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Afrika

Finale im Pistorius-Prozess

Der Prozess gegen Sprint-Star Oscar Pistorius steht kurz vor dem Abschluss. War es Mord oder ein tragischer Irrtum? Diese Frage wird das Gericht nun beantworten. Die Beteiligten und ihre Argumente im Überblick.

Der Angeklagte

Der beinamputierte Profi-Sportler war ein Idol in Südafrika. Bis zur Nacht auf den 14. Februar 2013: Viermal feuerte Oscar Pistorius mit einer Pistole durch eine geschlossene Badezimmertür auf seine Freundin, das Model Reeva Steenkamp. Pistorius hat Steenkamp erschossen, soviel steht fest.

Oscar Pistorius mit Freundlin Reeva Steenkamp (Foto: reuters)

Steenkamp und Pistorius waren drei Monate lang Südafrikas Traumpaar

"Ich hatte nie die Absicht, meine Freundin zu töten", sagte Pistorius vor Gericht. Er habe sie für einen Einbrecher gehalten. Während der Verhandlung musste Pistorius oft mit den Tränen kämpfen, übergab sich sogar. Ein psychologisches Gutachten bescheinigte ihm eine schwere Angststörung. Südafrikanische Medien stellten ihn dagegen meist als Waffennarr dar, geprägt von heftiger Eifersucht und Jähzorn.

Während des Verfahrens wohnte Pistorius bei seinem Onkel in Pretoria. Gegen eine Kaution war er aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Bei einer Verurteilung droht dem 27-Jährigen lebenslange Haft. Es wäre der ganz tiefe Fall eines Helden, der bei den Olympischen Spielen 2012 als erster beinamputierter Athlet gegen nichtbehinderte Sportler antrat.

Die Richterin

Thokozile Matilda Masipa muss am Ende entscheiden, ob Pistorius mit Vorsatz oder aus Versehen gehandelt hat. Sie allein fällt das Urteil über den ehemaligen Sprint-Star.

Richterin Thokozile Masipa im Gerichtssaal (Foto: AFP/getty-Images)

Alle Augen sind nun auf Masipa gerichtet. Sie entscheidet über Pistorius‘ Schicksal.

Erschoss er Steenkamp nach einem Streit absichtlich? Oder unterlag er einem tragischen Irrtum, als er durch die Badezimmer feuerte? Masipa wird sich mit den Prozess-Akten zurückziehen und voraussichtlich Ende August ihr Urteil verkünden. Zunächst fassen Verteidigung und Anklage am 7. und 8. August noch einmal ihre Versionen vom Tathergang zusammen.

Auf den Live-Übertragungen aus dem Gerichtssaal blickte die vierfache Großmutter meist streng von der Richterbank. Beobachter bescheinigen ihr, das Verfahren fair und ruhig geleitet zu haben. In 39 Prozesstagen hörte sie 37 Zeugen an. Als ehemalige Sozialarbeiterin und Journalistin aus Soweto in Johannesburg steht Masipa auch für den Wandel Südafrikas nach dem Ende der Apartheid.

Der Staatsanwalt

Gerrie Nel wird auch "der Bullterrier" genannt. Diesen Namen verdiente er sich im Korruptions-Prozess gegen den damaligen südafrikanischen Polizeichef Jacob Selebi, den er neun Tage lang ins Kreuzverhör nahm. Selebi wurde schließlich zu 15 Jahren Haft verurteilt.

Staatsanwalt Gerrie Nel (Foto: reuters)

Gerrie Nel will Pistorius hinter Gitter bringen

Im Pistorius-Prozess zeigte sich Nel ebenfalls wenig zimperlich. Pistorius‘ Entschuldigung an die Mutter des Opfers bezeichnete er als öffentliches Spektakel. Nel versuchte das Gericht davon zu überzeugen, dass es vor der Tat zu einem lautstarken Streit zwischen Pistorius und Steenkamp gekommen war. Pistorius habe seine Freundin im Anschluss in voller Absicht erschossen.

Nel verlas vor Gericht Kurznachrichten, die Steenkamp an Pistorius geschickt hatte. Darin zeigte sie sich "verängstigt" von Pistorius und klagte über dessen Eifersucht. Außerdem konfrontierte er den Angeklagten immer wieder mit Geschichten über dessen eigentümliche Beziehung zu Schusswaffen. In einem Restaurant habe Pistorius rund einen Monat vor der Tatnacht mit der Pistole eines Freundes herumhantiert und dabei einen Schuss abgefeuert.

Der Verteidiger

Barry Roux gilt als einer der besten Anwälte Südafrikas. Und als einer der teuersten: Rund 3000 Euro soll er Pistorius pro Tag in Rechnung stellen. Er hat schon mutmaßlich korrupte Wirtschaftsbosse und ehemalige Apartheidspolizisten vertreten. Oft mit Erfolg.

Anwalt Barry Roux (Foto: Picture-alliance/dpa)

Staranwalt Barry Roux

Roux sieht die Nacht auf den Valentinstag 2013 mit völlig anderen Augen als die Anklage. Für den Anwalt hat eine Verkettung unglücklicher Umstände zu Steenkamps Tod geführt. Sie sei ins Badezimmer gegangen, als Pistorius gerade einen Ventilator vom Balkon geholt habe. Er habe deshalb nicht wissen können, dass seine Freundin sich hinter der Badezimmertür befand und in absoluter Angst vor einem Einbrecher gehandelt. Aufgrund seiner schwierigen Kindheit und seiner Behinderung sei Pistorius stets besonders um seine Sicherheit besorgt gewesen, so Roux. Laut psychiatrischem Gutachten ist Pistorius jedoch voll schuldfähig.

Prozess-Beobachter attestierten Roux eine geschickte Taktik bei der Befragung von Zeugen. Erst wirke er zerstreut und unaufmerksam, dann jedoch bedränge er Zeugen plötzlich mit harten Fragen und genervter Stimme. Eine Nachbarin des Angeklagten brachte er so im Zeugenstand zum Weinen.

Die Nachbarn

...könnten am Ende entscheidend sein für den Prozess-Ausgang. Haben sie in der Tatnacht die Schreie einer Frau gehört? Oder gar einen Streit? Ja, so die Aussage einiger Nachbarn vor Gericht. Hält Richterin Masipa dies für wahr, dann wird sie Pistorius voraussichtlich schuldig sprechen. Denn dann hätte der ehemalige Sprint-Star ein Motiv für die Tat gehabt. Und er hätte spätestens nach dem ersten Schuss erkennen müssen, dass sich seine Freundin und nicht ein Einbrecher hinter der geschlossenen Badezimmertür befand.

Das Haus, in dem Steenkamp starb (Foto: Picture-alliance/AP)

Das Haus, in dem Steenkamp starb

Im Prozess ging es deshalb immer wieder um die möglichen Schreie. Waren die Nachbarn nah genug am Ort des Geschehens, um diese überhaupt wahrnehmen zu können? Wurde Steenkamp bereits von der ersten Kugel so schwer getroffen, dass sie nicht mehr schreien konnte?

Klare Antworten auf diese Fragen konnten jedoch all die befragten Zeugen, darunter Forensiker und Akustik-Experten, im Prozessverlauf nicht geben. Am Ende wird sich das Urteil im Fall Pistorius deshalb wohl auf Indizien stützen müssen.

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