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Deutschland

"Festung" Schloss Elmau

In der Abgeschiedenheit von "Schloss Elmau" tagt der G7-Gipfel. Dessen Kritiker wollen sich so nahe wie möglich versammeln. Politiker und Anwohner fürchten Ausschreitungen. Sabrina Pabst berichtet.

"Den gesamten Holzstapel sollen wir abbauen. Das sind rund vier Kubikmeter", stöhnt der Anwohner. Vor seinem Haus in Oberau, nur wenige Kilometer von Garmisch-Partenkirchen entfernt, rollen bei schlechtem Wetter die Limousinen mit den Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industrienationen vorbei. Alles, was Demonstranten als Wurfmaterial dienen könnte, muss weg, meint ein Polizeibeamter. Deshalb müssen auch die kleinen Blumentöpfe vor dem Nachbarhaus weg. Selbst der Antiquitätenhändler wenige Häuser weiter darf sein Sammelsurium an Kostbarkeiten während der Gipfeltage nicht an der Straße dekorieren. Polizisten werden den Anwohnern in wenigen Tagen vor dem anstehenden Mega-Ereignis helfen, damit alles den Sicherheitsstandards entspricht. Das ist Aufwand, der bezahlt werden muss: Inklusive Sicherheitskonzept in Elmau werden die Kosten für den Gipfel auf 200 Millionen Euro geschätzt.

Keine Kosten und Mühen werden unterhalb der Zugspitze gescheut, den G7-Gipfel zu schützen. Tausende Rettungskräfte und 19.000 Polizisten werden im Einsatz sein. Zusammen mit Kollegen aus Österreich und Italien wollen sie potenzielle Krawallmacher bereits an den Grenzen aufhalten. Sicherheit hat im dem oberbayrischen Landkreis oberste Priorität. Mitten im Naturschutzgebiet steht jezt ein Sicherheitszaun: 7 Kilometer massiver Maschendraht. Mögliche Demonstranten sollen Kilometerweit auf Distanz gehalten werden. Die sieben Staatschefs können sich in der Abgeschiedenheit der Nobelherberge "Schloss Elmau", für 48 Stunden ihr Tagungsort, vor den Demonstranten verschanzen.

Angst vor Gipfelsturm - Demonstranten als Zaungast

"Guten Tag. Wir möchten gerne wissen, welche Presse hier unterwegs ist. Sind sie beim Führungsstab angemeldet?" fragt ein Polizist freundlich während Fotos entlang des Sicherheitszauns aufgenommen werden. Auch Wanderer innerhalb des Sperrgebiets, das ab dem 30. Mai nicht mehr ohne Erlaubnis betreten werden darf, müssen Auskunft geben, ob sie in der Gegend Urlaub machen würden oder "einheimisch" seien. Rund um "Schloss Elmau" herrscht Ausnahmezustand. Brennende Autos, gewalttätige Demonstranten: die Bilder während des letzten G7-Treffens in Heiligendamm an der Ostsee sind noch vielen Einwohnern im Landkreis Garmisch-Partenkirchen im Gedächtnis. Gewalttätige Ausschreitungen entlang des massiven Sicherheitszauns in Heiligendamm: "Wird G7 auch in der Alpenregion zum Sicherheitsproblem werden?" fragen sich Anwohner.

Demonstrationen, geplante Protestcamps, Sternenmärsche

Anti-Gipfel-Gruppierungen sorgen Monate vor dem Treffen für Aufregung. Doch wo ist Raum für Demonstranten zu finden? Vor dieser Entscheidung drücken sich die Verantwortlichen. Seit Monaten liegen die Anträge für Demonstrationen auf ihrem Tisch. Rund 20 Millionen Euro hat Bayern in den von Tourismus geprägten Landkreis Garmisch-Partenkirchen gesteckt, um ihn herzurichten. Dafür erfüllen Bürgermeisterin Siegrid Meierhofer und ihre Kollegen aus den umliegenden Gemeinden jeden Wunsch: Sie haben alle Landwirte aufgerufen, ihre Grundstücke nicht für Protest-Camps herzugeben. Denn Proteste machen sich inmitten der Postkarten-Bergidylle nicht gut und könnten die Gipfel-Atmosphäre stören. Ein Risiko, das auch die Bürgermeisterin minimieren möchte. "Der Protest kann und soll auch stattfinden. Friedliche Demonstranten werden wir herzlich willkommen heißen. Aber ich bestreite, dass dazu unbedingt ein Camp gehört."

Reportagereise G7 (Foto: DW/ S.Pabst)

Auf dieser Wiese darf kein Protest-Camp aufgeschlagen werden

19.000 Polizisten, 10.000 Delegierte der Regierungen, 5.000 Journalisten und tausende Rettungskräfte - ein freies Zimmer in der Umgebung zu finden ist kaum möglich. Durch das mangelnde Übernachtungsangebot für Demonstranten solle ihre Mobilisierung unterbunden werden, meint Benjamin Ruß, Sprecher des Aktionsbündnisses „Stop G7“. Nach monatelanger Suche hat ihnen ein Landwirt einen Teil seiner Wiese für ein geplantes Protest-Camp Ruß und seinen Mitstreitern vermietet. Die 7.000 Quadratmeter liegen im Landschaftsschutzgebiet. Das bedeutet Auflagen für Abwasser, Abfallentsorgung, Brand- und Naturschutz, hinzu kommt die Hochwassergefahr - im Rathaus und im Landratsamt sieht man kaum Chancen auf eine Genehmigung. Wenige Wochen vor dem Gipfel werden die Landwirte der Region nervös: "Wenn die Demonstranten kommen, wo nächtigen die, wo hinterlassen die ihre Notdurft? Und wenn die campieren, der ganze Saustall bleibt bei uns Landwirten auf den Äckern", beschwert sich Josef Baudrexl bei der Diskussionsrunde in der örtlichen Gaststätte. Bei einem organisierten Camp gäbe es all diese Probleme nicht. Und was ist mit den geplanten Protestmärschen und Dauerkundgebungen? Geeignete Flächen daür gäbe es in Garmisch nicht, meint Bürgermeisterin Meierhofer. Es fehlten Fluchtmöglichkeiten aufgrund der kleinen Straßen, so Meierhofer weiter. Große Parkplätze wären schon seit Wochen an die Polizei vermietet. Knapp eine Woche vor Gipfelbeginn fällt die Entscheidung: Eine Demonstration wird es geben - auch den Protestmarsch, wenn die Polizei sie lässt. Am 2. Juni schließlich wird gerichtlich entschieden: auch ein Protestcamp darf es geben.

G7-Gipfel in Elmau Reportage Partenkirchen (Foto: DW/ S.Pabst)

Keine Souvenirs für Demonstranten

Polizei gegen Demonstranten?

Benjamin Ruß vom Aktionsbündnis "Stop G7" rechnet mit 10.000 Demonstranten aus der ganzen Welt. "Demonstrationsrecht ist ein hohes Gut." Ein Satz, der für ihn mittlerweile abgedroschen klingt. "Wo sollen wir denn demonstrieren, wenn alle möglichen Plätze schon über ein Jahr vorher von der Polizei und dem Bundespresseamt angemietet und besetzt werden?" fragt er. "Selbst der Campingplatzbetreiber hat mit uns kooperiert und dann abgesagt, weil er einen Anruf von der Polizei erhalten hat." Durch mögliche Demonstrations- und Campverbote lasse sich "das Aktionsbündnis jedenfalls nicht abschrecken". Die gesamte Stimmung sei bereits auf Eskalation ausgerichtet, meint Ruß. "Es stehen den Demonstranten mehr als 19.000 Polizisten gegenüber." Laut Ruß schürten dazu örtliche Medien und die Polizei unter den Bürgern Ängste vor der Gewaltbereitschaft der Demonstranten. "Aber keiner redet auch mal über das Gewaltpotenzial von den hochbewaffneten Sicherheitskräften".

Wie viele Gewalttäter zum G7-Gipfel kommen wollen, ist kaum vorauszusagen. Durch die Krawalle bei der Eröffnung des neuen EZB-Gebäudes in Frankfurt im März ist die bayerische Polizei alarmiert. Die Ladenbesitzer in der historischen Straße in der Altstadt sind verunsichert. "Wir werden unseren Laden an dem Wochenende ausräumen und schließen", meint die junge Boutique-Besitzerin in der malerischen Einkaufsstraße der Altstadt, wo aufwendige Wandmalerei und geschnitzte Balkone die Hausfassaden zieren. "Bisher ist kein Demonstrationszug offiziell genehmigt worden", wiegt Optiker-Meister Johann Feist das Risiko ab. Nur wenige der Demonstranten seien tatsächlich gewaltbereit, aber vor denen wolle er sich schützen. Obwohl Bayerns Innenminister Joachim Herrmann versichert hat, das Land werde für mögliche Vandalismus-Schäden aufkommen, habe er trotzdem eine zusätzliche Versicherung abgeschlossen. Auch der Besitzer des Souvenir-Ladens an der Straßenecke hat Bedenken. Seine große Fensterfläche wird er für alle Fälle leer räumen. "Auch wenn die hier nicht langlaufen sollten, kann es ja sein, dass einige nachts randalieren".

Reportagereise G7 (Foto: DW/ S.Pabst)

Wird hier der Sternenmarsch langlaufen?

Unbequeme Nächte

Nicht nur die Polizei, auch die Gipfel-Gegner sind schon aktiv. Rund um "Schloss Elmau" erkunden sie bereits die Landschaft. "Ein Punker mit Wanderrucksack fällt hier einfach auf", meint Stephanie Pröll. Ihr Hof grenzt unmittelbar an das Sicherheitsgebiet rund um "Schloss Elmau". Die Demonstrationen seien zwar im entfernten Garmisch-Partenkirchen angemeldet, doch Demonstranten könnten versuchen, über ihre Buckelwiesen nach "Schloss Elmau" zu gelangen. Das will sie ihnen aber so ungemütlich wie möglich machen: Aus ihren 19 Lagerhütten hat sie das trockene Heu entfernt. Einen bequemen Platz zum Schlafen werden Demonstranten auch dort nicht finden.

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