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Politik

Festakt für ein Provisorium

Endlich gibt es die europäische Lebensmittelbehörde. Endlich zieht Europa Konsequenzen aus den unzähligen Lebensmittelskandalen. Und endlich soll es Standards geben, was in Lebensmittel gehört und was nicht.

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Europa kontrolliert - und zwar schon im Vorfeld, was auf den Tisch gehört oder nicht. Also: es soll endlich Schluss sein mit Dioxin im Hühnchen, Öl-Spuren in der Auster, Nitrofen im Getreide - von BSE und Schweinepst gar nicht zu sprechen und zu schreiben.

Die Lebensmittelbehörde sitzt in Brüssel. Warum auch nicht? Schließlich arbeiten hier die europäischen Veterinäre täglich an der Lebensmittelkontrolle. Und in Brüssel sitzt der für diese Fragen zuständige Kommissar David Byrne und der für die Bauern verantwortliche Kommissar Franz Fischler.

Also - ein guter Platz für die Behörde - wenn es nicht die Verabredung unter den Europäern gäbe, dass europäische Ämter in den Mitgliedsstaaten angesiedelt werden. Wie zum Beispiel die europäische Zentralbank in Frankfurt, die Osteuropabank in London, die europäische Investitionsbank in Luxemburg. Deswegen sollte das Lebensmittelamt - nach Helsinki, denn in Finnland gibt es noch keine einzige europäische Behörde.

Soweit so gut und so entfernt. Doch dann legte ein Mann auf dem Gipfel in Laeken (nahe Brüssel) Ende letztes Jahres sein veto ein: Italiens Silvio Berlusconi. Natürlich hatte der stolze Mailänder überhaupt nichts gegen Helsinki. Aber wo, so fragte er in die Runde der 14 anderen Staats- und Regierungschefs, isst man in Europa am besten? Natürlich, gab er selbst die Antwort: in Italien (und außer den Franzosen dachten wohl auch alle anderen in diesen schweren Stunden an ihre Lieblingsosterias und -pizzarias). Und was steht in bella Italia fürs Essen überhaupt: Parma, die Stadt des legendären Schinkens und des ebenso legendären Käses.

Also müsse die Lebensmittelbehörde nach Parma - so Berlusconi. Und nach stundenlangem Feilschen einigten sich die Regierungschefs auf einen europatypischen Kompromiss: die Lebensmittelbehörde kommt vorübergehend nach Brüssel. Spötter glauben übrigens, dass dies ein Provisorium wie früher der zweite deutsche Staat ist.

Doch das muss nicht so sein. Denn im europäischen Dauerkuhhandel steht die Erweiterungsrunde bevor. Und niemand versteht es besser Dinge miteinander zu verbinden, die nicht zusammengehören. Also könnte Berlusconi im Dezember morgens um 6 Uhr nach zwei durchwachten Nächten durchaus dem dänischen Ratsvorsitzenden Rasmussen zumurmeln: ich stimme dem Beitritt Sloweniens zu, aber die Lebensmittelbehörde gehört nach Parma. Und dann würden die Kontrolleure im schönen Italien arbeiten - und erfahren, was man seit der letzten Schweinepest weiß: der Parmaschinken stammt vom Hintern ostholsteinischer Schweine. Ein Zeichen dafür, wie Europa zusammenwächst. Oder etwa nicht?

  • Datum 18.09.2002
  • Autorin/Autor Alexander Kudascheff
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  • Permalink http://p.dw.com/p/2fxx
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