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Politik

"Feuer und Kugeln regneten auf uns nieder"

Die italienische Journalistin Sgrena hat nach ihrer Freilassung aus irakischer Geiselhaft schwere Vorwürfe gegen die US-Streitkräfte erhoben. Das Auto, in dem sie mit ihren Befreiern saß, sei wahllos beschossen worden.

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Die befreite Giuliana Sgrena bei ihrer Ankunft in Rom

Sgrenas Kollegen von der linksgerichteten Zeitung Il Manifesto und der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit", für die die Journalistin gelegentlich schreibt, hatten am Freitagabend zunächst mit Jubel und Freudentränen auf die gute Nachricht reagiert. Doch diese Freude wurde gleich wieder getrübt. Kurz nach ihrer Freilassung war Sgrenas Auto auf dem Weg zum Flughafen von amerikanischen Soldaten beschossen worden.

Der Leichnam von Geheimdienstler Calipari kommt in Rom an

Ankunft des Sargs von Geheimdienstmitarbeiter Nicola Calipari

Dabei wurde der 51-jährige italienische Geheimdienstbeamte Nicola Calipari getötet, als er versuchte, die Reporterin mit seinem Körper zu schützen. Er soll bei Sgrenas Freilassung eine entscheidende Rolle gespielt haben. Zwei weitere Beamte seien verletzt worden. Sgrena wurde dabei an der Schulter verletzt und musste operiert werden.

Was geschah wirklich?

Immer noch ist unklar wie es zu dem Vorfall kommen konnte. Nach Darstellung des Pentagons, habe sich das Auto mit hoher Geschwindigkeit einer Straßensperre der Koalitionskräfte genähert. Die Soldaten hätten versucht, den Wagen mit Handsignalen und Lichtblitzen zum Anhalten zu bewegen. Danach seien Warnschüsse abgegeben worden. Doch der Fahrer habe nicht gebremst.

Sgrena widesprach dieser Darstellung und erklärte, das Fahrzeug sei nicht sonderlich schnell gefahren. "Ich erinnere mich nur an das Feuer", schrieb Sgrena in ihrer Zeitung "Il Manifesto" am Sonntag. "Feuer und Kugeln regneten auf uns nieder und brachten die fröhlichen Stimmen für immer zum Schweigen." Der Fahrer habe gerufen, dass sie Italiener seien. Dann habe sich Calipari über sie geworfen und "sofort habe ich seinen letzten Atemzug gespürt, als er starb", schrieb sie weiter. In diesem Moment habe sie sich an die Worte ihrer Entführer erinnert, die sie zu größter Vorsicht ermahnt hätten, "weil die Amerikaner nicht wollen, dass du zurückkehrst".

Lösegeld soll geflossen sein

Weder die italienischen noch die amerikanischen Behörden äußerten sich zu den genauen Umständen der Freilassung der 56-jährigen Journalistin. Nach Angaben eines irakischen Abgeordneten solle Lösegeld in Höhe von einer Million Dollar geflossen sein.

Der Zwischenfall hat nun zu Verstimmung zwischen den USA und Italien geführt. US-Präsident George W. Bush äußerte in einem Telefongespräch mit Berlusconi sein Bedauern über den Vorfall. Die Organisation Reporter ohne Grenzen forderte, der Vorfall müsse von den Vereinten Nationen untersucht werden. Auch "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo äußerte Zweifel an der offiziellen Darstellung des Zwischenfalls. "Wir als Journalisten dürfen uns nicht auf die offizielle Darstellung verlassen", sagte er der "Bild am Sonntag".

Sgrena war am Samstagvormittag in einem Ambulanz-Flugzeug nach Rom zurückgekehrt. Am Flughafen Ciampino wurde Sgrena von ihrer Familie, Ministerpräsident Silvio Berlusconi und zahlreichen Politikern und Kollegen empfangen. Sie sei während ihrer Entführung stets gut behandelt worden, waren die ersten Worte der Reporterin, die schwer angeschlagen wirkte.

Französische Journalistin weiter entführt

Sgrena war am 4. Februar in Bagdad entführt worden. Sie hatte zuvor eine Moschee besucht, in der sich Flüchtlinge aus der von US-Truppen verwüsteten Stadt Falludscha aufhielten. Sgrena gilt als erfahrene und engagierte Krisenreporterin, die schon aus Algerien, Afghanistan oder Somalia berichtet hat.

Im Irak sind bereits über zwei Dutzend Journalisten entführt worden. Der italienische Journalist Enzo Baldonis war im vergangenen August verschleppt und kurz darauf ermordet worden. Im Irak halten sich wegen der unsicheren Lage nur noch wenige internationale Journalisten auf. Die italienische Botschaft hatte Ende Februar alle Italiener und insbesondere die noch knapp 20 verbliebenen Journalisten zur Ausreise aus dem Irak aufgefordert. Zuvor hatte es wiederholt Drohungen gegen Reporter gegeben.

Das Schicksal der Anfang Januar enführten französischen Journalistin Florence Aubenas ist dagegen weiter unklar. Auch sie war in Bagdad entführt worden und hatte kürzlich in einem von den Entführern aufgenommenen Videoband um Hilfe gefleht. (stl)

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