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Deutschland

Ferien vom Gaza-Krieg

In ihrer Heimat explodieren Bomben und es sterben Menschen. In Deutschland versuchen junge Israelis und Palästinenser dennoch, sich näher kennen zu lernen. Der Dialog zeigt überraschende Folgen.

Der Anfang ist besonders schwer. Es wird geweint und gestritten. Vorwürfe und Schuldzuweisungen werden laut. In einem Raum zusammen zu sitzen, scheint nur schwer aushaltbar. Doch wenn die Teilnehmer zu Beginn des zweiwöchigen Treffens erst einmal von ihrem eigenen Leben und dem Schicksal ihrer Familien erzählen, werden aus anonymen Gruppen Menschen. Unterschiede verschwinden. Erzählt wird auf hebräisch und arabisch. Gefühle lassen sich in der eigenen Sprache besser ausdrücken. Übersetzer helfen. "Du hörst heftige Geschichten und wenn dann andere mit Dir fühlen, das berührt sehr" erzählt die 35-jährige Palästinenserin Suad. Ihr gegenüber sitzt die Israelin Amit (33), die immer mehr begreift, wie wenig beide Seiten tatsächlich voneinander wissen. "Ich traue unseren Medien nicht, sie sind zu sehr Teil des Konflikts", sagt Amit. Sie will sich ein eigenes, vollständigeres Bild machen. So geht es auch den übrigen Teilnehmern. Ihre Motivation ist es, mit den "anderen" direkt sprechen zu können.

Teilnehmer der Walberberg-Dialogrunde 2014 (Foto: KfGD)

Teilnehmer merken "Wir wissen zu wenig voneinander"

Amit und Suad müssten zuhause nur 20 Minuten fahren und sie könnten sich gegenseitig besuchen. Theoretisch. In Wirklichkeit trennen sie Welten. Amit lebt in Jerusalem, Suad in den palästinensischen Autonomiegebieten. Um die Grenze passieren zu können, benötigt Suad eine Sondergenehmigung. Jetzt begegnen sie sich mit rund 50 weiteren jungen Leuten zwischen 20 und 35 Jahren in einer deutschen Tagungsstätte in der Nähe von Bonn.

Privatinitiative sucht Dialog

Möglich machte das Treffen das "Komitee für Grundrechte und Demokratie". Der nur aus privaten Spenden finanzierte Verein von Friedensaktivisten setzte sich bereits während der blutigen Kriege im ehemaligen Jugoslawien dafür ein, dass Flüchtlingskinder zwei Wochen am Meer Ferien vom Krieg machen konnten. Seit 2002, dem Höhepunkt der zweiten Intifada, organisiert der Verein auch Treffen zwischen jungen Israelis und Palästinenser entfernt von den Krisengebieten. So sollen sie Vorurteile ablegen und lernen, dass Menschen und ihre Sehnsüchte auf allen Seiten gleich sind. Die kompletten Kosten für das Programm übernimmt der Verein. Partnerorganisationen wie "Breaking Borders" finden in der Krisenregion interessierte Teilnehmer. Nur durch Mund-zu-Mund Propaganda.

Rund 2000 junge Erwachsene, eine Menge Studenten darunter, haben inzwischen die Begegnungsmöglichkeit in Deutschland wahrgenommen. Viele Teilnehmer haben zuhause nur etwas von einem Feriencamp erzählt. Dass sie sich in Zeiten des Gaza-Kriegs mit Angehörigen der jeweils "anderen Seite" treffen, haben sie verschwiegen.

Projektleiterin Barbara Esser (Foto: KfGD)

Projektleiterin Barbara Esser: "Emotionen helfen zu verstehen"

Barbara Esser, eine der Betreuerinnen des Projekts "Ferien vom Krieg" weiß um die Gewissensnöte. "Es ist in ihrer Umgebung einfach nicht akzeptabel". Jeder, der sich um eine Annäherung bemühe, gelte schnell als Verräter. Barbara Esser erzählt von einem Israeli, der einen Palästinenser ganz sympathisch fand. "Er war sich nicht sicher, ob er mit ihm über Facebook befreundet sein darf, ohne seine Freunde vor den Kopf zu stoßen".

Annäherung unausweichlich

Im Mittelpunkt des Programms steht das gegenseitige Zuhören. Man wolle aus den Teilnehmern nicht krampfhaft Freunde machen, sagen die Organisatoren. Aber Verständnis und Toleranz sollten entstehen. In Rollenspielen werden deshalb in einer eigenen "Friedensverhandlung" Lösungsvorschläge für den Nahost-Konflikt erarbeitet. Wichtig seien viele kleine Einzelschritte statt ein großer Wurf, meinen die Teilnehmer. Die Israelin Amit dazu: "Wir erlauben uns zu träumen. Positive Zukunftsvisionen helfen, Hoffnung zu fassen und an ein Ziel zu glauben". Dass die Lösung des Konflikts von einer jüngeren Generation bewältigt werden wird, glauben die wenigsten in der Runde.

KfGD Walberberg-Dialogrunde 2014 (Foto: KfGD)

Palästinenser und Israelis erkennen: "Wir sind alle gleich"

Israelis und Palästinenser merken während der eigenen Verhandlungen, worin das Grundproblem für einen Friedens-Fortschritt liegt. Es sei die Angst, vermeintlich zu viele Zugeständnisse zu machen und am Ende der Verlierer zu sein, stellen sie fest. Das Gefühl müsse überwunden werden. Die Palästinenserin Suad sieht die intensive Arbeit in der Gruppe positiv: "Selbst die rechten, konservativen Flügel auf beiden Seiten haben begonnen, ihre Denkweise zu ändern". Geholfen habe, sich zu fragen, was die jeweils andere Seite erwarten würde, statt zu formulieren, was man selbst will. Immer wenn sich im Rollenspiel die Fronten verhärten und die Gruppenbetreuer den Teilnehmern aufzeigen, wie sie in alte Denkmuster zurückzufallen, sind sowohl Israelis als auch Palästinenser in der Gruppe über ihre Reaktionen erschreckt.

Das Eis bricht schließlich bei allen Gelegenheiten, die es ermöglichen, sich gegenseitig besser privat kennen zu lernen. Neben Spielen und Ausflügen sind es so genannte "Heimatabende". Die jeweils eigene Kultur wird präsentiert. Das erweckt Stolz und es sorgt für gegenseitige Anerkennung. Nach dem Kochen und gemeinsamen Essen gibt es oft Musik. Dann geschieht das beinahe unfassbare. Palästinenser und Israelis tanzen miteinander. Fotos sollen davon aber nicht gemacht werden. Das könnte missverstanden werden. Annäherung geschieht. Sie soll aber kein Anzeichen von Normalität darstellen. Normal sei der Krieg nicht. Auch das Treffen böte nur wenig Ferien vom Krieg, betonen die Teilnehmer. Aber es sei ein Anfang, nach der Rückkehr über die wichtigste Erfahrung zu sprechen: ein Miteinander ist möglich.

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