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Kultur

Fernsehen, das unter die Haut geht

Brustimplantate einsetzen, den Kiefer aufmeißeln, Fett absaugen oder Lippen dicker machen - all das findet eine immer größer werdende Fan-Gemeinde. Und zwar auf dem TV-Sofa.

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Falten, Fans und falsche Schönheit

Vor zwei Jahren fing es in den USA an: TV-Shows zeigen unzufriedene Menschen wie du und ich vor, während und nach ihrem Gang zum Schönheitschirurgen. Spätestens seit auch MTV eine solche Show im Programm hat, ist das Format ein internationaler Erfolg. Viele Fernsehsender wollen nachziehen und suchen Kandidaten für diesen nächsten Trend im Reality-Wahn.

"Star-Schnitt"

Jesse ist ein großer Fan von Elvis Presley und tritt als dessen Imitator auf. Seine Verehrung geht so weit, dass er auch genau so aussehen möchte. Dafür ist Jesse auch bereit, sich unters Messer zu legen und sein Gesicht à la Elvis modellieren zu lassen. Bei seinem Gang zum Schönheitschirurgen wird Jesse von einem Kamerateam des Musiksenders MTV begleitet. Unter dem Titel "I want a
famous face" verspricht MTV aus "Normalos" Stars zu machen. Die US-Ausgabe von "I want a famous face" läuft inzwischen auch im deutschen MTV-Programm.

Vorbilder sind wichtig

Axel Neuroth aus Düsseldorf ist Schönheitschirurg und beobachtet die mediale Aufarbeitung des Themas schon seit vielen Jahren. Für ihn ist Schönheitschirurgie ein unterstützendes Mittel, Menschen mit körperlichen Mängeln wieder ein Selbstwertgefühl zu geben und den Leidensdruck zu nehmen. Aber keineswegs aus einem Menschen etwas zu machen, was er nicht ist: "Menschen, die bei solchen OP-Shows mitmachen, haben sicherlich eine gewisse Darstellungssucht, einmal im Leben wichtig zu sein, indem man durch das Fernsehen begleitet wird. Diese etwas krankhafte Darstellungssucht sehe ich als Hauptgefahr auf der Seite der Teilnehmer. Auf der Seite der Zuschauer sehe ich die Gefahr, dass sie eventuell in ein gleiches Tun hinein tendieren."

Mit schnellen Bild-Schnitten und cooler Musik begleiten die MTV-Zuschauer Jesse bei seiner Verwandlung zu Elvis, sind im OP mit dabei, erleben ihn danach vor Schmerzen stöhnend und mit aufgequollenem Gesicht. Das Ergebnis: Trotz markanterem Kinn und dickeren Lippen ist eine Ähnlichkeit mit Elvis nicht wirklich zu erkennen. Außerdem ist Jesses Gesichtsmimik stark eingeschränkt.

"Solche Geschichten, die sehr spektakulär als Show aufgezogen werden, halte ich für absolut desolat und sind nicht geeignet, das Thema zu transportieren." Axel Neuroth versucht als Arzt, dem medial inszenierten Schönheitswahn als Experte entgegenzutreten und tritt deshalb schon seit Jahren im Fernsehen auf.

Das ständige "Ich"-Projekt

Schönheitsoperation

Das Silikonimplantat (l) wird durch einen drei Zentimeter langen Schnitt in der Achselhöhle am 17.6.2002 in der Mannheimer Klinik für plastische Chirurgie bis unter die Brust geschoben. Die 225 Milliliter Silikon dienen einer klassischen Brustvergrößerung.

Auch im deutschen "Big Brother"-Container war Axel Neuroth neulich zu Besuch, um die Insassen über Schönheits-OPs aufzuklären. Er riet ihnen, erst mal die Ernährung umzustellen und Sport zu betreiben.

Laufende Kameras, die permanent auf einen Menschen gerichtet sind, erzeugen Druck: Will man die schnell schwindende Aufmerksamkeit erhalten, dann muss das eigene Ich hinhalten. Der Leidensdruck der eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten potenziert sich durch die fatale Suggestion: Nur in einem perfekten, jungen Körper steckt ein erfolgreicher und anerkannter Mensch.

Gesellschaft findet auch in den Medien statt. Die operative Umgestaltung des eigenen Körpers wird in manchen Shows medial mit dem Neueinrichten von Wohnungen gleich geschaltet. Gesichtsliften ist wie Wändestreichen und Brustimplantierungen wie Kissenstopfen. Und wenn alles glatt geht, dann klopfen Freunde und Verwandte einem danach anerkennend den Rücken.

Im Herbst 2004 plant der Privatsender PRO 7 die deutsche Version von "The Swan" - eine Sendung, in der sich junge Menschen vom hässlichen Entlein operativ in schöne Menschen verwandeln sollen. RTL verspricht "Alles ist möglich", eine so genannte Langzeitdokumentation, in der 12 Menschen bei ihrem Weg zum perfekten Aussehen begleitet werden. Über 4000 potentielle Kandidaten haben sich für im Vorfeld beworben. Schönheitschirurg Axel Neuroth sollte auch zum zehnköpfigen OP-Team gehören, was er aber ablehnte. "Allein dieser Titel ist erschreckend: Denn es ist nicht alles möglich!"

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