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COP23

Fidschi-Inseln: Der drohende Klima-Exodus

Der südpazifische Inselstaat Kiribati droht im Meer zu versinken. Deswegen hat die Regierung Land gekauft, das vor dem steigenden Meeresspiegel sicher ist: auf Fidschi. Bastian Hartig hat die Menschen dort besucht.

"Das alles", sagt Sade Marika und macht dabei eine weit ausschweifende Armbewegung, die ihn zwingt, sich um 180 Grad zu drehen. "Dieses ganze Land gehört Kiribati." Das Gebiet, über das der drahtige Mann von der kleinen Anhöhe aus blickt, reicht vom einige Kilometer weit entfernten Südpazifik bis hin zu den wolkenverhangenen Berggipfeln, die auf der anderen Seite in etwa gleicher Entfernung in den Himmel steigen. Dazwischen ist vor allem dichter Urwald.

Mehr als 2000 Hektar umfasst das Stück Land. Der kleine Inselstaat Kiribati hat es vor drei Jahren im viel größeren und vor allem höher aufragenden Fidschi-Inselreich gekauft. Auf Fidschi sind hauptsächlich die küstennahen Gemeinden vom steigenden Meeresspiegel betroffen, während sich gerade im Inneren der beiden Hauptinseln die zerklüfteten Vulkanberge auf über 1300 Meter erheben. Auf den Atollen Kiribatis hingegen, ist alles küstennah - und vor allem maximal ein paar Meter über dem Meeresspiegel. Das Leben dort wird für die knapp 115.000 Einwohner immer schwieriger. Das steigende Meer drängt die Menschen nicht nur zunehmend auf dem ohnehin knappen Land zusammen, es lässt außerdem das Trinkwasser versalzen.

Pazifik Kiribati Inseln - Anstieg Meeresspiegel (picture-alliance/Rainer Binder/Helga Lade)

Eines der 33 Atolle von Kiribati - alle sind vom steigenden Meeresspiegel bedroht

Der vorausschauende Präsident

Die absehbare Katastrophe zwang Kiribatis ehemaligen Präsidenten Anote Tong 2014 zum Handeln. Seine Regierung kaufte in Fidschi das Stück Land, auf dem Sade Marika jetzt steht. Er selbst wohnt nur ein paar hundert Meter die staubige, rote Sandpiste hinunter. Sade Marika ist der Dorfvorsteher der 270-Seelen-Gemeinde Naviavia. Es ist ein idyllisches Fleckchen Erde, eingerahmt von Kokospalmen auf der einen Seite und einem kleinen klaren Fluss auf der anderen. Friedlich ist es hier. Auf dem schmalen Weg, der sich durch das Dorf schlängelt, haben sich ein paar Männer in der Abendsonne zum Palavern versammelt. Rundherum zwitschern die Vögel. Kinder warten auf das Abendbrot, während auf dem dorfeigenen Bolzplatz ein Dutzend junger Männer Rugby spielen, der Volkssport Fidschis. Sie alle sind Nachfahren von Sklaven, die die britischen Kolonialherren im 19. Jahrhundert von den Salomoninseln hierher verschleppten, um auf den Baumwollplantagen zu arbeiten.

Doch die Zukunft von Naviavia ist ungewiss. Denn die kleine Gemeinde liegt mitten in dem Gebiet, das jetzt dem Staat Kiribati gehört. Und der hat hier viel vor. "Man hat uns gesagt, sie wollen hier Landwirtschaft betreiben, vor allem Maniok, Wasserbrotwurzel (Taro) und Yaqona (ebenfalls eine Wurzel, aus der das in der Pazifikregion weitverbreitete Kava-Getränk gewonnen wird) anbauen", erklärt Sade Marika.

Reportage Fidschi Inseln (DW/B. Hartig)

Der Dorfvorsteher Sade Marika ist trotz des Landverkaufs noch zuversichtlich

Für die wirtschaftliche Entwicklung Kiribatis

Fragt man Reteta Rimon, Kiribatis Botschafterin in Fidschi, dann erfährt man, dass das wohl nur ein Teil der Wahrheit sei. "Wir sind noch in der Planungsphase", sagt die elegante Dame am Rande eines Vortreffens zum Bonner Klimagipfel in Nadi, der drittgrößten Stadt Fidschis. "Es steht noch nicht fest, was genau wir mit dem Land machen werden, aber es soll der wirtschaftlichen Entwicklung von Kiribati dienen." Die Möglichkeiten hierfür sind vielfältig und gehen weit über den Anbau von Gemüse hinaus. "Es gibt Überlegungen, unseren Fischereisektor auszubauen", führt Reteta Rimon aus.

Die 33 Inseln und Atolle, aus denen Kiribati besteht, sind über eine Fläche von 5,2 Millionen Quadratkilometer verteilt, dazwischen liegen einige der reichsten Thunfischfanggebiete des pazifischen Ozeans. Bisher hat Kiribati davon aber vergleichsweise wenig. Zwar verpachtet es die Fanglizenzen, aber den großen Profit machen andere, während ein Großteil der Bevölkerung Kiribatis mehr schlecht als recht vom Küstenfischfang lebt. "Unsere jetzige Regierung plant, dass wir selbst eine Hochseefischfangflotte bekommen", erklärt Reteta Rimon. "Außerdem wollen wir eine weiterverarbeitende Fischereiindustrie aufbauen." Aber dafür braucht es Platz und große Mengen Süßwasser, alles Dinge, die auf Kiribati selbst nur sehr begrenzt zur Verfügung stehen. Genau wie andere Rohstoffe wie Holz oder Stein.

Auf den 20 Quadratkilometern rund um Naviavia gibt es all das. Und deswegen werden die Dorfbewohner dort wohl früher oder später neue Nachbarn bekommen - auch wenn noch lange nicht klar ist, wann und wieviele Menschen aus Kiribati wirklich herkommen. Zur Not könne man alle Bürger des Inselstaats auf Fidschi unterbringen, hatte der frühere Präsident Kiribatis, Anote Tong, einmal gesagt, aber Reteta Rimon winkt ab. "Kiribati ist unsere Heimat, wir wollen sie nicht verlassen."

Reportage Fidschi Inseln (DW/B. Hartig)

Die Bewohner Naviavias hoffen auf eine gute Zukunft auch für ihre Kinder

Arrangieren mit der neuen Realität

In Naviavia übt man sich noch in vorsichtigem Optimismus. "Wir hier im Pazifik sind doch irgendwie alle vom selben Schlag", sagt Efraimi Tangenagitu. Der kleine, gedrungene Mann steht vor seiner Hütte aus Holz und Wellblech. "Ich glaube, da wird es keine Probleme geben." Aber sein rundes, sympathisches Gesicht wirkt etwas angespannt. Als die Pläne den Dorfbewohnern unterbreitet wurden, waren nämlich keineswegs alle begeistert. Es gab Bedenken, ob das mit dem Zusammenleben wirklich so gut klappen würde, schon allein wegen der unterschiedlichen Sprachen. Aber darüber will sich heute keiner mehr öffentlich äußern. Schließlich sei der Deal schon unter Dach und Fach, und man wolle die Beziehungen mit den künftigen Nachbarn nicht schon im Vorfeld vergiften. Auf gute Nachbarschaft scheint man auch in Kiribati bedacht. Sogar der Präsident höchstpersönlich war schon hier, um den Dorfbewohnern zu versichern, dass sie nichts zu befürchten hätten.

In Naviavia akzeptiert man die neue Realität - notgedrungen. Denn gefragt, ob sie mit dem Verkauf einverstanden sind, wurden sie hier nie. Das Land gehörte der anglikanischen Kirche. Die hatte den Bewohnern von Naviavia lediglich ein Nutzungsrecht eingeräumt. Nach dem Verkauf bleiben ihnen jetzt noch gut 120 Hektar zur Bewirtschaftung. Aber Dorfvorsteher Sade Marika will sich lieber auf das Positive konzentrieren. "Man hat uns zugesichert, dass wir in die Entwicklung des Landes einbezogen werden", sagt er und hofft darauf, dass die Pläne Kiribatis Arbeitsplätze auch für die Bewohner von Naviavia schaffen. Sicher ist, dass sich das Leben hier durch den Klimawandel grundlegend ändern wird. In Naviavia sind sie entschlossen, das Beste daraus zu machen. Es bleibt ihnen ja auch nichts anderes übrig.

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