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Wirtschaft

Finanzexperten warnen vor Euphorie

Grünes Licht für eine deutsche Beteiligung am ESM: Finanzexperten begrüßen das Urteil aus Karlsruhe, warnen aber vor zu großer Euphorie. Rettungsschirme dürften nicht den Anreiz für Reformen nehmen.

Das Aufatmen an den Finanzmärkten war deutlich zu vernehmen: Auch wenn die meisten mit einer Zustimmung des höchsten deutschen Gerichts zum Euro-Rettungsschirm ESM gerechnet hatten, so konnte bis zuletzt keiner wirklich sicher sein, dass die Richter nicht doch "Nein" sagen.

Die Anleger an Deutschlands wichtigstem Finanzplatz in Frankfurt reagierten erleichtert, der Deutsche Aktienindex setzte seinen Aufwärtstrend fort und markierte unmittelbar nach dem Spruch der Richter ein neues Jahreshoch. Andere europäische Börsen legten ebenfalls zu. Auch der Euro machte einen Satz nach oben und notierte bei knapp 1,29 US-Dollar so hoch wie seit vier Monaten nicht mehr.

Erleichterung ja, Euphorie nein

Bundeswirtschaftsminister Philip Rösler (FDP) reagierte erfreut: "Mit dem klaren und eindeutigen Urteil des Bundesverfassungsgerichts sind wir dem Ziel, den Euro stabil zu halten, einen wichtigen Schritt näher gekommen", sagte Rösler. Nun könne man "ein stabiles Bollwerk rund um den Euro schaffen."

Porträt von Michael Koetter, Frankfurt School of Finance and Management (Foto: Frankfurt School of Finance and Management)

Michael Koetter, Frankfurt School of Finance and Management

Dennoch mahnen Finanzmarkt-Kenner wie Michael Koetter von der Frankfurt School of Finance and Managenment vor zu großer Euphorie. "Niemand kann allen Ernstes und seriös behaupten, ab jetzt ist der Euro sicher", sagte Koetter gegenüber der DW. Das sei nicht zu leisten, schon gar nicht allein durch ein Urteil eines Gerichts. "Wir haben nur die Zeit gekauft, um den Brand des Daches zu löschen." Um das Fundament zu stärken, müsse man nun schnellstmöglich Strukturreform angehen. "Und da wird sich mit der Zeit erst zeigen müssen, ob die Politik in der Lage ist, das zu leisten", so der Finanzexperte.

Beruhigung der Märkte

Ähnlich sieht das Ulrich Kater, der Chefvolkswirt der Deka-Bank. Er rechnet auch nach dem Urteil nicht mit einer schnellen Besserung der Lage in den Schuldenstaaten Südeuropas. Die zu beobachtende Beruhigung der Märkte zeige aber, dass "das, was jetzt beschlossen wurde, Substanz hat". Für Holger Schmieding, den Chefvolkswirt der Berenberg Bank, ist die Entscheidung ein "großer Schritt zur Überwindung der Euro-Krise". Das sieht auch Andreas Rees so, Chefvolkswirt Deutschland der Großbank Unicredit: "Die beiden Stützen ESM und Fiskalpakt werden die Finanzmärkte beruhigen", ist Rees überzeugt.

Porträt von Jörg Rocholl, Präsident, ESMT European School of Management and Technology, Berlin. (Fotot: ESMT European School of Management and Technology, Berlin)

Jörg Rocholl, Präsident European School of Management and Technology

Jörg Rocholl, Präsident der European School of Management and Technology in Berlin, sieht wie viele seiner Kollegen die europäische Krise auch nach dem Karlsruher Urteil noch lange nicht als gelöst an. "Auch durch die Entscheidung der Verfassungsgerichts sind die Probleme Europas nicht gelöst", mahnte Rocholl im DW-Gespräch. Die Rettungsschirme, wie auch die Ankündigung der EZB, Staatsanleihen zu kaufen, würden letztlich nur Zeit kaufen. "Sie werden aber nichts an den fundamentalen Problemen - gerade in den südeuropäischen Ländern - ändern", so Rocholl. Die wahre Lösung des Problems liege nach wie vor darin, dass die Reformschritte - gerade in Italien und Spanien - vorankommen müssten.

Anreize für Reformen müssen bleiben

Porträt von Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistung an der Universität Hohenheim (Foto: Horst Galuschka/dpa)

Hans-Peter Burghof , Professor für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistung an der Universität Hohenheim

In dasselbe Horn stößt auch Hans-Peter Burghof, Bankenexperte von der Universität Hohenheim. "Die Krise ist eine strukturelle Krise in bestimmten Europäischen Ländern", sagte Burghof im DW-Interview. Möglicherweise sei das Geld aus dem Rettungsschirm sogar geeignet, die Krise zu verlängern. "Wenn es nämlich die Anreize nimmt, sehr schnell an diese strukturellen Probleme heran zu gehen", so Burghof. Das sei ein bisschen wie mit der Entwicklungshilfe: "Sie müssen sich nicht nur überlegen, wie viel Geld sie zur Verfügung stellen wollen. Sie müssen sich auch Gedanken machen darüber, was das Geld anrichtet, da wo es hin fließt." Burghof verweist auf die Lage in Griechenland. Seiner Meinung nach wäre Athen viel besser gefahren, "wenn man zu dem Zeitpunkt pleite gegangen wäre, wo man tatsächlich pleite war". Dann hätte man jetzt schon einige Jahre mit dem Wiederaufbau verbracht und wäre vielleicht schon viel besser dran.

Fazit der Finanzmarktexperten: Erleichterung darüber, dass die Unsicherheit zunächst vorbei ist. Auch darüber, dass das höchste deutsche Gericht dem Europäischen Rettungsschirm ESM den Weg nicht verbaut. Aber immer verbunden mit dem Hinweis, dass Rettungsschirme, so groß sie auch sein mögen, immer nur ein kurzfristiges Mittel sind und Strukturreformen nicht verhindern dürfen.

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