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Europa

Finanzkrise läßt Touristenstrom nach Italien abebben

Die Finanzkrise führt weltweit zu einem Rückgang der Urlaubsreisen. Das Reiseziel Europa ist nach Angaben der Tourismusbehörde der UN besonders betroffen: Zehn Prozent der Touristen bleiben weg, zum Beispiel in Italien.

Italienisches Dorf auf Klippe über dem Meer. Sonne geht unter, blauer Himmel (Foto: picture-alliance/dpa)

Vernazza in Ligurien lockt weniger Touristen an

Wegen der Finanzkrise machen viele Europäer lieber in ihrem eigenen Garten oder am heimischen Baggersee Urlaub. Auch Amerikaner und Japaner kommen nicht mehr so häufig nach Europa. Im klassischen Touristenland Italien spürt man diesen Trend von Vendig bis zum Stiefelabsatz in Apulien. Der Tourismus ist die wichtigste Einnahmequelle Italiens. 2009 sind die Einnahmen verglichen mit dem Vorjahr bislang um neun Prozent zurückgegangen.

Touristen geben weniger für Essen und Souvenirs aus

Touristen betrachten billigen Ssouvenir-Kitsch auf italienischem Markt (Foto: AP)

Souvenirs gehen schlechter weg

An der ligurischen Küste locken verträumte Dörfer des Cinque Terre mit malerischen hölzernen Fischerboote, die in kleinen Häfen auf den Wellen tanzen. In Vernazza säumen pastellfarbene Häuser die Hafenpromenade. Das Dorf schmiegt sich an steile Felsklippen, die in Weinberge übergehen. In der Taverne "Zum Kapitän" erzählt der Wirt Edoardo Basso, dass Vernazza auf die Touristen aus aller Welt angewiesen ist. Das sei wie in einer Ehe, sagt Edorado Basso: "Vernazza und der Tourismus sind Ehemann und Ehefrau. Und was passiert, wenn die Frau geht? Dann gibt es ein Problem im Haus. Ehefrau und Ehemann. Es gibt eine Krise!"

Die Ehefrau verbringt derzeit weniger Zeit mit ihrem Liebsten. Die Touristen bleiben weg. Eduardo Basso schätzt, dass der Umsatz in seinem Restaurant um 25 Prozent eingebrochen ist. Diejenigen, die noch die lokalen Spezialitäten wie Pasta mit Basilikum genießen, verzichten oftmals auf den zweiten Gang oder den Verdauungsschnaps. Und sie fragen ganz genau nach den Preisen, auch wenn es nur um ein Hörnchen Eis geht. Die Eis-Verkäuferin Sonja D'Ambra in der Gelateria Stalin glaubt aber nicht, dass die Leute an heißen Tagen auf ihr Eis verzichten. "Ich glaube, die Familien verzichten lieber auf andere Dinge. Das hoffe ich zumindest! Sie kaufen eher keine Souvenirs oder T-Shirts mehr, statt aufs Eis, eine Postkarte oder die Pizza zu verzichten. Man muss ja schließlich essen", hofft sie.

Sonja D'Ambra bittet wahrscheinlich die Marien-Statue links neben der Tür zur Eisdiele um Beistand. Denn das Geschäft ist im März um 50 Prozent geschrumpft. Das könnte auch am Wetter oder den späten Osterferien gelegen haben, sagt sie, als zwei japanische Touristen den Laden betreten. Die beiden kaufen zu zweit ein Hörnchen mit einer Kugel Zitrone und einer Kugel Erdbeere. "Sehen Sie, diese beiden sind ein gutes Beispiel. Sie kaufen zu zweit ein Eis", sagt Sonja D'Ambra. Früher hätten sie natürlich zwei Eis gekauft. Jetzt seien die Japaner vorsichtiger, wie sie Geld ausgeben.

Urlaub wird kürzer

Wanderweg an den Klippen von Vernazza. links das Meer, rechts die steilen berge. im vordergrund ein aussichtspunkt mit Ruhebank (Foto: picture-alliance/dpa)

Statt Kaufen lieber Wandern auf dem Klippenweg

Die Touristen kaufen nicht, sondern wandern lieber auf dem kostenlosen Pfad entlang der Küste, der die fünf Dörfer verbindet. Sie mieten Apartments statt in Hotels zu wohnen. Die Aufhaltsdauer werde kürzer, sagen die Vermieter der Apartments. Die meisten Touristen kämen jetzt aus Europa, nicht mehr aus den USA wie früher. Die Amerikaner spüren die Finanzkrise und leiden unter dem schwachen Dollar. Die Touristen, die noch kommen, merken, dass auch die Preise einbrechen. "Im Grunde ist es ein Schnäppchen bezogen auf die Flugpreise. Es ist nur noch halb so teuer", sagt Vicory Barton, die mit ihrem Mann Doug aus Seattle nach Italien gereist ist. Wie viele andere Touristen können sie von stark gesunkenen Hotelpreisen profitieren, die 30 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres liegen.

Die Bartons arbeiten im Gesundheitswesen, ein Sektor, der von der Finanzkrise nicht so arg gebeutelt wurde, erzählt Doug Barton. Seine Frau Frau Vicory pflichtet ihm bei. Die Leute dächten jetzt mehr über ihre Ausgaben nach: "Man kauft eben kein neues Auto dieses Jahr. Braucht man den Riesenflachbildschirm wirklich? Möbel kauft man auch nicht. Die alten halten noch, aber vielleicht deine Beine nicht mehr. Also fährt man lieber wandern, solange es noch geht."

Krise in den Köpfen

Strandkörbe am Meer in Abenddämmerung (Foto: foehr.de)

Nordsee statt Adria: Deutsche fahren am liebsten nach Deutschland

Vom Wandern kehren sie wahrscheinlich mit Appetit auf eine Pizza zurück. Das hofft Andrea Leonardino, der gerade eine Klodeckel-große Käse-Pizza in Stücke schneidet. Andrea erwartet, dass das Geschäft trotz allem ganz gut laufen wird diesen Sommer. Er und seine Konkurrenten wollen die Preise in vernünftigem Rahmen halten: "Ich habe eigentlich keine Angst. Wir müssen abwarten und dann weitersehen. Die Leute reden die Krise auch herbei. Es gibt eine Krise, aber sie ist in unseren Köpfen größer als in der Wirklichkeit."

Pizzabäcker Andrea Leonardino hofft, dass sein kleines Vernazza wieder ausgebucht sein wird. Seine Strategie: Immer nur lächeln! Jeder soll denken, es lohnt sich ins Cinque Terre zu kommen, auch mitten in der Krise. Das Panorama sei schließlich immer noch toll, die Natur schön, findet Andrea Leonardino: "Wir sind alle freundlich und gut drauf. Jeder will hören: Ciao, ciao bella! Die Show muss weitergehen!"

Italien bleibt bei deutschen Touristen weiter auf Platz drei der beliebtesten Reiseländer, hinter Deutschland und Spanien. Die deutschen Reiseveranstalter haben aber schon angekündigt, dass die Preise für Pauschalreisen nach Italien um fünf bis fünfzehn Prozent sinken werden.

Autoren: Nancy Greenleese/Bernd Riegert
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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