt - Die Burg

Am südwestlichen Rand Finnlands gelegen war Turku schon immer ein Tor zu Europa. Mit den Handelsleuten, besonders aus Deutschland, kamen immer neue Ideen. Die Stadt blieb offen für die fremden Einflüsse - und trumpft gleichzeitig mit Wahrzeichen ihrer Geschichte, etwa mit der Burg zu Turku, auf. Es ist eine der wenigen Burgen im Land und das größte noch erhaltene mittelalterliche Gebäude Finnlands.

"Wir sind mächtig stolz auf unsere Burg", sagt Reijo Mäki, Krimiautor und Werber für den Stadttourismus. Seit der Autor seinen Detektiv Jussi Vares die Abende in der "Uusi Apteekki" verbringen lässt, kommen Touristen hierher, um die Bar zu sehen: Die "Neue Apotheke" ist eigentlich eine alte; die Medizinschränke stammen noch aus der Jahrhundertwende, der Verkaufstresen dient als Bar. Sie ist wie das "Klo", die "Alte Bank" oder die "Schule" eine der Themenkneipen der Stadt. "Vielleicht liegt es an den vielen Studenten", sagt Mäki. "Jedenfalls ist Turku eine Brutstätte für Subkultur." Auch im Kulturjahr gibt es durchaus schräge Programmpunkte, vom Wrestling mit Akkordeon-Musik bis zum Heavy-Metal Musical.

Schwitzen in der Knoblauchzehe

Von Turkus Offenheit profitiert auch Jan-Erik Andersson. "Hier habe ich fünf Jahre um eine Bauerlaubnis gekämpft. In Helsinki hätte ich sie wohl nie gekriegt", sagt der Künstler. Sein Haus hat den Grundriss eines Ahornblattes, schräge Wände, Fenster in Kussmund-Form und ein gläsernes Dachgeschoss, zu dem eine Art Kapitänsbrücke führt. Der Fußboden könnte von Pippi Langstrumpf bemalt sein und im Tischfuß lagern Weinflaschen.

Sauna in Form einer Knoblauchzehe (Foto: Jenni Roth)

Die Sauna von Jan-Erik Andersson

In Anderssons Garten steht eine große gelbe Knoblauchzehe. Im Sommer sollen die Besucher der Kulturhauptstadt darin schwitzen. Die Idee für diese Sauna kam Andersson in Russland: "Dort haben sie diese zwiebelförmigen Kuppeln auf den Kirchen. Ich wollte mit der Knoblauch-Kuppel unsere grauen Hochhäuser verschönern - und auf unsere russische Vergangenheit anspielen." Die Sauna aus Fiberglas zieht bald als Teil des Projekts "Let's talk Sauna" mit weiteren vier von finnischen Künstlern entworfenen Saunen in den Stadtpark um.

Liebloser, aber praktischer Einheitsbrei

Ziemlich finnisch ist auch das Stadtbild: Das Praktische überwiegt, wenn auch etwas Nordisch-Romantisches über dem äußerlich rauen und drinnen doch warmen Turku liegt. Und doch ist Turku auf den ersten Blick nicht schön. Rund um den Marktplatz stehen fahle 60er-Jahre-Wohnklötze, die aus Ostberliner Plattenbausiedlungen stammen könnten. Warmer, gut isolierter Wohnraum ist das, aber vor allem "viel liebloser Einheitsbrei", sagt Stadtführerin Katri Oldendorff.

Der Fluß Aurajoki und die Domkirche St. Marien (Foto: Jenni Roth)

Der Fluß Aurajoki und die Domkirche St. Marien prägen das Stadtbild

Doch Turku hat durchaus Charme: Da ist das Wahrzeichen der Stadt, die Domkirche St. Marien. Sie gilt als Nationalheiligtum und ist Sitz des Bischofs. Die Turmspitze stammt von Carl Ludwig Engel, den die Finnen vor allem als Erbauer des Bahnhofs von Helsinki kennen. Turku schmückt sich mit Kulturtempeln wie dem Kunstmuseum Wäino Aaltonen.

Das Stadtbild wird geprägt durch denn alleengesäumten Fluss Aurajoki. Dieser fließt vorbei an Cafés, an der Universität und der Bibliothek, die Oldendorff als das "zweite Wohnzimmer der Turkuer" beschreibt. Der Aurajoki bietet eine prachtvolle Kulisse für die Kulturhauptstadt. Ein Stück weiter draußen, Richtung Meer, bietet er hingegen auch einen unverstellten Blick auf die Wirtschaftskrise, unter der Finnland leidet.

Kultur auf Rezept

Turku ist traditionell eine Schiffbau-Arbeiterstadt. Jetzt steht der größte Arbeitgeber, die Werft, kurz vor der Pleite. Und weil gerade jetzt die Stadt 18 Millionen Euro in die Kulturhauptstadt steckt, hagelt es Proteste. Doch Saara Malila ist überzeugt: "Wir haben insgesamt 50 Millionen Euro zur Verfügung - und werden daraus 200 Millionen machen." Mittlerweile hat sie Politik und Öffentlichkeit mit ihrem Optimismus angesteckt. "Aber es hat lange gedauert, sie zu überzeugen, dass die Investitionen auch der Wirtschaft helfen." Zwei Millionen Besucher erwartet sie zu den 150 verschiedenen Veranstaltungen.

Ganz nach dem Motto "Kultur kuriert" verschreiben sogar die Ärzte statt Schmerztabletten gern auch mal Kultur, damit die Turkuer ihr kreatives Potenzial entfalten. "Auch sonst ist der Kulturtitel ein Motor für unsere Stadt", sagt Malila. Ohne ihn gäbe es wohl auch das Logomo noch nicht. Ehemals ein Bahnwerk, soll es fortan als Kulturzentrum Künstlern, Architekten und Kommunikationsdesignern offen stehen. Und die werden ihre schrägen Ideen auch nach 2011 ausbrüten.

Autorin: Jenni Roth
Redaktion: Fabian Schmidt

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