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Filme

Filmfest München: "Toni Erdmann" als Türöffner

Aufwind für das deutsche Kino, die Stimmung ist blendend. Der Erfolg von Maren Ade in Cannes beflügelt auch das 34. Filmfest München. Es hat sich herumgesprochen, dass der deutsche Film mehr kann als bisher angenommen.

Toni Erdmann Filmstill (Foto: Karin Kohlberg)

Weltweit Türöffner für das deutsche Kino: "Toni Erdmann"

Vielleicht hat es gerade so eines Filmes bedurft - und eines großen internationalen Erfolges. Auch wenn "Toni Erdmann" von Maren Ade bei den Festspielen im Mai in Cannes am Ende keine Palme gewonnen hat, hat dieser Film etwas angestoßen. Gerade weil

diese skurrile Vater-Tochter-Geschichte

ein deutscher Film ist, in dem sich ernste und heitere Töne so formvollendet die Waage halten.

Die Deutschen haben doch Humor!

Vor allem die internationale Presse hatte sich in Jubelarien überschlagen. So hat "Toni Erdmann" offenbar auch ein Vorurteil zurechtgerückt, das da lautet: "Die Deutschen können keine Komödien." Christoph Gröner leitet beim Münchner Filmfest die Reihe "Neues Deutsches Kino", bei der 19 Weltpremieren zu sehen sind. "Toni Erdmann" wurde zum Auftakt der Reihe gezeigt und eröffnete gleichzeitig das ganze Filmfest: "Das deutsche Kino hat international gegen eine Mauer des Desinteresses gekämpft. Endlich - und das ist ganz toll, dafür ist 'Toni Erdmann' ein ganz wichtiger Markstein, aber beileibe nicht der einzige - endlich scheint das zu bröckeln", so Gröner im Gespräch mit der DW.

Filmfest München Roter Teppich (Foto: Filmfest München/Christian Rudnik)

Roter Teppich für deutsche Filme auch in München

Plötzlich würden die internationalen Zuschauer überrascht aufschauen und sagen: "Mensch, da gibt's ja richtiges Kino in Deutschland", beobachtet Gröner. Wobei es dieses Kino auch vorher schon gegeben habe: "Aber 'Toni Erdmann' war der Türöffner." Gröner ist überzeugt, dass sich diese Entwicklung in den letzten Jahren schon angebahnt hat mit Filmen wie beispielsweise "Oh Boy" (2012).

Das deutsche Kino ist besser als sein Ruf

Dem pflichtet auch Mariette Rissenbeek bei, Geschäftsführerin von German Films: "Ich habe schon das Gefühl, dass man in Deutschland nicht wirklich ein Auge für den Erfolg des deutschen Films im Ausland hat." Rissenbeek begleitet seit vielen Jahren den Auftritt deutscher Filme auf Festivals: "Zum Beispiel gab es im letzten Jahr die größte deutsche Präsenz beim Toronto International Film Festival, dem wichtigsten Festival in Nordamerika, mit neun großartigen deutschen Langfilmregisseuren." Auch einzelne Filme hätten sich im Ausland behauptet: "'Phoenix' (von Christian Petzold) erreichte in den USA über drei Millionen US-Dollar-Boxoffice und war damit der erfolgreichste Arthouse-Release des Jahres in den USA."

Mariette Rissenbeek (Foto: German Films)

Mariette Rissenbeek

Was Gröne und Rissenbeek derzeit feststellen, bestätigt die Beobachtung vieler Kino-Experten. Das deutsche Kino ist besser als sein Ruf. Vor allem und gerade auch im Ausland. Nur in Deutschland werde das oft nicht ausreichend gewürdigt.

Woran liegt das? Zum einen sicher an der großen Präsenz des wichtigsten Festivals der Welt: Cannes hat den deutschen Film jahrelang sträflich missachtet. Und da Cannes alles andere überstrahlt, hat das dem Ruf des deutschen Kinos geschadet. Umso wichtiger, dass nun "Toni Erdmann" ausgerechnet dort einen überragenden Erfolg feiern konnte.

Deutsches Kino im Schatten der Österreicher

Fragt man beim Festival in München nach weiteren Gründen, stößt man bei Christoph Gröner auf eine überraschende weitere Ursache: "Der österreichische war vielleicht über Jahre der bessere deutschsprachige Film - weil dort der Output kleiner war und das Kreieren eines Images möglicherweise besser funktioniert hat." Das sei im deutschen Kino auch besonders schwer, weil es rund 250 neue Filme pro Jahr gibt: "Die lassen sich natürlich nicht auf einen Nenner bringen."

Filmstill aus 'Fack Ju Göhte 2' (Foto: Constantin Film Verleih GmbH/C. Assmann)

In Ägypten lachen sich die Leute kaputt über "Fack ju Göhte", hier eine Szene aus dem zweiten Teil

Großes Interesse am deutschen Kino weltweit - das kann auch Christiane Schulte, Referentin für Film beim Goethe-Institut, bestätigen. Was wo erfolgreich sei, hänge natürlich vom jeweiligen Land ab, sagt Schulte: "In Asien sind zum Beispiel Klassiker und Stummfilme mit Live-Musik der Renner."

Aber auch aktuelle Filme stießen auf großes Interesse. Gerade habe ihr eine Kollegin erzählt, dass "Fack ju Göhte" in Alexandria (Ägypten) gleich mehrfach gezeigt werden musste, weil die Vorstellungen alle voll waren: "Die Zuschauer haben auf dem Boden gelegen vor Lachen." Im Ausland sei das mittlerweile schon angekommen, dass die Deutschen über Sinn für Humor verfügen.

Nicht immer nur deutsche Geschichte

Aber auch ernste Stoffe wie "Oh Boy" funktionierten bestens weltweit. "Es sind ganz unterschiedliche Filme, die ziehen", sagt Schulte. "So sind die fünf beliebtesten im vergangenen Jahr: 'Wir sind jung wir sind stark', 'Zeit der Kannibalen', 'Who am I?', 'Zwischen Welten' und 'Victoria'."

Filmstill aus 'Oh Boy' (Foto: X-Filme)

Lenkte 2012 weltweit das Augenmerk aufs deutsche Kino: "Oh Boy"

Rissenbeek bestätigt das: "Die Filme, die es schaffen, eine gute und relevante Geschichte zu erzählen und das auf eine leichtere Art, sind natürlich prädestiniert, im Ausland ein breites Publikum zu finden und gleichzeitig Kritikerzuspruch zu erwerben." Auch stimme es nicht, dass immer nur deutsche Geschichte auf Interesse stoße, sagt die Vertreterin von German Films gegenüber der DW: "Es kann auch ein Thema sein, das generell nachempfunden werden kann."

Die Mischung aus Ernst und Komik macht's...

Gerade "Toni Erdmann" ist dafür wohl ein gutes Beispiel mit seiner Mischung aus Globalisierungskritik und privater Geschichte, zwischen Drama und Komödie: "Das, was jetzt zu funktionieren beginnt, kommt aus einem anderen, wilden Impuls für das 'reine Kino'", sagt Christoph Gröner. Unbedingt gehöre auch "Wild" von Nicolette Krebitz dazu, der vor kurzem in Sundance in den USA für große Furore gesorgt hat, auch Maria Schraders "Vor der Morgenröte". Auffällig für Gröner: "Wenn man all das zusammen nimmt, kann man sagen, dass der Erfolg vor allem von Frauen ausgeht." Auch Gröner nennt ausdrücklich "Oh Boy", der schon vor drei Jahren ein "Türöffner" gewesen ist: "Weil er deutlich gemacht hat, das ernsthafte, tiefe Stoffe in Deutschland produziert werden können, die auch mit einem Augenzwinkern, mit Humor und Ironie arbeiten."

Filmstill aus 'Wild' von Nicolette Krebitz (Foto: NFP/Christian Hüller)

"Wild": Ein Riesenerfolg beim Sundance Filmfestival

Diese Zeitgeistigkeit sei auch bei den 19 Filmen des aktuellen Jahrgangs in München sehr stark vertreten. Die Besucher aus dem Ausland, Einkäufer, Journalisten und Festivalleiter, wissen das: "Das interessiert natürlich, nach dem Motto: Wie ticken die Deutschen heute? Durch die Brille der deutschen Filmemacher gesehen, da nimmt das Interesse sehr stark zu. Die neuen Kraftimpulse sind also: die Komödie und der Zeitgeist in Deutschland."

Mehr zu "Toni Erdmann" auch in der neuen KINO-Ausgabe. Darin auch ein Bericht über den neuen Roland-Emmerich-Film "Independence Day: Die Wiederkehr".

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