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Okonjo-Iweala: "Wegrennen ist inakzeptabel"

Maja Braun3. Juli 2014

Der Boko-Haram-Terror verunsichert Nordost-Nigeria. Die Regierung hat nun eine Initiative aufgesetzt: "Safe Schools" soll verängstigte Kinder wieder in die Schulen bringen, sagt Finanzministerin Ngozi Okonjo-Iweala.

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Nigerias Finanzministerin Ngozi Okonjo-Iweala
Bild: NICHOLAS KAMM/AFP/Getty Images

DW: Frau Okonjo-Iweala, Was genau haben Sie mit der Safe-Schools-Initiative geplant?

Ngozi Okonjo-Iweala: Die Initiative stammt von Präsident Goodluck Jonathan. Es ist eine öffentlich-private Partnerschaft, um die Sicherheit an Schulen in unserem Land zu verbessern. Es ist ein nigeriaweites Programm, das die Beleuchtung an Schulen sicherstellen und Alarmsysteme verbessern soll. Wir wollen auch feuerfestes Material beim Wiederaufbau von Schulen zu verwenden. Außerdem sollen die Dorfgemeinschaften einbezogen werden, wenn es um die Sicherheit der Schulen geht. Darüber hinaus sollen die Sanitäreinrichtungen in Grundschulen und Gymnasien besonders für die Mädchen verbessert werden. Für all das versuchen wir 100 Millionen US-Dollar zusammenzubringen. Die nigerianische Regierung und der private Sektor haben bereits jeweils 10 Millionen Dollar investiert.

Welche Rolle können die Gemeinden in der Sicherung der Schulen spielen?

Es gibt bereits Ansätze von Community-Trainings. Dabei können wir von den Briten lernen. Sie haben uns einige Experten zur Seite gestellt, die mit uns einen Plan erarbeiten: zum Beispiel, wie die Gemeinde besser mit Lehrern und Schülern zusammenarbeiten kann, um die Sicherheit zu verbessern. So können sich alle sicherer fühlen.

Sie sind erst kürzlich in Maiduguri gewesen und haben dort einige Schulen besucht. Was hat Sie dort am meisten erschüttert?

Ganz einfach die Unmenschlichkeit, eine Granate in eine Schule zu feuern. Ich konnte es einfach nicht begreifen, wie Menschen eine Schule anzünden können. Sie müssen sich das mit eigenen Augen ansehen: das zerstörte Dach, die verbrannten Möbel. Ich komme über diese Tat noch immer nicht hinweg. Was bedeutet das? Schüler lernen und es kommt jemand, und wirft eine Bombe in den Klassenraum, tötet die Lehrer. Allein im Bundesstaat Borno sind über 171 Lehrer getötet worden. Diese Unmenschlichkeit der Tat erschüttert mich.

Die Deutsche Welle führte kürzlich ein Interview mit einem Mädchen aus Chibok, das den Entführern entkommen konnte. Sie hat berichtet, dass Lehrer und Sicherheitskräfte vor dem Angriff von Boko Haram geflohen sind und die Schüler zurückgelassen hätten. Wie wollen Sie sicherstellen, dass die Menschen nicht weglaufen, sondern sich einer Konfrontation mit Boko Haram stellen?

Es ist inakzeptabel, dass Lehrer oder Sicherheitskräfte wegrennen. Ein Teil der Safe-Schools-Initiative ist auch, bei den Lehrern ein Bewusstsein zu entwickeln, wie sie ihre eigenen Schüler beschützen können. Die Tendenz bei solch schrecklichen Ereignissen ist, dass jeder nur an sich selbst denkt. Aber wenn sie die Verantwortung für Kinder haben, können sie das nicht tun. Vielleicht müssen wir einen Beistand entwickeln, dass sich die Lehrer nicht allein gelassen fühlen. Dass sie ein Netzwerk haben, in dem sie sich austauschen können. Das sind einige Dinge, die wir planen.

Sie haben bereits 20 Millionen US-Dollar zusammen. Was sind die nächsten Schritte? Welches sind die ersten Schulen, die mit den neuen Sicherheitsmaßnahmen ausgestattet werden?

Als nächstes wird der Präsident ein Komitee einberufen, das aus Mitgliedern bestimmter Ministerien, lokaler Gemeinden und noch weiteren Vertretern bestehen wird. Und wir haben ja schon Geld zur Verfügung. Das heißt, wir können sofort starten. Zudem haben wir die Experten, die mich nach Maiduguri begleitet haben, aufgefordert, einen Plan zu entwickeln, wie man jetzt vorgeht. Auf diese Weise wissen wir in der nächsten Woche bereits, in welche Richtung es gehen kann. Dann werden wir einzelne Regionen auswählen. Ich vermute, wir werden die Arbeit in Maiduguri beginnen, da die Region bereits relativ gut gesichert ist, obwohl es einen Vorfall dort gegeben hat. Hunderte von Schülern gehen dort nicht zur Schule. Wir wollen sie wieder in die Schulen bringen.

Können Sie uns noch neue Entwicklungen in der Suche nach den entführten Chibok-Schülerinnen sagen?

Am Montag (30.06.2014) haben Sicherheitskräfte eine Spionagezelle von Boko Haram ausgehoben und ein ranghohes Geheimdienstmitglied festgenommen; um genau zu sein, drei Mitglieder, einen Mann und zwei Frauen. Dieser Mann war direkt in die Entführung der Chibok-Mädchen verwickelt und beteiligt an dem Mord an einem traditionellen Führer, den Emir von Gwaza. Diese Leute sind in Untersuchungshaft, das ist ein wichtiger Fortschritt. Ich weiß, dass der Präsident sich mit der Sache der entführten Mädchen jeden Tag beschäftigt. Sämtliche Möglichkeiten werden genutzt, um einen Weg zu finden, die Mädchen zurückzubringen. Was der Präsident sicherstellen möchte ist, dass die Mädchen auch lebend zurückkehren. Er wird nichts Überstürztes tun, das zu einem Unglück führen könnte. Aber alles Mögliche wird unternommen.

Ngozi Okonjo-Iweala ist Finanzministerin im Kabinett von Nigerias Präsident Goodluck Jonathan. Die Safe-Schools-Initiative wird von Okonjo-Iweala angeführt und geht auf den UN-Sondergesandten für Bildung zurück, den früheren britischen Premierminister Gordon Brown.

Das Interview führte Maja Braun.