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Wirtschaft

Feuer unterm Dach

Mit einer Finanzspritze hat die US-Regierung in letzter Sekunde die beiden Kreditunternehmen Fannie Mae und Freddie Mac gerettet. Doch diese Maßnahmen lösen nicht das Grundproblem, findet Karl Zawadzky.

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Immer wieder wollen die Bosse der großen Banken uns glauben machen, die Finanzkrise neige sich ihrem Ende entgegen, das weltweite Banken- und Börsensystem sei noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Doch dem ist nicht so. Die vom – völlig unseriös finanzierten – amerikanischen Immobilienmarkt ausgelöste Krise hat grade eine neue Gefährdungsstufe erreicht. Der Kollaps des kalifornischen Immobilienfinanzierers Indymac ist die drittgrößte Bankpleite in der amerikanischen Geschichte. Das ist schlimm genug. Viel schlimmer wäre ein Zusammenbruch der großen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac, der durch massive Intervention von Finanzminister Henry Paulson und der Notenbank jetzt erst einmal verhindert worden ist.

DW-Wirtschaftsexperte Karl Zawadzky, Quelle: DW

DW-Wirtschaftsexperte Karl Zawadzky

Das Finanzministerium und die Notenbank konnten aus einem einzigen Grund nicht untätig bleiben: Der Zusammenbruch von Fannie Mae und Freddie Mac hätte eine Kernschmelze des amerikanischen Banken- und Börsensystems auslösen und den Rest der Welt mit in den Abgrund reißen können. Denn diese beiden Banken haben von den amerikanischen Hypothekenschulden von insgesamt 12 Billionen Dollar zusammen 5,3 Billionen Dollar in ihren Büchern. Das entspricht einem Drittel des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts. Außerdem haben so gut wie alle anderen Banken dem Hypothekenmarkt den Rücken gekehrt. Sehr schnell wäre aus der Rezession in den USA eine Depression geworden – und zwar mit weltweiten Folgen.

Riskantes Modell


Schließlich sahen sich die Regierung und die Notenbank auch deswegen zum Handeln verpflichtet, weil die beiden Institute auf dem Hypothekenmarkt eine zentrale Rolle spielen. Sie sind quasi die Rückversicherung der Hypothekenbanken; sie kaufen den regionalen Hypothekenbanken die Kreditforderungen ab bzw. garantieren für die Forderungen, und halten damit den Banken den Rücken frei. Allerdings ist das nicht mehr viel Neugeschäft, im Gegenteil: Im letzten Monat sind über 250.000 Immobilien unter Zwangsvollstreckung gefallen. Insgesamt werden in diesem Jahr mehr als eine Million Amerikaner ihren Schuldendienst einstellen. Bei Fannie Mae und Freddie Mac ballen sich die Risiken. Für den Fall einer Immobilienkrise ist das das ungünstigste Geschäftsmodell.

Hinzu kommt, dass Fannie Mae und Freddie Mac zwar als private Aktiengesellschaften firmieren, aber eng mit dem Staat kooperieren. Der Staat musste handeln, nachdem die Aktien der beiden Immobilienfinanzierer innerhalb kurzer Zeit die Hälfte ihres Wertes verloren hatten und die Vertrauenskrise immer weiter ausuferte. Erst einmal erhalten sie von der Notenbank Kredite zu Vorzugskonditionen. Wenn das nicht reicht, wird der Staat sich einkaufen, also frisches Geld geben und dafür Anteile übernehmen.

Im Klartext: Die amerikanische Regierung hat für den Pleitefall die Verstaatlichung und Fortführung des Geschäftsbetriebs angekündigt. Das soll das Vertrauen der Anleger stärken, denen im günstigsten Fall ein Schnäppchen winkt und die im ungünstigsten Fall vor einem Verlust ihres Geldes verschont bleiben. Doch die Ankündigung zeigt auch, wie sehr das Feuer aus dem Dachstuhl lodert. Die Gefahr einer Kernschmelze des Finanzsystems ist erst einmal gebannt, aber die Bankenkrise ist noch lange nicht ausgestanden.



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