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Fokus Osteuropa

Finanzkrise: Volkswirtschaften Osteuropas zunehmend betroffen

Die Finanzkrise hat die Volkswirtschaften Osteuropas erreicht. Wird der robuste Aufschwung der vergangenen Jahre nun durch Rezession abgelöst?

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Transitionsländer in der Krise

Nach den Banken erwischt die Finanzkrise nun auch Staaten. Der ansonsten wegen seiner Spar- und Liberalisierungszwänge bei Regierungen in Osteuropa nicht eben beliebte Internationale Währungsfonds (IWF) ist in diesen Tagen heiß gefragt. Jetzt stehen sie dort Schlange: Die Ukraine erhält voraussichtlich eine über 16 Milliarden Euro schwere Soforthilfe. Ein vermutlich zehn Milliarden Euro dickes Rettungspaket ist für Ungarn vorgesehen. Und auch Weißrussland scheut sich nicht, den IWF um Hilfe zu bitten.

Aufschwung mit Auslandsmitteln

Die Transformationsländer im Osten Europas sind in Not. In den letzten Jahren haben sie einen starken und robusten Aufschwung erlebt. Wegen der globalen Finanzkrise droht ihnen nun eine tiefe Rezession. Der Osteuropa-Experte vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche, Vasily Astrov, erklärt das am Beispiel des international politisch isolierten und autoritär regierten Belarus so: „Wie die meisten osteuropäischen Länder hat auch Belarus viel Geld im Ausland geliehen, um seinen Aufschwung zu finanzieren. Belarus verzeichnete, wie viele andere Länder auch, einen sehr schnellen Aufschwung, teilweise Dank der wachsenden Binnennachfrage. Die wachsende Binnennachfrage wurde aber größtenteils durch Kredite finanziert, die nur durch Anleihen im Ausland möglich wurden.“

Astrovs Wiener Kollege, der Südost-Experte Vladimir Gligorov, bringt die Auswirkungen der Finanzkrise auf den Punkt: „Besser davon kommen werden die Staaten, die einen flexiblen Währungskurs oder ein breit gefächertes Exportgeschäft haben.“ Die Entwicklung des Exports ist ihm zufolge unheimlich wichtig. Die aufstrebenden Länder hätten ihren Aufschwung darauf aufgebaut, aus dem Westen Kredite oder Investitionen zu bekommen, um im Westen dann wieder ihre Ware zu verkaufen. „Funktioniert das System im Westen nicht mehr so, dann löst das bei ihnen Probleme aus“, gibt Gligorov zu bedenken.

Währung künstlich stabil gehalten

Das bedeutet: Bleibt die Nachfrage aus dem Westen aus, bricht der Export zusammen und eine Schwächung der Währung ist die Folge. Der Staat wird dann Maßnahmen eingreifen müssen, um die Inflation im Lande zu bändigen. Eine Kette ohne Ende: Denn dadurch wird wiederum ein wirtschaftliches Wachstum verhindert. Sollte man die Stabilität der Währung nicht halten können, so Gligorov, könnte das sogar die Rezession beschleunigen und die Inflationsraten in horrende Höhen treiben. Für den aus Mazedonien stammenden Ökonom ist klar: Die meisten Probleme werden die Staaten bekommen, die ihre Währung stark gehalten und so praktisch ihren Dienstleistungssektor subventioniert haben. „Wenn sie zusätzlich noch ein hohes Außenhandelsdefizit hatten, wie die meisten Staaten auf dem Balkan, werden sie den Währungskurs korrigieren müssen, um ihren Export anzukurbeln, weil sie nicht mehr so einfach an Kredite kommen“, so Gligorov.

Ende der Seifenblasen

Die Lösung, so die Experten, liegt auch für Osteuropa im Westen. Der westliche Finanzsektor muss also wieder stark werden – um dem Osten zu helfen. Die westlichen Banken sind das Rückgrat der Volkswirtschaften in Osteuropa. Und so wird man in vielen Ländern wohl das Ende der Finanzkrise abwarten müssen, sagt Astrov. Der in Russland geborene Wirtschaftswissenschaftler glaubt, dass die Rezession eine kurzfristige Erscheinung bleiben wird. Aber sie werde kommen: „Dieses Jahr haben wir schon eine Stagnation in Litauen und Estland. Die beiden Länder sind als erste von der Finanzkrise betroffen. In den kommenden Monaten ist zum Beispiel in der Ukraine eine Rezession zu erwarten, obwohl der bisherige Aufschwung robust war. Nah an einer Stagnation wird auch Ungarn sein. Doch das ist schon seit einigen Jahren der Fall, seitdem die Regierung ein Sparprogramm aufgelegt hat, um die Staatsverschuldung einzudämmen.“

Nach Ansicht des IWF werden die osteuropäischen Länder im nächsten Jahr wirtschaftlich zwar noch zulegen. Aber 2009 wird sich dieses Wachstum halbieren. Zum Beispiel werde die Wirtschaft des exportstarken Rumänien nur noch um 4,8 Prozent zulegen, nach voraussichtlich 8,6 Prozent in diesem Jahr. Vasily Astrov warnt vor zu viel Optimismus: „In einigen Ländern gab es bereits klare Anzeichen für eine Überhitzung der Wirtschaft.“ Dies betreffe vor allem die baltischen Staaten, aber auch Bulgarien. „Es sind die Länder, die gleichzeitig auch einen festen Währungswechselkurs hatten, wodurch sie in gewissem Maße das Böse selber ins Haus gelassen haben, weil das alles zu Seifenblasen geführt hat“, erläutert Astrov.

Hausgemachte Probleme

Vladimir Gligorov sieht ebenfalls zahlreiche Probleme in Osteuropa. Sie seien aber hausgemacht – die Finanzkrise habe sie nur verschärft. Auf Staaten, deren Wirtschaft sich nur auf wenige Branchen stützt, könnten schmerzhafte Reformen zukommen: „Das größte Problem der Länder wie der Ukraine oder Serbien liegt in fallenden Preisen für ihre Exportgüter – zum Beispiel Stahl oder Nahrungsmittel.“ Die Probleme dieser Länder könnten durch ihre teilweise großen Finanzdefizite zusätzlich steigen, räumt Gligorov ein. „Fiskalprobleme machen anderen Ländern wie Ungarn, Kroatien oder Polen zu schaffen. Diese werden ihre öffentlichen Ausgaben senken müssen in einem Moment, in dem der private Konsum sinkt“, glaubt der Wirtschaftsexperte.

Fazit: Viele osteuropäische Länder müssen den Gürtel enger schnallen – und das wird ein schmerzhafter Prozess werden.

Filip Slavkovic