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Wirtschaft

Finanzbranche in der Zinsfalle

Kontogebühren, Strafzinsen, Filialsterben - Deutschlands Banken suchen nach Auswegen aus den Belastungen durch Zinstief und Regulierung. Das geht auch zu Lasten ihrer Kunden. Eine Wende ist nicht in Sicht.

Die Zinsen in Europa sind abgeschafft. Sparen wird kaum noch belohnt. Zahlen Bankkunden nun auch noch mit höheren Gebühren oder gar Strafzinsen die Zeche? Viele Institute haben bereits entsprechend reagiert. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) erwartet nach Angaben vom Mittwoch weitere Preiserhöhungen bei den öffentlich-rechtlichen Instituten.

Der Branche brechen die Erträge weg, weil die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen auf extrem niedrigem Niveau eingefroren hat. Lange verdienten Banken gut daran, dass sie mehr Zinsen für Kredite kassierten, als sie für die Einlagen ihrer Sparkunden zahlten. Doch die Differenz aus beidem, der Zinsüberschuss, schrumpft. Dazu kommen höhere Kosten, um steigenden Anforderungen der Aufseher gerecht zu werden. Vor allem kleinere Häuser befänden sich "im Zangengriff sinkender Erträge durch die Niedrigzinsphase und steigender Kosten durch die Regulierung", sagt Michael Bockelmann, Präsident des Genossenschaftsverbandes, der Volks- und Raiffeisenbanken in 13 Bundesländern vertritt.

Wer will noch Kredite?

Allerdings tun sich Banken im stark zerklüfteten deutschen Markt ohnehin schwerer mit dem Geldverdienen als in anderen europäischen Ländern: Die Kosten-Ertrags-Quote ist deutlich ungünstiger. Nach EZB-Zahlen müssen Institute hierzulande für einen Euro Gewinn mehr als 77 Cent aufwenden, in Frankreich rund 69 Cent, in Belgien rund 59 Cent, beim Spitzenreiter Lettland sogar nur 42 Cent.

Die Banken profitieren auch nicht vom niedrigen Leitzins, obwohl Notenbankgeld nichts mehr kostet. Sie sind gezwungen, das billige Geld auch weiterzureichen und mit Krediten die Wirtschaft anzuschieben. Denn für überschüssige Liquidität, die bei der EZB geparkt wird, verlangt die Notenbank inzwischen 0,4 Prozent Strafzinsen. Doch viele Mittelständler in Deutschland haben genug eigene Reserven oder halten sich wegen politischer Unsicherheiten mit Investitionen zurück.

Strafzinsen als Selbstschutz?

Viele Banken geben die Kosten für die Parkgebühr bei der EZB schon seit geraumer Zeit an Unternehmen oder große Investoren wie Fonds weiter. Auch manche Kommune sieht sich mit "Verwahrentgelten" ihrer Hausbank konfrontiert - was zum Beispiel im Falle von Sparkassen besonders pikant ist, weil die öffentlich-rechtlichen Institute den Kommunen gehören und Bürgermeister sowie Landräte in ihren Aufsichtsgremien sitzen. Da es um Steuergelder geht, ist das Thema besonders sensibel, mancher Kämmerer verteilt die städtischen Gelder bereits um, um Strafzinsen zu vermeiden.

Strafzinsen für große Vermögen sind auch eine Art Selbstschutz für die Institute: "Wir wollen kein Parkplatz für Großanleger sein, die von überall kommen und anderswo Verwahrentgelte vermeiden wollen", erklärt der hessische Sparkassenpräsident Gerhard Grandke. Denn der hohe Anteil kurzfristig fälliger Gelder ist schon jetzt nicht ohne Risiko für die Institute.

Negativzinsen auch für Privatkunden?

Das Gros der Privatkunden bleibt von Strafzinsen verschont - noch. Nur einzelne Institute - etwa die Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee - stellen bislang reichen Privatkunden Negativzinsen in Rechnung. Doch das könnte sich ändern. "Die Sparkassen strecken sich schon erheblich, die Negativzinsen der EZB nicht an die breite Privatkundschaft weiterzugeben", sagte Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon Anfang Februar. "Ich hoffe, dass die Geldpolitik so rechtzeitig die Kurve kriegt, dass dies nicht eines Tages doch betriebswirtschaftlich zwingend wird." 

Noch mühten sich die Sparkassen, Strafzinsen für Privatkunden zu vermeiden, versicherte Fahrenschon am Mittwoch: "Negativzinsen für Sparer sehe ich weiterhin nicht", sagte Fahrenschon. "Die Sparkassen wollen einen solchen Schritt nicht und wir stemmen uns mit ganzer Kraft dagegen - auch zu Lasten der eigenen Ertragslage."

Kommt die Gebührenschraube?

Einige Institute schrauben an den Gebühren. Offizielle Lesart der Branche: Die Kunden hätten Verständnis dafür, dass es Bankdienstleistungen nicht (mehr) zum Nulltarif gebe. Bei der Postbank müssen seit November Millionen Kunden Gebühren fürs Girokonto bezahlen - die Bonner Großbank beendet damit nach fast 20 Jahren die Gratis-Kultur. Die Zwischenbilanz von Postbank-Vorstand Susanne Klöß im Februar: "Es gab weniger Kündigungen als erwartet." Etwa 230 000 Kündigungen standen demnach 130 000 gewonnenen Neukunden gegenüber. Die neuen Preise seien breit akzeptiert worden, die Kunden hätten Verständnis, sagte Klöß der "Süddeutschen Zeitung".

Auch die alternative GLS Bank, die mit einem monatlichen Grundbeitrag von bis zu fünf Euro Neuland betrat, befürchtet keine Kündigungswelle. Fazit: Sparbuch und Co. bleiben vorerst kein gutes Geschäft. "Auf absehbare Zeit erlauben die Marktbedingungen keine Zinsen auf Einlagen", prognostizierte DSGV-Präsident Fahrenschon jüngst. Auf der Bremse stehen die Institute auch an anderer Stelle: Weil viele Menschen Bankgeschäfte online erledigen, werden teure Filialnetze ausgedünnt. Bei den Sparkassen etwa verringerte sich die Zahl der Standorte inklusive Selbstbedienungsstellen binnen Jahresfrist von 14.451 auf 13.784 Ende vergangenen Jahres. "Dieser Trend wird sich in vertretbarem Umfang fortsetzen", sagt Fahrenschon.

wen/nm (dpa, DSGV)