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Politik

Finanzspritze FIFA

Auch Thailand erliegt dem WM-Fieber. Ab Freitag wird jeder dritte Thai die Spiele live mitverfolgen. Doch viele werden mehr als nur den Glauben an ihren Lieblingsverein verlieren.

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Millionen halten den Atem an - damit er ihnen nicht zu früh ausgeht. Die Krankenscheine sind bestellt. Der Masseneinkauf erledigt. Kühlschränke proppevoll. Die innere Uhr umgestellt - so mancher lebt seit Tagen fünf Stunden früher. Als ob er in Deutschland lebte.

Ein Königreich für den Ball

Das WM-Fieber packt die Thais. Kein Europäer wagt es, sich auf Diskussionen mit Taxifahrern einzulassen - die kennen jeden Verein, jeden Torwart, klappern Siege und Misserfolge ihrer runter wie andere Börsenkurse oder Diktatoren. Ob Ekuador, Ghana oder Iran - obsessiv wird abgewägt, erläutert und gestritten.

Warum die Thais dermaßen fußballversessen sind, darüber diskutieren Feuilletons und Farangs, aber niemand weiß eine Antwort. Nur eins ist gewiss: das Land wird im TV-Koma versinken. Und Hunderttausende in Schulden.

Nachteulen für einen Monat

Fast vier Millionen Thais werden Wetten abschließen - allesamt illegal, denn Toto ist unbekannt in Thailand. 20 Millionen Bürger (ein Drittel der Gesamtbevölkerung) werden sich so viele Spiele wie nur möglich anschauen, live mitverfolgen (und das bei einem Zeitunterschied von +5 Stunden). Einen Monat lang Nachteulen spielen.

Die FIFA kommt, und die Thais blechen. Es geht um Riesensummen. 200 Millionen Euro werden den Besitzer wechseln - dabei müssen noch mehr als die Hälfte aller Wetter Schulden abzahlen von der Europameisterschaft 2004. Da wurden auch schon mal Autos und Häuser verwettet. Das jedoch hält Neulinge nicht ab: Rund 600.000 Thais werden dieses Jahr zum ersten Mal mitwetten.

Das Geschäft des Jahrzehnts

Die Buchmacher Thailands können den Anpfiff kaum noch abwarten. Ihnen blüht das Geschäft des Jahrzehnts. Manche - wenige! - von ihnen werden im Juli Millionäre sein. Zu Stoßzeiten müssen auch Kind und Ehefrau beim Ausstellen der Wettscheine assistieren. Dan rennen ihnen Taxifahrer, Beamte und Studenten das Haus ein. Einige der Buchmacher finanzieren durch das Geschäft mit dem Fußballfieber das Auslandsstudium ihrer Kinder, andere nehmen die Großfamilie mit in den Luxusurlaub oder kaufen sich ein Haus im Grünen.

Und während sich die Buchmacher die Hände reiben, suchen andere verzweifelt nach Auswegen - nicht aber aus der Klemme. Die armen Wetter, die seit 2004 verschuldet sind, suchen Kredithaie auf, zwecks Finanzspritzen. Immerhin gibt es ab Freitag 64 Chancen auf den Millionengewinn. Ob Costa Rica, Polen oder Tunesien, das ist diesen Seelen recht egal.