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Fußball

"FIFA ist in ihren Grundfesten erschüttert"

Die FIFA feiert sich in den Stunden ihrer schwersten Krise selbst. Doch bei der Eröffnungszeremonie des FIFA-Kongresses gab es nur verhaltenen Applaus. Noch immer kommen pikante Details über Korruptionsaffären ans Licht.

FIFA-Präsident Joseph S. Blatter am Mikrofon (Foto: picture alliance/Pressefoto ULMER)

"Die berühmte FIFA-Pyramide schwankt, sie ist in ihren Grundfesten erschüttert." Mit diesen Worten eröffnete FIFA-Präsident Joseph Blatter sichtlich angeschlagen den skandalumwobenen 61. Kongress des Fußball-Weltverbands. Es sei Gefahr im Verzug, aber "heute wollen wir eine festliche Atmosphäre haben", sagte der 75-Jährige. Geredet werden könne dann am Tag der Wahl. Seiner Wiederwahl, denn einen Gegenkandidaten gibt es nicht mehr. Der Katarer Mohamed bin Hammam hatte seine Kandidatur zurückgezogen, als die Ethik-Kommission der FIFA gegen ihn ermittelte. Wegen Korruptionsvorwürfen hatte die FIFA ihr Exekutivmitglied anschließend suspendiert. "Wir leben in einer gestörten Welt. Es herrschen kein Respekt und kein Fair Play mehr", führte Blatter aus.

Unterstützung bekam er von Ex-FIFA-Mitglied Franz Beckenbauer, der Blatter als "guten Präsidenten" bezeichnete. "Die FIFA ist sein Baby. Er ist eifersüchtig, wenn jemand schlecht über die FIFA spricht", sagte Beckenbauer und bekräftigte, persönlich nie Bestechungsversuche erlebt zu haben. Auch IOC-Präsident Jacques Rogge sprach in seinem Grußwort dem Fußballweltverband Mut zu. "Wir hatten ähnliche Probleme zu überstehen, ich bin sicher, dass die FIFA gestärkt aus dieser Situation hervorgehen wird."

England und Schottland fordern Wahlverschiebung

FIFA-Präsident Joseph Blatter gibt Russland als WM-Austragungsort 2018 bekannt (Foto: Hubert Boesl)

Der Moment der WM-Vergabe 2018 an Russland: England ging leer aus

Dabei war es wenige Stunden vor Beginn der feierlichen Eröffnungsfeier zum Eklat gekommen: Sowohl der englische als auch der schottische Fußballverband gingen auf Konfrontationskurs zum FIFA-Chef und forderten eine Verlegung der für Mittwoch (01.06.2011) geplanten Präsidentenwahl. Ein alternativer Reformkandidat solle die Möglichkeit bekommen, zur Präsidentenwahl anzutreten, forderte der englische Verbandschef David Bernstein. England war bei der Vergabe für die WM 2018 leer ausgegangen.

Bernsteins schottischer Amtskollege hält eine Wahl nach den Geschehnissen der letzten zwei Tage sogar für "unmöglich". Auch führende Sponsoren verstärkten ihren Druck auf den Schweizer Blatter. "Enttäuscht" seien sie, das Chaos sei "beunruhigend und schlecht für den Sport" und weder gut für das Image des Fußballs, noch für das der FIFA oder das seiner Partner. Warnende Worte von vier der sechs Hauptsponsoren.

Machtliebhaber Blatter bleibt stur

Blatter jedoch gibt sich weiter unbeeindruckt und will seine Machtstellung beim Fußball-Weltverband nicht aufgeben. Er strebt unbeirrt seine vierte Amtszeit an. Die Welt durchlebe unruhige Zeiten. "Aber ich bin weiter überzeugt, dass Fußball eine verbindende Rolle spielen kann."

UEFA-Boss Michel Platini gab sich "überrascht", die Forderung nach einer Verlegung der Wahl sei bei der UEFA-Sitzung am Montag kein Thema gewesen. Auch FIFA-Vize Julio Grondona zeigte kein Verständnis. Dass die Wahl tatsächlich verschoben wird, ist relativ unwahrscheinlich, da drei Viertel der 208 Mitgliedsverbände für eine Verschiebung stimmen müssten. Blatter bekommt noch immer - vor allem von den kleineren Fußballverbänden - massive Rückendeckung, so dass die Wahl mit großer Wahrscheinlichkeit stattfinden wird.

"Es gibt überall Korruption"

Diego Maradona (M.), der Fußball-Verbandschef von Argentinien Julio Grondona (r.), und Argentiniens Manager Carlos Bilardo (l.) (Foto: AP)

Grondona (r.) bestreitet nicht, dass es Korruption gibt

Mittlerweile wird oder wurde gegen 13 von 24 Funktionären der FIFA-Exekutive ermittelt. Der Argentinier Grondona sieht sich neben drei weiteren Funktionären dem Vorwurf ausgesetzt, Schmiergeld aus Katar angenommen zu haben und die WM 2022 somit an Katar verkauft zu haben. Er weist die Vorwürfe zwar zurück, gibt aber auch zu: "Ich glaube, dass es überall Korruption gibt. Niemand ist perfekt."

Ein weiteres brisantes Detail wurde über Top-Funktionär Nicolás Leoz bekannt: Der Paraguayer soll vom englischen Fußballverband als Gegenleistung für seine Stimme zur WM-Vergabe 2018 gefordert haben, den FA-Cup nach ihm zu benennen - die Trophäe des ältesten Pokalwettbewerbes der Welt. Zudem wollte er angeblich in den Ritterstand erhoben werden. Leoz bestreitet alle Vorwürfe und wurde von der FIFA - wie noch drei weitere Funktionäre - in dieser Angelegenheit vom Verdacht freigesprochen. Auch von staatlicher Stelle könnten die beschuldigten FIFA-Repräsentanten nicht belangt werden: In der Schweiz werden die Bestechungsvorwürfe nicht rechtlich verfolgt.

"Fußball-Tsunami" fand nicht statt

FIFA-Vize Warner hat einen schockierenden Fußball-Tsunami angekündigt (Foto: dpa)

Machte einen Rückzieher: Jack Warner

Einen Rückzieher hat indessen der von der Ethik-Kommission der FIFA suspendierte Vizepräsident Jack Warner gemacht. Einen Tag nachdem er Präsident Blatter der Bestechung bezichtigt und einen "Fußball-Tsunami" angekündigt hatte, forderte Warner die Mitglieder der Karibischen Fußball-Union völlig überraschend auf, für Blatter zu stimmen und "die Einleitung einer Protestaktion beim FIFA-Kongress zu unterlassen". Damit erreichte er aber nicht alle: Mehrere Delegierte sollen aus Protest gegen die Suspendierung von Mohamed bin Hammam vorzeitig abgereist sein.

Mit Spannung erwartet worden war auch eine Enthüllungs-Pressekonferenz, auf der endlich Handfestes präsentiert werden sollte: Belege und Kontoauszüge, die beweisen sollten, dass vier FIFA-Exekutivmitglieder wirklich Schmiergelder in Millionenhöhe angenommen haben sollen. Doch die Pressekonferenz fiel aus. Offiziellen Angaben zufolge soll das Fünfsterne-Hotel keinen Saal zur Verfügung gehabt haben. Später kamen Gerüchte auf, die Organisatoren der Pressekonferenz seien massiv unter Druck gesetzt worden. Einen Tag vor der Wahl des FIFA-Präsidenten taumelt der Weltfußballverband weiter und seine Glaubwürdigkeit scheint bis in die Grundfeste zerstört.

Autorin: Olivia Fritz (mit dpa, sid)
Redaktion: Diana Hodali

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