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Bücher

"Finis Germania" und Co. - Rechte Vordenker und ihre Verlage

Neue rechte Kleinverlage haben Konjunktur. Antisemitische Autoren finden hier eine Heimat. Was sind ihre Bestseller? Was machen die älteren Verlage? Und: Wie konnte "Finis Germania" die Sachbuch-Bestenliste kippen?

Michael Stuerzenberger (Imago/ZUMA Press)

Der rechtspopulistische Blogger Michael Stuerzenberger promotet Akif Pirinçcis Polemik "Deutschland von Sinnen".

Es gibt sie noch, die Verlage der "Alten Rechten". Den "Druckschriften- und Zeitungsverlag" (DSZ-Verlag) des verstorbenen ehemaligen DVU-Vorsitzenden Gerhard Frey zum Beispiel, mit seinem Flaggschiff "National-Zeitung". Und auch der in Tübingen ansässige Verlag "Grabert" und sein Tochterunternehmen "Hohenrain" existieren noch. Sie werden seit langem vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet. Ihr Programm: Geschichtsrevisionismus und Volksverhetzung. Der publizistische Blick dieser Verlage ist rückwärtsgewandt, glorifiziert die nationalsozialistische Vergangenheit.

Doch dieser Blick erscheint für die Neue Rechte wenig attraktiv. Die Neue Rechte will jüngere und breitere Publikumsschichten ansprechen als die an Nachkriegsdeutschland orientierte Generation. Sie hat sich ihre eigenen Plattformen geschaffen, über die sie ihren "neuen Bürgerkrieg" - so die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot - führen kann. Die Neue Rechte baut auf eine ganze Reihe von oft esoterisch angehauchte Kleinverlage, Internetforen und Zeitschriften. Dazu gehört zum Beispiel auch der nach einer Zeitschrift von Ernst Jünger benannte Verlag "Antaios".

Der "Finis Germania" - Skandal: eine exemplarische Debatte

Buchcover 'Finis Germania' von Rolf Peter Sieferle (Verlag Antaios)

Buchcover 'Finis Germania' von Rolf Peter Sieferle

"Antaios" hatte im September 2016 "Finis Germania", das Nachlasswerk des durch Suizid verstorbenen Heidelberger Politologen und Historikers Rolf Peter Sieferle, veröffentlicht und damit einen Skandal ausgelöst. Ein "Spiegel"-Redakteur hatte den rechtslastigen Essayband im Juni 2017 "bewusst" als ein "sehr provokantes Buch" auf die Bestenliste der "Sachbücher des Monats" gesetzt. Andere Juroren distanzierten sich von dieser Ansammlung von Glossen und Polemiken, denen die "Zeit" "völkisches Geraune, eine Führerbunker-Melancholie und bebende Schicksalsdramatik" attestierte. Der "Norddeutsche Rundfunk" stellte wegen dieser "gravierenden Fehlentscheidung" die Zusammenarbeit mit der Jury ein, die "Süddeutsche Zeitung" setzte den Abdruck der Bestenliste aus. Man dachte, die Debatte um das Buch sei damit vorbei.

Doch die Auseinandersetzung war nicht beendet. Insbesondere die aktuell wieder heftig geführte Antisemitismus-Debatte in Deutschland verhinderte, dass die Diskussion über Sieferles Buch abebbte. Hier wirkt auch noch der Historikerstreit der späten 1980er Jahre nach, an dem mehrere Historiker beteiligt waren, und in dessen Kern es um eine Relativierung des Holocaust ging. 

Renommierte Politologen bewerten Sieferles Thesen als antisemitisch

Sieferle stellt den Holocaust in seinem Buch in eine Reihe von Großverbrechen des 20. Jahrhunderts. Außerdem benutzt er den Begriff "Auschwitz-Mythos". Sind Sieferles Thesen antisemitisch? Hat er Auschwitz damit relativiert, vielleicht sogar geleugnet?

Kollegen wie der Politologe Herfried Münkler und der Historiker Volker Weiß kritisierten das Werk als zynisch und eindeutig antisemitisch. Andere, wie der Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski, monierten, der eigentliche Skandal bestehe darin, ein Buch durch eine "fahrlässig und hysterisch geführte Debatte" zu skandalisieren.

Autor Herfried Münkler (picture-alliance/dpa)

Der Politologe Herfried Münkler kritisiert Sieferles Werk scharf

Publicity für einen rechten Verlag

Die Diskussion um Sieferles Werk ist bezeichnend für eine große gesellschaftliche Unsicherheit. Nicht immer lassen sich rechte, rechtsextreme und antisemitische Positionen auf den ersten Blick erkennen, auch nicht immer anhand ihrer Publikationsplattform.

Götz Kubitschek als Leiter des neorechten Verlagshauses "Antaios" dürfte auf seinem Rittergut Schnellroda in Sachsen-Anhalt über so viel Publicity gejubelt haben. Im Juni stand "Finis Germania" neun Tage lang auf Platz 1 der Buch-Bestsellerliste von Amazon, auch auf der Spiegel-Sachbuch-Bestsellerliste war es Anfang Juli noch zu finden.

"Manuscriptum" - der Verlag für Fremden-, Schwulen- und Frauenhass

Vertrieben werden Sieferles Bücher auch über "Manuscriptum", einem von drei Kleinverlagen des "Wertschöpfungsverbunds Thomas Hoof". Hoof war ursprünglich Landesgeschäftsführer der Partei "Die Grünen" in Nordrhein-Westfalen und bis 2008 Inhaber von "Manufactum", einem Unternehmen für - nach eigenem Anspruch - qualitativ hochwertige, langlebige Dinge.

Land- und Forstwirtschaft gehören auch heute noch zu den Themenschwerpunkten der Verlagsbuchhandlung. Hoofs wahrer Kampf aber gilt der politischen Korrektheit und den Einwanderern. Folgerichtig erschien bei "Manuscriptum" als erster Band einer neuen Reihe von Vierteljahresschriften Rolf Peter Sieferles letztes Werk, eine kurze Studie unter dem eindeutigen Titel: "Das Migrationsproblem: Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung".

Umstrittene Autoren als Sprachrohr der Neuen Rechten

Akif Pirincci in München (picture-alliance/dpa/U. Düren)

Akif Pirinçci benutzt die Standardrhetorik der Neonazis

Verlegerisches Asyl bei "Manuscriptum" gefunden hat auch der islamfeindliche, rechtspopulistische Pegida-Demagoge Akif Pirinçci, nachdem der ehemals erfolgreiche Autor von Katzenkrimis bei "Random House" rausgeflogen war. Seinem szenetypischen Schwulen- und Frauenhass hat er dort 2015 in "Die Große Verschwulung" Luft gemacht. Sein letztes Pamphlet, "Die Umvolkung Deutschlands", erschien bei "Antaios". Der reguläre deutsche Buchhandel bestreikt Pirinçcis Bücher.

Auch Thor Kunkel, der Pirinçci gegen den Vorwurf, ein Hassprediger zu sein, verteidigte, ist den Weg vom unkonventionellen Schriftsteller zum rechten Demagogen gegangen. Der Wendepunkt kam 2004 mit Kunkels drittem Roman "Endstufe", der schon vor dem offiziellen Erscheinungstermin äußerst kontrovers diskutiert wurde. (Iris Radisch von der "Zeit" kritisierte damals die Schilderung einer "Berliner Bananenrepublik im NS-Design".) Der "Rowohlt"-Verlag stellte die Zusammenarbeit mit dem Autor ein, der "Eichborn"-Verlag und "Matthes & Seitz" übernahmen.

Seit 2009 lebt Kunkel in der Schweiz und betätigt sich als PR-Berater. Im Wahlkampfjahr 2017 berät er die AfD. "Ich stelle (...) den Gemütszustand eines total gedemütigten Volkes in Frage, das vor der Wirklichkeit kapituliert. Kein Deutscher ist verpflichtet, sein Leben auf Knien zu leben", begründet er sein Engagement in einem Interview auf seiner Webseite.

Rechtes Gedankengut in geschickter Verpackung

Antisemitismus gehört nicht immer offensichtlich zum Programm rechter Verlage, wie die Bücher des "Kopp"-Verlags mit Sitz im schwäbischen Rottenburg am Neckar zeigen. Zu seinen Bestsellern gehören die Bücher von Udo Ulfkotte, die apokalyptisch klingende Titel wie "Vorsicht Bürgerkrieg! Was lange gärt, wird endlich Wut", "Gekaufte Journalisten" und "Die Asyl-Industrie" tragen. Darin warnt der ehemalige Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vor Islamismus, Parallelwelten, dem "Albtraum Zuwanderung" und der "Lügenpresse".

Melanie Dittmer und Udo Ulfkotte bei einer Kundgebung im Kleinbus (picture-alliance/Geisler Fotopress/A. Kaiser)

Udo Ulfkotte und Melanie Dittmer bei einer Rede "gegen die Islamisierung des Abendlandes" in Bonn

Die "Mainstream-Medien" unterdrücken angeblich Meinungen

"Fakten und Meinungen, die in den Mainstream-Medien tabuisiert und unterdrückt werden", will Verleger Jochen Kopp nach eigenem Anspruch präsentieren, und das tut sein Unternehmen sehr geschickt. Dutzende Mitarbeiter sind bei "Kopp" beschäftigt, um neben "brisanten Büchern" Naturkosmetik, Outdoor-Ausrüstung und Saatgutpakete zu vertreiben.

Kreativ ist auch die "Identitäre Bewegung", eine Gruppierung innerhalb der Neuen Rechten. Sie sucht sich neue Publikationsformen im Internet und tritt jugendlich-popkulturell auf. Akteure und Sympathisanten verbinden sich europaweit über Soziale Netzwerke, jeder kann aktiv werden, jeder kann publizieren und dabei erwünschtermaßen "politisch inkorrekt" sein. Man beruft sich auf Meinungsfreiheit und nationale Werte, ersetzt die ethnisch motivierten Klischees des Antisemitismus durch die des Anti-Islamismus.

Populismus und Nationalismus digital und am Kiosk

Die Internetplattform "FreieWelt.net" wird von Sven von Storch herausgegeben. Der Ehemann der AfD-Politikerin Beatrix von Storch zitiert die Tradition des "Gewissensaufstands" des 20. Juli 1944 und "das Menschenbild der jüdisch-christlichen Tradition", um "Deutschlands Erneuerungsprozess" zu propagieren und Merkels Flüchtlingspolitik zu verdammen. Eine scheinbar seriöse journalistische Hülle verbirgt rassistische Forderungen.

Blockade der Identitären Bewegung vor der CDU-Zentrale - Jürgen Elsässer und Götz Kubitschek (picture-alliance/dpa/B. von Jutrczenka)

Jürgen Elsässer (l.) und Götz Kubitschek bei einer Blockade-Aktion der Identitären Bewegung vor der CDU-Zentrale in Berlin

Offensiv den Kampf für Rechts führt ein ehemaliger Linker, Jürgen Elsässer, bis 2003 Redakteur der Zeitschrift "Konkret", seit 2010 Chefredakteur des rechtspopulistischen Monats-Magazins "Compact". Einer seiner Helden ist Wladimir Putin, sein Feindbild ist Kanzlerin Angela Merkel und deren Flüchtlingspolitik. Die Zeitschrift aus Berlin mit einer Verlagsadresse in Werder gilt als das einflussreichste Presse-Organ der Neuen Rechten. "Compact" hat nach Angaben der Herausgeber eine rasch wachsende Auflage von 80.000 und eine umfangreiche Online-Präsenz.

Nähe zur amerikanischen Alt-Right-Bewegung

Sie gibt sich offen für "schillernde Quertreiber und Polit-Trolle" wie den bekennend schwulen ehemaligen Breitbart-Redakteur und Autor Milo Yiannopoulos. Die Nähe zur amerikanischen Alt-Right-Bewegung und der Breitbart-Redaktion zeigt sich in ihrem Claim "Lesen, was andere nicht schreiben dürfen". Begriffs-Zombies wie "Lügenpresse" gehören zu ihren Standards.

Ob Pegida, Reichsbürger, die Identitären, die AfD, Kleinparteien oder andere Initiativen, sie alle haben unterschiedliche Publikationsforen gefunden. Viele davon sind untereinander vernetzt, einige sind offen antisemitisch, andere islamophob, schwulen- und frauenfeindlich. Rechts oder rechtsextrem sind sie alle, und ihr gemeinsamer Feind ist in jedem Fall die "Lügenpresse".

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