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Bildung

Filmnachwuchs in Deutschland

In Deutschland kann man an sieben Hochschulen Film studieren und seinen Abschluss machen. Doch das garantiert noch keinen dauerhaften Erfolg und auch keine Karriere.

Szene aus DER FLUSS WAR EINST EIN MENSCH (Foto: Rohfilm GmbH)

Szene aus "Der Fluss war einst ein Mensch" des Nachwuchsregisseurs Jan Zabeil

Kann man "Film" lernen? Ist es möglich, sich das Handwerk des Regieführens im Seminar zu erlernen? Und ist eine Filmhochschule dafür der richtige Ort? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Die Liste berühmter Regisseure, die nie ein Studium an einer Hochschule absolviert haben, ist lang. Rainer Werner Fassbinder oder Tom Tykwer sind bekannte Beispiele. Fassbinder wurde an der Filmschule in München nicht angenommen. Tykwers Schule war das Kino, er arbeitete jahrelang als Filmvorführer und managte das Berliner Kino "Moviemento". Fassbinder wurde zum führenden Filmemacher des Neuen Deutschen Films. Tom Tykwer arbeitet heute mit Hollywood-Stars und Millionen-Budget.

Die Filmhochschule als Sprungbrett

Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Beispiele für Karrieren, die nach einem Studium auf einer Filmhochschule begannen. Roland Emmerich war Absolvent der Filmhochschule in München und gehört heute zu den kommerziell erfolgreichsten Regisseuren der Welt. Auch Florian Henkel von Donnersmarck ("Das Leben der Anderen") studierte in München. Namen wie Wim Wenders und Doris Dörrie können ebenfalls als Beweis für eine erfolgreich Karriere im Anschluss an ein Filmstudium herangezogen werden. Auch diese Liste ließe sich beliebig verlängern.

Christian Schwochow (Foto: Jochen Kürten)

Christian Schwochow im DW-Gespräch

Wie sieht es bei der heutigen, nachwachsenden Generation aus? Wir haben drei junge Regisseurinnen und Regisseure gefragt. Jessica Krummacher hat die Filmhochschule in München besucht, Jan Zabeil war Student der HFF "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg und Christian Schwochow konnte vor einigen Jahren das Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg erfolgreich abschließen.

Die Schule als geschützter Raum

"Für mich war die Filmhochschule auf jeden Fall der richtige Weg um anzufangen", erzählt der 34jährige Schwochow. Dort habe er einen geschützten Raum vorgefunden - zumindest während der ersten zwei Studienjahre. Gerade in dieser Phase denke man noch nicht so stark daran, was später nach dem Studium kommt: "Das hat sich damals relativ frei angefühlt." Schwochow schloss das Studium in Ludwigsburg vor vier Jahren ab. Sein erster langer Spielfilm "Novemberkind" lief auf Festivals, wurde mit Preisen ausgezeichnet. Sein neuer Film, das intensive und prominent besetzte Schauspielerinnen-Drama "Die Unsichtbare", lief ebenfalls bei vielen Festivals und kam im Januar bundesweit in die Kinos. Derzeit arbeitet Schwochow am Schnitt für den aufwendigen Fernsehzweiteiler "Der Turm" nach dem Roman-Bestseller von Uwe Tellkamp.

Szene aus DIE UNSICHTBARE (Foto: teamWorx TV & Film GmbH)

Christian Schwochows Film über Schauspielschülerinnen: "Die Unsichtbare" mit Stine Fischer Christensen



Christian Schwochow könnte man als Paradebeispiel für den Erfolg der Institution "Filmhochschule" anführen. "Das war eine Art Laborsituation", erinnert sich der Regisseur, da habe man sich ausprobieren können: "Ich konnte herausfinden, was mir liegt und was nicht." Vor allem das Arbeiten im Team habe er in der Filmhochschule gelernt, auch ein Netzwerk habe er dort aufgebaut, von dem er noch heute bei seiner Arbeit profitiere.

Oscars für den Nachwuchs

Ludwigsburg ist eine von sieben Filmhochschulen in Deutschland, an denen junge Menschen Fächer wie Regie, Kamera oder Produzieren belegen können. Absolventen der Baden Württembergische Talentschmiede haben es in den letzten Jahren zu einigen, auch internationalen Erfolgen gebracht, sogar Oscars waren dabei. Neben der Hamburg Media School, der Kunsthochschule für Medien und der Internationalen Filmschule, beide in Köln, gehört sie zur jüngeren Generation von Filmhochschulen in Deutschland. Bereits seit Mitte der 1960er Jahre bieten die HFF München und die Deutsche Film-und Fernsehakademie Berlin ein Studium für angehende Filmemacher an. In Ostdeutschland war und ist die Filmhochschule Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg erste Anlaufstation für filmbegeisterte Studentinnen und Studenten.

Jan Zabeil (Foto: Jochen Kürten)

Jan Zabeil

Dort hat auch Jan Zabeil studiert. Der 1981 geborene Zabeil ist ein gutes Beispiel für eine jüngere Generation von Nachwuchsregisseuren, deren Weg auf der Hochschule nicht gradlinig verlaufen ist. Zabeil hat in Potsdam-Babelsberg Kamera studiert und in dieser Disziplin auch seinen Abschlussfilm gemacht. Doch bekannt wurde der Nachwuchsregisseur Zabeil im letzten Jahr mit seinem Regie-Debüt. "Der Fluss war einst ein Mensch" erzählt die Geschichte eines jungen Deutschen, der in Afrika während einer Urlaubsreise Halt und Orientierung verliert. Ein ruhiger, fast meditativer Film, der den Zuschauer mit seinen faszinierenden Bildern in seine Geschichte geradezu sogartig hineinzieht. In San Sebastian gewann der Film 2011 den angesehenen New Directors Award.

Praxis schlägt Theorie

Worin sieht Zabeil den größten Vorteil des Studiums? "Ich hatte dort die Möglichkeit, viel praktische Erfahrung zu sammeln", sagt der gebürtige Berliner. Das sei auch unbedingt notwendig gewesen, denn: Nur so wisse man irgendwann, was beim Film funktioniere und was nicht: "Nicht über die Theorie, sondern über die Praxis ist bei mir das Selbstbewusstsein gekommen, um zu sagen: 'Ich gehe jetzt raus und ich mache jetzt was.'" Gedreht hat Zabeil seinen Film in Afrika an Originalschauplätzen, begleitet nur von Schauspieler Alexander Fehling und zwei Technikern. Die Dreharbeiten wurden zu einem Abenteuer. Doch die haben sich gelohnt. Auf Festivals im In- und Ausland wurde der Film viel gelobt.

Szene aus TOTEM (Foto: Arepo Media)

Ausgegrenzt: die junge Fiona (Marina Frenk) in "Totem" von Jessica Krummacher

Auch Jessica Krummachers Studium an der HFF in München verlief alles andere als geradlinig. Krummacher schloss das Studium in den Bereichen Dokumentation und Fernsehpublizistik ab, entschloss sich dann aber ebenfalls,einen Spielfilm zu drehen. Der entwickelte sich zu einem künstlerischen Achtungserfolg. "Totem" lief im vergangenen Jahr als einziger Beitrag aus Deutschland beim Festival in Venedig. Krummacher fühlt sich dem Dokumentarfilm zwar weiterhin verpflichtet, ihr großes Ziel aber sieht anders aus: "Ich will definitiv Spielfilme machen und damit auch mein Geld verdienen, möglichst ohne Nebenjobs." Doch die junge Frau ist realistisch, kennt die Tücken und Härten des Geschäfts.

Nebenjobs zum Geldverdienen

"Totem" ist eine düstere Studie über ein junges Mädchen, das als Haushilfe in einer Familie arbeitet und dort physisch und psychisch ausgebeutet wird. Am Ende begeht sie Selbstmord. Kein Stoff, aus dem Publikumserfolge gemacht sind. Doch Krummacher steht zu ihrem schwierigen Filmthema, will weiter in diese Richtung arbeiten. Mittelfristig sieht sie ihre berufliche Zukunft aber auf zwei Standbeinen. Da sie mit ihren eigenen Filmen momentan nicht genügend Geld verdienen kann, jobbt sie für Fernsehsender und beim Film. Ihr großes Ziel ist, sich dauerhaft als Filmregisseurin durchzusetzen. Derzeit bemüht sie sich um Fördergelder für ihren zweiten Film.

Jessica Krummacher (Foto: Jochen Kürten)

Jessica Krummacher

Schwochow, Zabeil, Krummacher - drei Beispiele aus einer jüngeren Generation von Regisseuren. Alle drei haben mit ihren Debüts Erfolge erzielt, wurden mit Preisen ausgezeichnet, auf Festivals rund um den Globus herumgereicht. Doch Zabeils Film hat bisher trotz der Festivalpreise noch keinen Kinoverleih gefunden. Krummachers Debüt kommt Mitte April in die Kinos. Christian Schwochow scheint sich auf dem hart umkämpften Kino-Markt durchgesetzt zu haben. Die Filmhochschule hat allen dreien das Handwerk beigebracht und ihnen vermittelt, wie "Film" funktioniert. Doch eine Garantie, sich damit dauerhaft im Filmgeschäft durchsetzen zu können, ist das nicht. Das wissen die drei talentierten Nachwuchskräfte.

Planbar ist der Erfolg nicht

Mit viel Enthusiasmus und der Nervenstärke der Jugend kann man die ersten Jahre nach einem Studium überstehen. Doch ein Blick auf frühere Jahrgänge der Filmhochschulen in Deutschland zeigt ein durchwachsenes Bild. Viele der ehemals mit großen Hoffnungen gestarteten Talente müssen sich heute mit der Regie von Vorabendkrimis oder seichter Fernsehkost durchschlagen. Das ist kein schlechter Job, doch meilenweit entfernt von dem, was die meisten sich erträumt haben. Von anderen früheren Filmhochschülern hat man dagegen gar nichts mehr gehört. Planbar ist ein dauerhafter Erfolg im Filmgeschäft nach dem Studium an einer Filmhochschule nicht. Auch wenn Jan Zabeil sich bewusst ist, dass das Studium die große Chance seines Lebens war: "In welchem anderen Land der Welt bekommt man schon Geld, um Filme zu machen? Mit dieser Unterstützung?"

Autor: Jochen Kürten
Redaktion: Birgit Görtz

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