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Amerika

Fidel - Revolutionär von Gottes Gnaden

Er war ein Mensch von hohem Sendungsbewusstsein. Charakter und Leben formten Fidel Castro zu einem Kämpfer, der keinen Gegner fürchtete - oder duldete. Ihn machte der Kampf stark. Kuba aber führte er an den Abgrund.

Der kubanische Rebellenführer Fidel Castro mit seinem Kommandostab (picture-alliance/dpa)

Warten auf den Schmetterling: Fidel Castro mit seinem Kommandostab, 1958

Einen Moment lange flatterte das Tierchen durch die Gruppe der Kämpfer, von einem Aufständischen zum anderen, ganz so, als wüsste es nicht recht, wen es eigentlich suchte. Doch das Zögern war nur ein kurzes, vielleicht auch überhaupt keines. Sondern eher ein Moment der Besinnung, der nötig war, um sich mit dem letzten Flügelschlag dem größten dieser Männer auf die Schulter zu setzen. Die afrokubanische Zeremonienmeisterin, die dem denkwürdigen Augenblick beiwohnte, zögerte ihrerseits nicht lange - der Schmetterling hatte gerade eine göttliche Botschaft verkündet: Der junge Revolutionär, Fidel Castro mit Namen, war der Mann der Stunde. Und nicht nur der Stunde, sondern des Jahrhunderts. Er, das hatte Obatalá, der Schöpfergott der kubanischen Santería, durch den Schmetterlingsboten ganz zweifellos zum Ausdruck gebracht, war die Lichtgestalt, auf die die Kubaner so lange schon gewartet hatten.

Die Legendenbildung um Fidel Castro setzte früh ein. Und so suspekt deren afrokubanische Variante ihm selbst auch sein mochte - die Weihen, die die Religion ihren großen Männern verlieh, nahm er auf seine säkular-marxistisch-sozialistische Weise für sich selbst gern in Anspruch. Und mit den großen Propheten verband ihn nicht zuletzt dieses: das Sendungsbewusstsein, die Glaubensgewissheit, die Hingabe an die eigene Mission.

"Die Geschichte wird mich freisprechen"

Seine Mission ist der Kampf gegen den Diktator Fulgencio Batista, der sich 1952 an die Macht geputscht hat. Zunächst geht der junge Rechtsanwalt Castro juristisch gegen den Autokraten vor, doch als das Unternehmen keinen Erfolg hat, greift er zu den Waffen - ebenfalls vergeblich: Im Juli 1953 versucht er mit 135 Männern und Frauen die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba zu stürmen. Das Unternehmen scheitert, viele Kameraden werden sofort erschossen, Castro und sein Bruder Raúl zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, kommen aber im Mai 1955 in den Genuss einer Amnestie.

Ernesto Che Guevara Fidel Raul Castro um 1959 (AFP/Getty Images)

Zwei Kampfgefährten auf dem Weg, Ikonen der Linken zu werden: Fidel Castro (r.) und Ernesto "Che" Guevara

Der junge Revolutionär geht ins mexikanische Exil und lernt dort alsbald einen künftigen Waffenbruder kennen: den Argentinier Ernesto "Che" Guevara. Das Weitere ist Realgeschichte, liest sich aber, als hätte sie ein Drehbuchautor ersonnen: Im November 1956 setzen Fidel und seine Getreuen auf der Jacht "Granma" - sie sollte später der Parteizeitung ihren Namen geben - nach Kuba über und führen zwei Jahre lang einen Guerillakrieg gegen das Batista-Regime. Am 1. Januar 1959 haben sie den Diktator von der Insel vertrieben. Bald darauf landet der Schmetterling auf Castros Schulter.

Die Wunde der Jugend

Castros Vater, ein Großgrundbesitzer mit galicischen Wurzeln, kam  Ende des 19. Jahrhundert nach Kuba, um dort als Soldat gegen die Aufständischen zu kämpfen, die von der Unabhängigkeit von Spanien träumen und diese 1898  auch erkämpfen.

Mit einer Haushälterin, Lina Ruz González, zeugt Ángel sieben Kinder. Als deren drittes kommt 1926 der junge Fidel auf die Welt. Doch der Vater will von seinen Nachkommen zunächst nichts wissen. Erst als er Lina 1941 heiratet, entschließt er sich, den Familiennamen an die Kinder weiterzureichen. Der junge Fidel ist da 15 Jahre alt - Jahre, die er als das verbringen musste, was man damals einen "Bastard" nannte, ein uneheliches Kind.

"Ein großes Bordell"

Welche Auswirkungen auch immer diese Demütigung in der Psyche des jungen Mannes entfaltet haben mag: Dieser gibt sich fortan entschieden, zögert nicht, es mit dem Unrecht der Welt aufzunehmen. Kaum ist Batista vertrieben, findet er einen anderen Gegner, den Gegner seines Lebens: die Vereinigten Staaten von Amerika, für ihn der Hort eines kalten, zynischen Kapitalismus.

Kuba Havanna Casino Jan. 1959 (picture alliance/AP Photo/F. Lezcano)

"Revolution der Würde" gegen Prostitution und Glücksspiel: Kubaner stürmen nach Castros Einzug in Havanna ein Casino, Januar 1959

Die USA sind in der Tat mit fragwürdigen Gestalten auf der Insel vertreten. Er sei verzückt gewesen von Havanna, schrieb einmal der Historiker Arthur M. Schlesinger, der Berater John F. Kennedys. "Aber es entsetzte mich, wie sehr sich diese wunderbare Stadt in ein großes Kasino und Bordell für amerikanische Geschäftsleute verwandelt hatte." Seine Landsleute, beobachtet er, lassen sich mit minderjährigen Mädchen ein. Mit Lust werfen sie ein paar Münzen auf die Straßen, um zuzuschauenden, wie die bitter armen Kubaner sich nach ihnen bücken.

Der große Krieg

Es sind Missstände wie diese, gegen die sich Castro, inzwischen Regierungschef, wendet. Sein Unmut weitet sich, als die USA erste Boykottbeschlüsse gegen Kuba fassen, die CIA ihn zu stürzen versucht - etwa indem sie 1961 exilierte Castro-Gegner in der Schweinebucht absetzt, von wo aus sie das junge Regime stürzen sollen. Die Invasion scheitert, aber Castro weiß einmal wer, wo er den Feind zu suchen hat. "Wenn dieser Krieg aufhört, beginnt für mich ein viel größerer, umfassenderer Krieg: der, den ich gegen sie (die Amerikaner, d. Red.) führen werde. Mir wird klar, dass das mein eigentliches Schicksal ist", hatte er bereits zu Beginn seiner Revolution erklärt.

In diesem Krieg darf man vor allem eines nicht: ermüden und klein beigeben. Der Flirt mit der UdSSR und die unnachgiebige Rolle der USA bringen die Welt im Herbst 1962 an den Rand eines Atomkriegs. Doch den jungen Regierungschef - wenige Wochen zuvor ist er 36 Jahre alt geworden - beeindruckt das wenig. "Wer nicht in der Lage ist, für andere zu kämpfen, wird niemals in der Lage sein, für sich selbst zu kämpfen", wird er Jahre später erklären und damit sein ethisch-politisches Glaubensbekenntnis formulieren.

Fidel Castro (picture-alliance/ZUMAPRESS.com)

"Eine fast magische Hingabe ans Wort": Fidel Castro 1985 monologisierte oft stundenlang

Castros vielleicht größte Gabe, neben seinem Mut: die Rede. Castros Hingabe an die Sprache, erinnert sich sein Freund, der kolumbianische Schriftsteller Gabriel García Márquez, sei "beinahe magisch" gewesen. Drei Stunden habe er als durchaus übliches Maß einer normalen Unterhaltung angesehen. Zeitgenossen empfanden die Dauer dieser Gespräche oft anders - nämlich als ermüdende Monologe, Ausdruck seines überbordenden Sendungsbewusstseins. Noch länger, viel länger, konnten seine Ansprachen nämlich auf den Plätzen und im Fernsehsender der Insel dauern. "Millionen Kubaner, jedes Alters, haben tausende oder zehntausende Stunden ihres Lebens damit verbracht, die Reden und Ansprachen des Führers zu hören", schreibt die spanische Tageszeitung El País.

Der Herr der Kerker

Freilich ging dieses Sendungsbewusstsein einher mit rigoroser, ja brutaler Entschlossenheit. Einspruch, Opposition, andere Weltbilder - davon hielt der Herr der Insel ausgesprochen wenig. Tausende bekommen das zu spüren, die wegen ihres Glaubens an das freie Wort in kubanischen Gefängnissen schmachten.

Die Nachricht vom Tode Castros, schreibt der kubanische Schriftsteller und Künstler Juan Abreu, der 1980 ins spanische Exil ging, habe ihn mit Trauer erfüllt. Trauer, weil dieser Tod für ihn und alle, die sich gegen Castro erhoben hätten, eine Niederlage darstelle. Denn: "im Gegensatz zu seinen über die ganze Welt verstreuten Opfern, im Gegensatz zu den zehntausenden Kubanern, die in der Meerenge von Florida ertrunken sind, als sie einer Diktatur, seinen Kerkern und seinen Dummheiten zu entkommen suchten" - im Gegensatz zu ihnen habe Castro in Ruhe, im Kreis seiner Familie und seiner Freunde sterben können.

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