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Kultur

Fernsehstar an der Leine

Von den einen heiß geliebt und hoch gelobt, von den anderen als blasierter Snob verschrien: Harald Schmidt, Late-Night-Talker, feierte in Samuel Becketts "Warten auf Godot" Premiere.

Für das Schauspielhaus Bochum hat der Fernseh-Entertainer die Nebenrolle des Knechts Lucky übernommen. Die Rechnung der Bochumer geht auf: Dank der prominenten Besetzung stürmte das Publikum die Theaterkassen. Im Kreis von glänzenden Darstellern wie Michael Maertens (Wladimir), Fritz Stötzner (Estragon) und Fritz Schediwy (Pozzo) gelang es Schmidt mitzuhalten. Das Premierenpublikum spendete fünfminütigen brausenden Applaus.

Es vergehen allerdings 25 Minuten bis der TV-Star in der Rolle des Lucky mit hängenden Schultern und schleppendem Gang, am Halsband gegängelt, auf der Bühne erscheint. Schwer zu tragen hat er an Koffer, Stuhl und Picknickkorb. Stets als Schwein tituliert und mit der Peitsche gezüchtigt, wird er von seinem sadistischen Herrn Pozzo den auf Godot wartenden Landstreichern Wladimir und Estragon als Tanzbär vorgeführt.

"Vorsichtig, er ist bissig"

Ein Hauch von Schmidt blitzt in der Inszenierung von Intendant Matthias Hartmann auf, wenn Pozzo die Warnung ausspricht: "Vorsicht, er ist bissig. Besonders Fremden gegenüber." Während Ernst Stötzner und Michael Mertens mit endlosen Nonsens-Gesprächen, Gefühls- und Wutausbrüchen brillieren, muss Schmidt zunächst vor allem eines: Schweigen. Ein absoluter Kontrast zu seinem fast alltäglichen Programm in der Show, die seinen Namen trägt.

Erst als Lucky die Melone vom Kopf gerissen wird und Pozzo "Denk, Schwein!" brüllt, darf Schmidt in seiner Rolle als Sklave den Intellektuellen, den alle großen Fragen des Lebens bewegen, ausspielen. Stotternd, stammelnd, in einer irrwitzigen Wortkaskade aus Philosophie, Theologie und Unsinn, spricht Schmidt den Nonsens-Monolog. Eigentlich wollte er ihn schon zur Aufnahmeprüfung auf der Schauspielschule sprechen, gestand der Talkmaster jetzt. Elfmal provoziert er im voll besetzten Haus laute Lacher, bevor er wieder in Schweigen verfällt.

"Voller Demut hier angetreten..."

Für Harald Schmidt, der sein Selbstbewusstsein gerne vor sich her trägt, war die Rolle eine echte Herausforderung. Nicht nur, weil er lange nicht mehr klassisches Theater spielte, sondern weil ihm die Rolle am Herzen lag.

Matthias Hartmann, Intendant des Bochumer Schauspielhauses und Regisseur des Beckett-Klassikers, war zunächst ratlos bei der Besetzung des Lucky gewesen. Sein Dramaturg Thomas Oberender hatte die Antwort sofort parat: Harald Schmidt sei der Lucky unserer Zeit. Ein Sklave der Fernseh-Unterhaltung, abhängig von Quoten und Werbegeldern. Mutig, so meinen einige, sei es, eine Rolle zu übernehmen, die einen Vergleich zwischen dem Schmidt auf der Theaterbühne und dem Schmidt im wirklichen Leben nahe legt. Herr und Knecht, Opfer und Täter, das ist eine Dialektik, die den TV-Zyniker für den Beckett-Klassiker prädestiniert.

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