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Kultur

Fernsehkunst mit Fortsetzung

"Denver Clan" und "Dallas" – das waren in den 80er Jahren Straßenfeger. Jetzt beleben Produktionen wie "Mad Men" oder "The Wire" auch in Deutschland den Serienkult wieder neu - als massenkompatible Kunstwerke.

Hauptdarsteller von Mad Men Jon Hamm steht hinter einem Schreibtisch (Foto: AP)

"Mad Men": Die amerikanische Kultserie läuft jetzt auch in Deutschland

Martin Kluger ist Serienjunkie. Wer sich dabei einen zerzausten Studenten mit Augenringen vorstellt, liegt falsch. Der 62-jährige Schriftsteller und Drehbuchautor wirkt elegant und belesen. Doch direkt neben seiner riesigen Bücherwand steht ein Regal randvoll gefüllt mit Serien-DVDs.

Zwischen Schreibpausen schaut er sich ganze Staffeln von "Mad Men" an. Die bitterböse Satire über eine amerikanische Werbeagentur in den 60er Jahren hat in den USA einen regelrechten Hype ausgelöst. Beim amerikanischen Fernsehpreis, den Emmys, räumt sie regelmäßig ab. In den anspruchsvollen Geschichten findet Martin Kluger auch Inspiration für sein eigenes Schreiben. "Diese Serien erzählen oft sehr komplex, verfolgen mehrere Plots gleichzeitig und spielen mit Zeitebenen", erklärt er. "Sie haben Mut zu Überraschungen und genau das macht sie so erfrischend."

Mut statt Einheitsbrei

Drehbuchautor und Schriftsteller Martin Kluger (Foto: DW/Aygül Cizmecioglu)

Schriftsteller Martin Kluger: "Mut zu Überraschungen"

Das Fernsehen als kreative Spielwiese: Genau deswegen wechseln in den USA immer mehr renommierte Schauspieler von der Kinoleinwand auf die TV-Mattscheibe. Selbst Regiegrößen wie Martin Scorsese drehen inzwischen ihre eigene Fernsehserie. "Das liegt daran, dass es im Fernsehen oft die besseren, innovativeren Drehbücher gibt", meint Martin Kluger.

Viele Autoren sind gleichzeitig auch die Produzenten. Sie prägen eine Serie – von der kleinsten Requisite bis zum Plot. Volles Risiko, manchmal aber auch voller Erfolg. Kommt eine Serie an, kann sie weltweit vermarktet werden. Dadurch steigen die Budgets. Oft kostet eine Folge einer US-Serie mehr als die ganze Staffel einer deutschen Produktion.

Romane für die Mattscheibe

"Der Hauptunterschied zu Deutschland", sagt Martin Kluger "ist aber nicht das Geld, sondern das Imageproblem." Dem Fernsehen hafte hierzulande immer noch etwas Biederes, Langweiliges an. "Die Deutschen unterscheiden immer noch sehr stark zwischen der Hoch- und Unterhaltungskultur."

Dabei haben zumindest die neuen amerikanischen TV-Serien mit anspruchvoller Literatur ziemlich viel gemeinsam. Auf die Unterhaltung in Serie hatten einst die Romanciers das Monopol. Viele Klassiker von Charles Dickens oder Oscar Wilde erschienen erst als Fortsetzungsromane in Zeitungen.

"Diese Serien sind minutiöse Gesellschaftsstudien," erklärt Martin Kluger. "Sie trauen sich widersprüchliche Figuren zu zeichnen, ihre Zeit zu reflektieren. Genau wie die Romane des 19. Jahrhunderts." Inzwischen arbeiten, so wie einst William Faulkner für das alte Hollywood, auch gestandenen Schriftsteller bei den neuen amerikanischen Serien.

Kaufen statt Warten

DVD-Hüllen der Serien 24, Breaking Bad, The West Wing, Mad Men und Entourage in einem Einkaufswagen (Foto: DW/Aygül Cizmecioglu)

Nie mehr auf die neueste Folge warten müssen

Auf eine Sache wollen die meisten Serienfans kaum verzichten – die DVD. Statt Woche für Woche auf die Fernsehausstrahlung zu warten, kaufen sie sich ihre Lieblingsserie auf dem digitalen Speichermedium. "Serien-DVDs machen inzwischen fast ein Viertel des gesamten DVD-Marktes in Deutschland aus. Und haben eindeutige Vorteile", meint Christian Junklewitz. Der Film- und Fernsehwissenschaftler arbeitet für das Online-Portal Serienjunkies.de. "Es gibt keine störende Werbung. Man kann sich die Lieblingsserie im Original anschauen und muss nicht Woche für Woche warten", erklärt der Experte.

Die hohe DVD-Nachfrage ist vielleicht ein Grund, warum viele dieser Serien zwar Kultstatus haben, aber in puncto Zuschauerquoten eher Nischenprodukte sind. "Das überwiegend ältere Fernsehpublikum in Deutschland bevorzugt immer noch deutsche Serien", erklärt Christian Junklewitz.

Fans von Produktionen wie "24" oder "Mad Men" seien dagegen eindeutig jüngere, gut ausgebildete Menschen mit einer höheren Technikaffinität. Sie tauschen sich im Internet aus und wissen, auf welchen Plattformen man sich die neuesten Folgen herunterladen kann. Oder sie bestellen sie gleich bei der amerikanischen Produktionsfirma. Denn wo und wann sie sich ihre Lieblingsserie anschauen, das überlassen wirkliche Serienjunkies nicht irgendeinem Programmchef.

Autorin: Aygül Cizmecioglu

Redaktion: Jan Bruck