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Katalonien

Festnahmen treiben Katalanen auf die Straße

Seit der Verhaftung ihrer Anführer feiern die katalonischen Unabhängigkeitsbewegungen die "beiden Jordis" als Märtyrer - und legen es auf eine Frontalkollision mit Madrid an. Aus Barcelona berichtet Barbara Wesel.

Es war die erste Großdemonstration in Barcelona seit zehn Tagen, die rund 200.000 Menschen auf die Straße brachte. Mit Kerzen in den Händen riefen die Demonstranten "Freiheit, Freiheit" und forderten in Sprechchören "Bringt die Jordis nach Hause". Gemeint sind die beiden Anführer der zwei großen Unabhängigkeitsbewegungen Jordi Sanchez von der ANC (Katalonische Nationalversammlung) und Jordi Cuixart von Omnium Cultural. Seit sie am Montagabend von einer Madrider Richterin wegen möglicher Flucht- und Verdunkelungsgefahr festgesetzt wurden, kochen die Emotionen wieder hoch in Katalonien.

Verhaftungen geben der Bewegung Auftrieb

Die vergangene Woche war ruhig verlaufen, es war als ob beide Seiten sich belauerten. Aber die Vertreter von ANC und Omnium hatten offenbar mit der Festsetzung ihrer Chefs gerechnet: Die passenden Protest-T-Shirts wurden schon am Dienstag verkauft und die beiden "Jordis" hatten Video-Botschaften hinterlassen. Sie hätten keine Verbrechen begangen, seien zuversichtlich und "die Unabhängigkeit wird kommen".

Spanien Barcelona Demonstration Unabhängigkeit (Foto: DW/B. Wesel)

Demonstranten in Barcelona

Das glaubt auch Enric im Demonstrationszug, der mit Freunden und Kinderwagen gekommen war. "Wir wollen die beiden im Gefängnis unterstützen", erklärt er. Aber er ist etwas besorgt darüber was am Donnerstag passieren wird, wenn um 10 Uhr das Ultimatum Madrids abläuft. "Ich fürchte, dass Rajoy den Artikel 155 einsetzt und die Polizei nach Barcelona schickt."  

Auch Josefina demonstriert mit ihrem Mann gegen die Festnahme der Unabhängigkeitsführer, aber sie ist unsicher, was am Donnerstag geschieht. Ein bürgerliches, gesetztes Pärchen - ihnen geht es vor allem um den mangelnden Respekt, den Madrid gegenüber den Katalanen zeige. "Ich fürchte vor allem neue Gewalt von Seiten der Polizei", sagt Josefina, die erst seit den Übergriffen am Tage des Referendums um die Zukunft der Demokratie in Spanien fürchtet.

Sezessionisten befeuern Gefühle

"Wir sind traurig und wütend", sagt Marcel Mauri, Sprecher von Omnium Cultural bei einer gemeinsamen Pressekonferenz der beiden Bewegungen zur Verhaftung ihrer Anführer. Die Funktionäre der Gruppen hatten den ganzen Tag hinter verschlossenen Türen beraten, um am frühen Abend mit der gleichen Botschaft herauszukommen, die sie seit Wochen verbreiten: "Wir werden mit der Unabhängigkeit weiter machen."

Massenproteste in Barcelona (Foto: picture-alliance/AP Photo/E. Morenatti)

Massenproteste soll es in nächster Zeit häufiger geben

Aber man werde ein neues Ausmaß von Mobilisierung erleben. Mehr und praktisch tägliche Demonstrationen sind geplant, von denen die größte am Samstag stattfinden soll. Teilnehmer aus ganz Katalonien  werden erwartet und Mauri betont: "Wir sind friedlich, aber die spanische Regierung ist nicht wirklich demokratisch, sie missachtet unsere Rechte." Und Mauri appelliert einmal mehr an die internationale Gemeinschaft und die EU, Katalonien beizustehen. Nach wie vor rufen die "Independentistas" nach europäischen Vermittlern.

Politischer Zusammenstoß zweier Züge?

Aber die Zeit für Mediation und Gespräche scheint vorbei. Madrid beharrt auf der Rücknahme der Unabhängigkeitserklärung von vergangener Woche - die Sezessionisten lehnen das kategorisch ab. Was aber wollen sie tun, wenn am Donnerstag die Zentralregierung den Artikel 155 ausruft, die Unabhängigkeitsgruppen für illegal erklärt und in Katalonien die Macht übernimmt?

Das sei nicht möglich, sagt Marcel Mauri, sonst würde Spanien zu einer Diktatur werden. "Wir sind nicht beunruhigt und haben davor keine Angst." Ministerpräsident Mariano Rajoy dagegen hat diesen Kurs schriftlich in einem Brief an die Regionalregierung angekündigt. Es sieht so aus, als wollten die Sezessionisten die Tatsachen leugnen oder ihre Anhänger nicht beunruhigen.

Auch auf die Frage nach den wirtschaftlichen Folgen der Unruhen und des politischen Streits geben die Sprecher der Bewegung keine richtige Antwort. Rund 650 Unternehmen haben angekündigt, dass sie ihre Niederlassungen in Katalonien aufgeben würden, von der Caixa Bank über das große Verlagshaus Planeta bis zum Sekthersteller Freixenet. "Das ist nur Propaganda und Manipulation von der Presse und aus Madrid", sagt der Sprecher. Alle diese Firmen würde nur ihre Adressen ändern, aber weiter in Katalonien produzieren. "Und nach der Unabhängigkeit werden sie sowieso keine Probleme damit haben, zurückzukommen." Die Vorkämpfer für die katalonische "Freiheit" haben keine Zweifel an ihrer Sache.

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