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Deutschlehrer-Info

„Fett und alt“: interkulturelle Missverständnisse

„Andere Länder, andere Sitten“, sagt ein Sprichwort. Das erleben auch ausländische Studierende an deutschen Universitäten. Doch es gibt Seminare und Berater, die ihnen beim Einleben in die deutsche Kultur helfen.

Sprechstunde in der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Köln. Unruhig rutscht der kenianische Student auf der Sesselkante hin und her. „Warum ist der Junge so nervös?“, denkt Sozialpädagoge Bernhard Esser. Also fragt er nach. Nach einigem Herumdrucksen gesteht der Afrikaner, in seiner Kultur sei es ihm nicht erlaubt, auf gleicher Höhe wie der Berater auf dem Sessel zu sitzen. Das sei ein Zeichen mangelnden Respekts.

24 Jahre liegt dieses Erlebnis schon zurück. Seitdem hat Bernhard Esser als Referent für Interkulturelles und Interreligiöses viel über die unterschiedlichen Verhaltensweisen anderer Kulturen gelernt. Seine Studenten nennen ihn „Papa Afrika“. „Für uns ist er längst kein Deutscher mehr, denn er kennt sich in der afrikanischen Kultur sehr gut aus“, sagt Francis Odhiamba. Der kenianische Elektrotechnikstudent fühlt sich von ihm verstanden, egal ob er mit finanziellen oder seelischen Problemen in die Beratung kommt.

Wenn niemand klopft

Ramesh Bhana aus Tansania sitzen sich gegenüber

Beratung auf Augenhöhe

Gerade in den ersten Monaten haben viele ausländische Studierende an deutschen Unis mit kulturellen Problemen oder Missverständnissen zu kämpfen. Frances Odhiamba erinnert sich noch gut an die einsamen Wochen, die er nach seiner Ankunft in Deutschland in einem Studentenwohnheim verbrachte. „Wenn man in Kenia neu in der Nachbarschaft ist, kommen die Leute, um einen willkommen zu heißen“, erzählt er. „Also hab ich in meinem Zimmer gesessen und gewartet, dass jemand klopft. Aber das ist nie passiert.“

Der nächste Kulturschock kam an der Uni, als er den lockeren Umgang zwischen deutschen Studierenden und ihren Dozenten erlebte. Nie würde man in Afrika eine Respektsperson ohne ausdrückliche Aufforderung einfach ansprechen, sagt Odhiamba. Ein kulturelles Missverständnis mit Folgen: Gerade Afrikaner, aber auch Asiaten und Araber wagen es in Uni-Seminaren nicht, sich zu Wort zu melden oder gar mitzudiskutieren, erklärt Esser: „Die Studierenden denken, damit stellen sie den Dozenten bloß.“

Fett – oder wohlbeleibt?

Bernhard Esser von der Katholische Hochschulgemeinde in Köln

Die Studierenden vertrauen „Papa Afrika“

Zuhören ohne zu werten: Das ist laut Esser das Geheimnis einer guten Beratung. Immer wieder gibt er seinen Schützlingen mit auf den Weg, dass bestimmte Verhaltensweisen nicht gegen sie persönlich gerichtet sind, sondern Ausdruck deutscher Kultur. Zum Beispiel die direkte Art der Deutschen, Dinge auf den Punkt zu bringen, statt sich vorsichtig heranzutasten. Daran hat sich Francis Odhiamba bis heute nicht gewöhnt. „Bei uns redet man um den heißen Brei herum“, sagt er. „Man würde ein Problem nie direkt beim Namen nennen.“

Dass manche Dinge ganz anders gemeint sind als vom Gegenüber aufgefasst, musste auch Bernhard Esser lernen. Zum Beispiel, als ein Marokkaner, den er zu seinen Studentenzeiten betreut hatte, ihn Jahre später in der Beratung aufsuchte und sagte: „Herr Esser, Sie sind aber fett geworden - und so alt!“ Der Sozialpädagoge schluckte damals seine Entrüstung herunter und fragte den Studenten, was er denn damit sagen wolle. „Sie sehen sehr gut aus“, strahlte der ihn an. Wohlbeleibtheit, erfuhr Esser, ist in anderen Kulturen durchaus als Kompliment gemeint: Denn man hat genug Geld, um sich zu ernähren, es geht einem also gut. Und Alter steht - anders als in Deutschland, wo viele ältere Menschen dem Jugendwahn verfallen sind – für Weisheit.

„Ich habe Deutschland geschafft!“

Indonesische Studenten in ihrer Tracht

Ein Stück Indonesien an der KHG: Heimatabende sind bei ausländischen Studierenden sehr beliebt

Wer andere Verhaltensweisen und Umgangsformen gewohnt ist, durchläuft das sogenannte Kulturschockmodell, erklärt Esser. Zunächst freuen sich die ausländischen Studierenden, in Deutschland zu sein; dann sind sie verunsichert, wie sie sich im deutschen Alltag verhalten sollen. Deshalb bieten die meisten deutschen Universitäten ihnen mittlerweile Kurse an, in denen sie etwas über die deutsche Kultur erfahren können. Dort lernen sie zum Beispiel, wie man einen Professor anredet oder dass man im Restaurant auf keinen Fall seine Suppe schlürfen sollte, wie in China üblich.

Wenn die Studierenden all diese Schwierigkeiten in einem fremden Land meistern, so Esser, können sie wirklich stolz auf sich sein. Im Gespräch macht der Berater ihnen dann immer wieder deutlich, dass sie jetzt die Fähigkeit haben, sich in zwei Gesellschaften zurechtzufinden. Oder mit den Worten eines marokkanischen Studenten: „Herr Esser, es gibt kein Problem, das ich nicht schaffen werde, ich habe Deutschland geschafft!“

Suzanne Cords;mk

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