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Asien

FIFA nimmt Nordkorea ins Visier

Bei der FIFA-Fußball-WM in Südafrika waren die Nordkoreaner chancenlos. Ohne einen Punkt schieden sie nach der Vorrunde aus. Nach ihrer Rückkehr sollen sie öffentlich gedemütigt worden sein. Jetzt ermittelt die FIFA.

Nordkoreas Stürmer Jong Tae Se (Foto:ap)

Nordkoreas Stürmer Jong Tae Se entging der Kritik. Er spielt mittlerweile für den VfL Bochum

Spielszene aus dem WM-Match Portugal-Nordkorea (Foto:ap)

...doch spätestens gegen Portugal war Nordkorea chancenlos.

Die Teilnahme an sich war schon eine kleine Sensation. Zum ersten Mal nach 44 Jahren hatte sich das Team Nordkoreas wieder für eine Fußball-WM-Endrunde qualifiziert. Entsprechend euphorisch war die Mannschaft im Vorfeld von den Regierungskreisen rund um Diktator Kim Jong-Il gefeiert worden: Für die geschaffte Qualifikation soll der Präsident die Mannschaft offiziell belobigt und sogar den Druck einer eigenen Briefmarkenserie in Auftrag gegeben haben.

Doch in Südafrika folgte die Ernüchterung. Sang- und klanglos, wenn auch nicht wirklich überraschend, schied Nordkorea nach der Vorrunde aus. Dabei hatten Nordkoreas Kicker in der Auftaktpartie gegen Brasilien noch lange gut mitgehalten, am Ende verlor man trotzdem mit 1:2. Nach diesem ersten überzeugenden Auftritt entschied das nordkoreanische Fernsehen, zum ersten Mal in der Geschichte des Landes eine Partie live zu übertragen: Gegen Portugal kam das Team um Trainer Kim Jong-Hun dann aber böse unter die Räder. Das 0:7 kam einer nationalen Schande gleich – zumindest für Diktator Kim Jong-Il. Auch das dritte und letzte Spiel ging verloren – gegen die Elfenbeinküste hieß es am Ende 0:3.

Ideologiekritik und Strafarbeit?

Nordkorea-Fans bei der FIFA-WM in Südafrika (Foto:ap)

Am Anfang waren die (gekauften) Fans noch euphorisch...

Kurz nach der Rückkehr des nordkoreanischen Teams in die Heimat berichtete der US-amerikanische Radiosender "Radio Free Asia", dass das gesamte Team auf eine Bühne vor dem Arbeiterkulturpalast in Pjöngjang geladen worden sei. Dort habe sich die Mannschaft sechs Stunden lang stehend einer "ideologischen Kritik" unterziehen müssen. 400 Offizielle inklusive des nordkoreanischen Sportministers seien dabei zugegen gewesen. Trainer Kim soll aus der herrschenden Arbeiterpartei ausgeschlossen worden sein, möglicherweise sei er sogar zu Strafarbeiten auf einer Baustelle gezwungen worden. Bei seinen Meldungen berief sich "Radio Free Asia" auf einen chinesischen Geschäftsmann, der Verbindung zu Regierungsvertretern in Nordkorea habe. Seinen Angaben zufolge befinde der Trainer sich wegen "Landesverrats" noch immer in großer Gefahr.

Nun beginnt auch der Weltfußballverband FIFA, die Berichte ernst zu nehmen. Auf einer Konferenz in Singapur erklärte FIFA-Präsident Sepp Blatter am Mittwoch (11.08.2010), dass der Verband Ermittlungen gegen Pjöngjang aufgenommen habe: "Wir haben dem nordkoreanischen Fußball-Verband einen Brief geschrieben. Wir wollen herausfinden, ob die Medienberichte über die Bestrafungen einiger Spieler und des Trainers wahr sind." Zudem wurden nähere Informationen zur jüngsten Wahl des neuen Verbandspräsidenten verlangt. "Das ist ein erster Schritt, wir werden sehen, was wir für eine Antwort bekommen. Es ist nicht einfach", sagte Blatter.

Nordkoreas Cheftrainer Kim Jong Hun während der deftigen 0:7-Niederlage gegen Portugal (Foto:ap)

Nordkoreas Cheftrainer Kim Jong Hun während der deftigen 0:7-Niederlage gegen Portugal

Asiens Verbands-Präsident Mohamed bin Hammam hatte die nordkoreanische Mannschaft bereits vor drei Wochen besucht. Trainer Kim Jong-Hun habe er jedoch nicht angetroffen. "Ich habe von ihm nichts gehört. Es gibt Berichte, dass einige Spieler gequält wurden, aber ich habe das nicht mit meinen eigenen Augen gesehen. Die Ermittlungen der FIFA werden sicher Aufklärung bringen", sagte bin Hammam.

Parallelen zu 1966?

FIFA-Chef Sepp Blatter kündigte weitreichende Ermittlungen an (Foto:ap)

FIFA-Chef Sepp Blatter kündigte weitreichende Ermittlungen an

Die Gerüchte um die nordkoreanische Fußballmannschaft weisen beunruhigende Parallelen zum Schicksal der Nationalspieler von 1966 auf. Auch damals hatte die Mannschaft für einen Euphorieschub in der Heimat gesorgt, als Nordkorea völlig überraschend Italien mit 1:0 aus dem Turnier warf. Die Enttäuschung folgte kurz darauf im Viertelfinale: Die Mannschaft schied trotz einer 3:0-Führung noch mit 3:5 gegen Portugal aus. Bereits damals kursierten unbestätigte Meldungen, nach denen nordkoreanische Spieler zur Strafe in Arbeitslagern oder Kohleminen hätten schuften müssen. Zweifelsfrei belegen ließen sich diese Meldungen jedoch nie.

Autor: Thomas Latschan (dpa, sid)

Redaktion: Esther Broders