1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Filmpreis ganz privat

Was zieh ich bloß an? Wie komm ich hin? Wie läuft es sich über den Roten Teppich? Antworten gibt uns Dirk Engelhardt, Produzent des nominierten Films "Alle Anderen". Wir haben ihn den ganzen Tag lang begleitet.

Produzent Dirk Engelhardt (Bild: Nadine Wojcik)

Produzent Dirk Engelhardt

Ruckartig schnürt sich Dirk Engelhardt die schwarzen Lederschuhe zu. Seine Freundin, in elegantem Abendkleid, schwirrt durch die Wohnung und sammelt Ersatzstrumpfhose, Handtasche und Lippenstift ein. Engelhardts Vorbereitungen waren deutlich überschaubarer: er hat ein knittriges Hemd gebügelt und seine neuen Schuhe geputzt. Jetzt sitzt er in der Küche einer Altbauwohnung und wartet. Es ist halb vier. "Meine Hände sind ganz feucht vor Aufregung – und werden immer feuchter."


Schließlich schlüpft Dirk Engelhardt in das schwarze Jackett seines neu gekauften Smokings, zupft das Hemd mit versteckter Knopfleiste zurecht - letzter Check, alles sitzt. Endlich ist es viertel vor vier, vor Engelhardts Haustür erscheint eine schwarze Limousine: Engelhardt wird wie alle Nominierten persönlich abgeholt. Der Chauffeur öffnet die Autotür: ungewohnter Service für den 38-Jährigen. Vor fünf Jahren erst hat er sein Produktionsstudium in Potsdam abgeschlossen. Mehrere Filme hat er seitdem produziert. Doch "Alle Anderen", den er in Maren Ades Produktionsfirma "Komplizenfilm" mitrealisiert hat, ist mit Abstand sein größter Erfolg: Zwei Silberne Bären, über 200.000 Kinobesucher. Und nun drei Nominierungen für den Deutschen Filmpreis in den Kategorien bester Film, beste Regie und beste Hauptdarstellerin.


Deutscher Filmpreis / Dirk Engelhardt. Bild: Nadine Wojcik

Gala-Atmosphäre: Dirk Engelhard (M.) bei der Verleihungsfeier


Sattes Preisgeld beim Deutschen Filmpreis


Produzenten kennt kaum einer. Dabei bringen sie die Filme erst ins Rollen, kümmern sich unter anderem um die Finanzierung, die Vermarktung und den Vertrieb. Alles Dinge, die im Hintergrund einer Filmproduktion ablaufen. Nur bei einem Ereignis stehen sie im wahrsten Sinne des Wortes im Rampenlicht: bei der Verleihung eines Preises für den besten Film.


Wenn Dirk Engelhardt sagt, dass er sich schon wahnsinnig über die Nominierung freut, dann ist das keine Floskel. Denn anders als beim US-amerikanischen Vorbild "Oscar" ist der deutsche Filmpreis "Lola" mit einem Geldpreis verbunden. "Das hilft so einer kleinen Firma wie 'Komplizenfilm' extrem weiter. Und es hilft natürlich auch uns Produzenten als Person. Wenn wir jetzt noch was gewinnen, das wäre total verrückt." 250.000 Euro gehen schon allein aufgrund der Nominierung an die Produzenten. Das Preisgeld ist projektgebunden, soll also in den nächsten Film gesteckt werden. Gewinnt ein Film die Goldene Lola, gibt es noch einmal 250.000 Euro obendrauf.


Die Limo rollt durch den Berliner Nachmittagsverkehr. Aufgeregt lehnt sich Dirk Engelhardt nach vorne zum Fahrer. "Sie können jetzt geradeaus fahren, dann sparen wir uns den Stau." Produzent durch und durch. "Ja, Berufskrankheit – ich mach hier gleich noch die Fahrdispo mit", fügt er selbstironisch hinzu. Ob er sich Chancen auf eine Lola ausrechnet? "Es steht fifty-fifty. Sechs Filme sind nominiert, und es gibt ja drei Lolas: Bronze, Silbe und Gold. Aber die goldene ist eigentlich schon gesetzt, die geht bestimmt an 'Das Weiße Band'“.


Schaulauf auf dem Roten Teppich


Deutscher Filmpreis 2010, Friedrichstadtpalast in Berlin. Bild: Nadine Wojcik

Geordnete Begeisterung

Währenddessen laufen sich die Journalisten auf dem Roten Teppich vor dem Berliner Friedrichsstadtpalast warm - und die weniger bekannten Promis auf. Der Bereich der medialen Zaungäste ist dreigeteilt: Die ersten Meter sind für die rund 200 Fotografen reserviert, die nächsten Meter sind voll gestellt mit Fernsehteams, am Ende warten die Hörfunk- und Printjournalisten. Fans haben hier keinen Platz, sie sind durch zwei Absperrungen weit vom Teppich abgetrennt.


Wie auch die anderen Nominierten, tritt das Team von "Alle Anderen" gemeinsam auf den Teppich: Regisseurin Maren Ade, Schauspielerin Birgit Minichmayr – und natürlich auch Produzent Dirk Engelhardt. Rund 200 Fotografen schreien los, versuchen die Nominierten dazu zu kriegen, genau in ihre Linse zu lächeln. Das Procedere kennt das Team schon von der diesjährigen Berlinale. Doch das Blitzlichtgewitter des Deutschen Filmpreises setzt noch einen drauf: "Es ist wirklich völlig verrückt. Du wirst total angeschrien: 'Guck mal hierher!' Natürlich interessieren die sich nicht wirklich für mich als Produzenten, aber es ist trotzdem ziemlich lustig."


Bei der Verleihung ist Sitzfleisch gefragt

Deutscher Filmpreis 2010, Friedrichstadtpalast in Berlin. Bild: Nadine Wojcik

Lola auf Samt: Nicht für "Alle Anderen"


Endlich im Zuschauersaal des Friedrichsstadtpalast angekommen, wird Engelhardt prominent platziert. Zwei Reihen vor ihm sitzen Angela Merkel und Kulturstaatsminister Bernd Neumann, links und rechts nehmen deutsche Filmstars Platz wie Iris Berben und Bruno Ganz. Kameramänner schwirren durch die Zuschauerränge, machen Nahaufnahmen von den Nominierten. 15 Kategorien lang muss der Produzent ausharren, bis am Ende der beste Film gekürt wird.


Wie Engelhardt es schon vorausgesagt hatte, ist "Das Weiße Band" der große Abräumer des Abends: goldene Lola nicht nur für den besten Film, sondern auch in 9 weiteren Kategorien. Unerwartet geht der Kritikererfolg "Alle Anderen" komplett leer aus. Nach der dreistündigen Show ist bei Engelhardt erst einmal die Luft raus. "Ganz ehrlich: ich bin schon enttäuscht".

Teil der Filmfamilie


Doch nach der unmittelbaren Enttäuschung und nach den ersten Happen vom Buffet wirkt Dirk Engelhardt gelöster. Die Anspannung des Tages fällt ab, und der Produzent stößt mit Kollegen und Freunden auf den Abend an – auch ohne Lola in der Hand. Und immerhin gehört er aufgrund der Nominierung ab jetzt zur Deutschen Filmakademie und wird im nächsten Jahr gemeinsam mit den rund 1100 Mitgliedern die Preisträger bestimmen.


Autorin: Nadine Wojcik
Redaktion: Aya Bach

WWW-Links