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Deutschland

Festessen mit dem Präsidenten

Einmal mit dem Bundespräsidenten vor dem Brandenburger Tor essen - eine private Inititiative macht es für 1500 Gäste aus ganz Deutschland möglich. Aber das Festbankett ruft auch Widerstand bei sozial Engagierten hervor.

Bundespräsident Christian Wulff und seine Gattin (Foto: AP)

Der Bundespräsident und Gattin bei der Ankunft zum Fest

An diesem Abend ist vor dem Brandenburger Tor mitten in der Hauptstadt festlich gedeckt: Lange Tischreihen unter weißen Pavillons. Schick angezogene Gäste mit Sektgläsern warten am Freitag (20.08.2010) auf ihr Menü, von neugierigen Passanten getrennt durch rot-weiße Absperrgitter und ein großes Polizeiaufgebot. Bundespräsident Christian Wulff ist da, zusammen mit seiner Frau Bettina und weiteren 1500 Bürgern aus ganz Deutschland. Es herrscht gelöste Stimmung bei strahlendem Sonnenschein.

Die öffentlich zelebrierte Tafel, so sehen es die Veranstalter, soll eine Verkörperung der Gemeinschaft freier und gleicher Bürger sein, eine Bühne für den Dialog und die Begegnung. Hinter dem Festbankett stehen Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft. Sie wollen, so steht es in ihrem Informationsmaterial, dass der Bundespräsident auf die Bürger trifft und ihre Wünsche und Anregungen hört. Zum dritten Mal findet die "Tafel der Demokratie" schon statt. Wulff ist gerne gekommen und davon begeistert, gerade hier zu essen, wo einst die Mauer stand. "Jetzt müssen wir Mauern in den Köpfen einreißen, Gräben zuschütten und Brücken bauen", sagt er zu seinen Zuhörern.

Begegnung und Sülze

Bundespräsident Christian Wulff und seine Frau Bettina sprechen bei der 'Tafel der Demokratie' mit Kindern (Foto: AP)

Blumen für den Bundespräsidenten beim Festessen

Unter den Gästen ist Doris Giebel aus Goslar, sie hat die Einladung bei einem Preisausschreiben einer Boulevardzeitung gewonnen und freut sich "ganz doll" darauf, Wulff zu treffen. Ihr Mann ist gespannt auf das Drei-Gänge-Menü: "Wir kommen aus der Gastronomie, und da interessiert uns das natürlich, wie die Köche aus dem Hotel Adlon die vielen hundert Gäste bewältigen." Die meisten der Geladenen haben ihre Einladungen über ihre Zeitung bekommen oder aber über ihre Kommunen und Vereine. Viele brennen darauf, mit dem Bundespräsidenten zu sprechen. "Ich habe mir einiges zurechtgelegt, was man ihn fragen könnte", sagt Marianne Säug, "vielleicht kann er ein bisschen beeinflussen, dass mehr für die Jugend getan wird." Ihr Mann freut sich mehr auf das Essen.

Adlon-Chefkoch Oliver Barda und 40 weitere Köche haben hart gearbeitet. Es gibt Hausmannskost. Für die Vorspeise verarbeiteten sie insgesamt 250 Kilogramm Eisbein von Saalower Kräuterschweinen. Nach Sülze und Eintopf kommt Hannoversche Welfenspeise als süßer Abschluss auf den Tisch.

Protestessen vom Gaskocher

Auf der anderen Seite des Brandenburger Tores geht es viel einfacher zu. Dort, in Sichtweite des Galadinners, hat eine Gruppe von sozial Engagierten ebenfalls so eine Art Tafel aufgebaut. Ein klappriger Tapeziertisch, darauf ein Gaskocher mit Topf. Dahinter steht Rainer Wahls und teilt Linsensuppe in Plastiktellern aus. Er trägt ein knallrotes T-Shirt, auf dem in schwarzen Buchstaben "Die Überflüssigen" steht. Wahl gehört zur Arbeitsgemeinschaft Soziales in Berlin. Die "Tafel der Habenichtse" nennt er seine Gegenveranstaltung.

Der Aktivist ist überhaupt nicht einverstanden mit der Nobel-Verköstigung vor dem Brandenburger Tor. "Da trifft doch nicht einfach der Bundespräsident auf die Bürger, da gibt es doch viele schöne Filter davor", mutmaßt Wahls, "und wenn man die extra eingeladenen prominenten Gäste ansieht, dann merkt man doch, dass das eine ziemlich exklusive Veranstaltung ist."

Widerstand gegen Armenspeisungen

Wahls vermutet in dem Festessen eine versteckte Lobbyveranstaltung und glaubt, dass das nur von den wirklichen Problemen Deutschlands ablenken soll. Seine Mitstreiter verteilen Flugblätter, auf denen mehr Geld für Lanzeitarbeitslose angemahnt wird – mindestens 80 Euro mehr. Dadurch werde Partizipation und Teilhabe am Gemeinwesen ermöglicht.

Wahls erinnert das Festbankett an seine Vergangenheit in der DDR. "Das sieht eher aus wie der Eingabenstaat von Erich Honecker und irgendwelche anderen Festinszenierungen der FDJ." Ihn stört die wachsende Zahl von karitativen Essenstafeln in Deutschland. "Ich will den Leuten da drüben ihr Essen ja gar nicht vermiesen", sagt Wahls und stochert im Eintopf herum, "aber mit Demokratie hat eine öffentliche Speisung mit dem Bundespräsidenten meiner Meinung nach wenig zu tun."

Autor: Heiner Kiesel
Redaktion: Marko Langer

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