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Afrika

Fingerabdruck für Kongos Blutmineralien

Deutsche Forscher wollen den Rebellen in der DR Kongo den Geldhahn abdrehen. Ähnlich wie beim Kimberley-Prozess für Diamanten wollen sie ein Zertifikat für Mineralien einführen.

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Minenarbeiter: Wie Maulwürfe buddeln sich die Minenarbeiter im Kongo in die Erde

Tief unten in einer dunklen Felsspalte graben Männer Löcher ins Gestein. Sie graben nach seltenen Erzen: Coltan, Kassiterit und Wolframit – aus denen sich Bestandteile herstellen lassen, die in Handys oder Computern verarbeitet werden. Auch der deutsche Geologe Uwe Näher ist auf der Suche nach diesen Rohstoffen. Keuchend steigt er den Steilpfad hinauf. Er zeigt auf einen weißen Quarzfelsbrocken, in dem schwarze Striemen zu sehen sind. Das sei Wolframit, nach dem die Männer graben, erklärt Näher. Die Mission des Forschers von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover (BGR): Näher sucht nach Lagerstätten seltener Mineralien, um ihren geochemischen Fingerabdruck zu nehmen.

Erze finanzieren den Krieg im Kongo

Fingerabdruck für Blutmineralien

Segen oder Fluch: Kongos seltene Rohstoffe sind weltweit als Blutmineralien verschrien

Vier Stunden lang hat sich der Wagen des Wissenschaftlers die Berge des Ostkongo hinauf geschlängelt, vorbei an Soldaten, die ihre verletzten Kameraden ins Tal tragen. Die Truppen kämpfen gegen die ruandische Hutu-Miliz FDLR; es geht um die Kontrolle über die Minen. Seit 15 Jahren schon herrscht Krieg in der Region südwestlich des Kivu-Sees, der den Kongo von Ruanda trennt. Ein Krieg, der durch den Handel mit kostbaren Erzen finanziert wird. Coltan, Kassiterit und Wolframit sind ihre mineralogischen Namen, und sie finden sich in vielen der Verwerfungen in den Bergen entlang dem ostafrikanischen Grabenbruch. Gewonnen werden daraus die Metalle Tantal, Niob, Zinn und Wolfram.

Vor allem die deutsche Hightech-Industrie sei auf diese Rohstoffe angewiesen, so eine Studie des Berliner Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Aus Coltan werden Tantal und Niob extrahiert, ohne die sich die winzigen Kondensatoren in Mobiltelefonen nicht bauen ließen. Kassiterit wird zu Zinn verhüttet, aus dem Weißblechbeschichtungen und korrosionsbeständige Legierungen gemacht werden. Wolfram dient zur Herstellung von Werkzeugstahl.

Ein Millionengeschäft für Rebellen

Deshalb unternimmt der deutsche Geologe Uwe Näher nun diese abenteuerliche Mission. Er sucht nach Rohstoffminen, um Proben der seltenen Mineralien mit nach Deutschland zu nehmen. Die Forscher von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover (BGR) haben ein Verfahren entwickelt, mit dem man im Labor den Fingerabdruck der Mineralien nehmen kann. Nur wenige Kieselstein-große Erzkörnchen reichen aus, um genau zu analysieren, aus welcher Mine das Erz stammt.

Das Problem: Sobald die Coltan-Steinchen – tief aus dem Dschungel des Ostkongo – an der Grenze zu Ruanda ankommen, werden sie gewaschen und in riesige Fässer gefüllt, bevor sie exportiert werden. Lieferungen aus verschiedenen Minen werden vermischt, und niemand kann mehr feststellen, wo das Coltan herstammt.

Einige Minen werden von Rebellen kontrolliert. Ein gutes Geschäft. Die Menschenrechtsorganisation Enough hat ausgerechnet, dass die Rebellen 225 Millionen Dollar pro Jahr aus dem Mineralienhandel erwirtschaften. Enough hat weltweit Kampagnen gestartet: Elektronikfirmen wie Nokia oder Apple sollen garantieren, dass in ihren Mobiltelefonen keine Blutmineralien verarbeitet sind. Viele internationale Firmen haben deshalb den Import aus dem Kongo eingestellt, so auch der weltweit größte Coltan-verarbeitende Konzern H.C. Starck, der sein Hauptsitz im deutschen Goslar hat. Die deutsche High-Tech- und Waffenindustrie ist jedoch von diesen Mineralien abhängig. Viele Firmen kaufen derzeit aus Ruanda. Aber auch das Ruanda Coltan stammt zum Teil aus dem Kongo. Es wird über die Grenze geschmuggelt und dann als ruandisches Material deklariert.

Ein Zertifikat für die deutsche Hochtechnologie

Fingerabdruck für Blutmineralien

Spurensuche: Geologe Uwe Näher sucht nach Wolframitspuren in Kongos Minen

Dadurch verliere der ohnehin bankrotte Staat Kongo wichtige Einnahmen, seufzt Jean-Claude Kibala. Der Vizegouverneur der Provinz, den alle hier nur "den Deutschen" nennen, hat jahrelang in Troisdorf bei Bonn gelebt. Seit 2007 versucht er, in seiner Heimat den Korruptionsdschungel zu lichten. "Denn die Einnahmen aus der Exportsteuer sind fast auf null zurückgegangen", sagt er. Kibala setzt nun seine letzte Hoffnung in das Projekt der Geologen aus Hannover.

Bereits 2007 hat Kanzlerin Angela Merkel auf dem G-8-Gipfel in Heiligendamm angekündigt: Deutschland werde ein Zertifizierungsschema für Kongo-Mineralien entwickeln, ähnlich wie der Kimberley-Prozess für Diamanten, erklärt Näher von der BGR: "Die Idee ist, einen Anreiz zu schaffen, dass die Elektroindustrie nur noch aus zertifizierten Abbaugebieten kauft und sich weigert, nicht-zertifiziertes Material zu kaufen. Wir wollen Pilotminen etablieren und das Projekt auf die ganze Region ausweiten, auf Uganda, Ruanda, Burundi und Tansania, also auf die Staaten, durch die die kongolesischen Rohstoffe transportiert werden. Wenn die Handelswege nachvollziehbar sind, kann man garantieren, dass keine bewaffnete Gruppe Geld damit verdient.", sagt der Geologe Uwe Näher.

Bis 2012 wird das Projekt die deutschen Steuerzahler 3,2 Millionen Euro kosten. Gut für das Image der deutschen Industrie. Doch was haben die Kongolesen davon? Die internationale Kampagne gegen die Blutmineralien hat im Kongo die Wirtschaft ruiniert. Seitdem Firmen nicht mehr aus dem Kongo kaufen, bekommt der Staat auch keine Exportsteuern mehr. Das behindert den Wiederaufbau des vom Krieg zerstörten Landes. Hier könnte das deutsche Zertifizierungs-Projekt langfristig Vorteile für die Kongolesen bringen. Kurzfristig ist das Zertifikat in erster Linie eher gut für das Image – um den weltweiten Konsumenten glaubhaft zu machen, dass an ihren schicken Handys nicht das Blut des Krieges klebt.

Autorin: Simone Schlindwein

Redaktion: Dirk Bathe