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Musik

Festivalsommer: Wie nachhaltig können Musikfestivals sein?

Das "NorthSide" im dänischen Aarhus beeindruckt die Festival-Besucher mit sauberem Ambiente. Umweltbewusstsein spielt bei Open-Air-Events eine wichtige Rolle. Auch deutsche Veranstalter werden innovativer.

Keine Zigarettenstummel, keine Kronkorken, keine zerknüllten Taschentücher – weit und breit liegt nichts auf der Wiese. Ein Gefühl wie im eigenen Garten, abgesehen davon, dass tausende Musikbegeisterte hier tanzen, essen, trinken und feiern. Es wirkt, als würde der Müll vom Rasen verschluckt: Was hinfällt, löst sich im selben Moment in Luft auf. Doch so einfach ist es nicht, hinter der Sauberkeit steckt ein ausgeklügeltes System. In neon-gelben Westen laufen rund um die Uhr sogenannte "Trash-Talker" übers Gelände. Das "NorthSide" Festival in Aarhus - eines der größten Musikfestivals in Dänemark - legt großen Wert auf Nachhaltigkeit.

Ein Thema, das in den vergangenen Jahren auch für Veranstalter von Rock- und Pop-Festivals in Deutschland an Bedeutung gewonnen hat. "Es ist heutzutage weitestgehend gesellschaftlicher Konsens, sich über Umweltschutz und zukünftige Generationen Gedanken zu machen", sagt Holger Schmidt von der Organisation "Sounds For Nature", die sich mit Sustainability Management auf Open-Air-Veranstaltungen auseinandersetzt. "Viele Festivals in Nord- und Mitteleuropa haben bereits einen sehr hohen Standard. Einige deutsche Events können da durchaus mithalten."

Musik erleben und der Gesellschaft Gutes tun

Gerade dort, wo gecampt wird, sind das offensichtlichste Problem die Berge an Müll, die am Ende eines feucht-fröhlichen Festivalwochenendes von den Musikfans zurückgelassen werden. Darunter befinden sich nicht selten auch Zelte, Pavillons, Sitzgelegenheiten und Klamotten. Das norddeutsche "Hurricane" Festival arbeitet deshalb in diesem Jahr mit dem Verein "Hanseatic Help" zusammen. "Gut erhaltene Campingausrüstung wird von freiwilligen Helfern eingesammelt und an Hilfsorganisationen in Hamburg gespendet", erklärt Nachhaltigkeitsbeauftragte Julia Baer.

Generell rücken neben Umweltprojekten soziale Aspekte stärker in den Vordergrund. "Es geht darum, der Gesellschaft etwas zurückzugeben und vielleicht auch eine politische Message zu senden", meint Holger Schmidt. So hat das Münchner "Tollwut" Festival im vergangenen Winter die Situation von Flüchtlingen zum Leitthema gemacht. Die holländische Initiative "10.000 Hours" versucht, Musikfans schon beim Ticketkauf zu gemeinnütziger Arbeit zu animieren. Und auch das sogenannte "Foodsharing", eine Aktion gegen Lebensmittelverschwendung, spielt auf Festivalgeländen eine immer größere Rolle.

Abendstimmung auf dem NorthSide-Festival. Foto: Teresa Weikmann, Aarhus

Abendstimmung auf dem "NorthSide"-Festival im dänischen Aarhus: Bald ist Mittsommernacht

Vegetarisches Festival schmeckt nicht jedem

Allerdings steht jedes Event vor unterschiedlichen Herausforderungen, wenn es darum geht, Nachhaltigkeitsprojekte umzusetzen. Die Veranstalter des "Way out West" Festivals in Schweden haben beispielsweise festgestellt, dass sie die meisten Emissionen im Catering Bereich verzeichnen. Daraufhin beschlossen sie, komplett auf Fleischprodukte zu verzichten. "Eine solche Entscheidung wird natürlich nicht von jedem Publikum mitgetragen. Deswegen geht es in erster Linie darum, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten kreativ zu werden und neue Projekte zu starten", so Schmidt von "Sounds For Nature".

Besucher des "Hurricane" können beispielsweise neuerdings eine aus alten Festivalbannern gefertigte Tasche gewinnen, wenn sie sich besonders nachhaltig verhalten. Punkte gibt es für die Anreise mit der Bahn, einen extra Müllsack oder für sauberes Campen im kostenlosen "Grüner Wohnen" Bereich. "Damit wollen wir vor allem ein Bewusstsein für die Umweltthematik schaffen", sagt Julia Baer. Aber es sei gar nicht so leicht, das Publikum, das ja aus seinem Alltag ausbrechen und ein freies Wochenende genießen wolle, für solche ökologischen Fragen zu sensibilisieren, bestätigt Schmidt.

Grölende Fans auf dem Open Air-Festival Wacken.(C) picture-alliance/dpa/C. Rehder

Heavy Metal-Fans auf dem Openair-Festival in Wacken

Auto voll, Kofferraum zu, auf ins lange Wochenende

Tatsächlich verursacht die Anfahrt mit dem PKW oft die größten Umweltschäden, auch wenn die dabei entstehenden Emissionen im Vergleich zum Müll kaum sichtbar werden. Wünschenswert wären deshalb umfangreichere Kooperationen mit der Deutschen Bahn, sagt Schmidt. "Das erfordert aber gleichzeitig ein Umdenken seitens der Festivalbesucher, die ihren Kofferraum dann nicht bis oben hin voll stopfen können." Und das sei nicht an jedem Festivalort möglich. "Für ein Großevent wie 'Wacken' auf dem platten Land ist die CO2-sparsame Anreise natürlich eine viel schwierigere Angelegenheit, als für das 'NorthSide' mitten in Aarhus."

Neben den Bemühungen, das Gelände sauber zu halten, ist den Veranstaltern des dänischen Festivals das Sortieren und Recyceln von Abfall ein wichtiges Anliegen. Sie wollen damit ein Zeichen setzen. Immerhin ist Dänemark im EU-weiten Vergleich das Land mit dem meisten Haushaltsmüll pro Kopf. Die richtige Balance zwischen Spaß und Verantwortung zu finden, ist auf Open-Air-Events kein leichtes Unterfangen. In erster Linie geht es schließlich darum, den Gästen ein besonderes Konzerterlebnis zu bieten. Für Schmidt ist klar: "Ein emissionsfreies Festival kann es nicht geben."

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