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Welt

Ferguson ist überall

Unruhen wie in Ferguson könnten auch in anderen Städten der USA ausbrechen, meint Jamall Morris. Der 21-jährige Afroamerikaner aus Detroit ist wie seine Altersgenossen empört, doch Gewalt lehnt er ab.

"Ganz ehrlich, ich denke es könnte auch hier passieren", sagt Jamall Morris, als er lässig gegen einen Laternenpfahl gelehnt auf seinen Bus wartet. "Es geschieht so viel hier im Land, davon wissen die meisten gar nichts." Und dann wird er deutlich: "Das ist Rassismus, es ist traurig."

Jamall Morris lebt in Detroit, mehrere Hundert Meilen entfernt von Ferguson, dem Vorort von St. Louis, der jetzt so traurige Berühmtheit erlangte. Detroit und St. Louis sind beide geprägt von wirtschaftlichem Niedergang und einer starken afroamerikanischen Bevölkerungsmehrheit. Fast 83 Prozent der knapp 800.000 Einwohner sind es in der ehemaligen Autostadt Detroit, weit mehr als in St. Louis.

Ein verlassenes Haus in Detroit mit Müll an der Straßenecke (Foto: UPI/Kevin Dietsch /LANDOV)

Der Verfall der Stadt ist in Detroit an jeder Straßenecke sichtbar

"Ein Exempel statuieren"

Das Plündern, die Proteste, die Konfrontation mit der Polizei: Jamall Morris ist sich sicher, dass auch in Detroit die Gewalt explodieren könnte. "Wir sind ziemlich viele junge Leute hier auf der Straße. Es kann überall passieren, vor allem hier, in einer Stadt mit so vielen Schwarzen", erklärt er die Konstellation. Ohne Abstriche sieht er bei den Demonstranten in Ferguson ein berechtigtes Anliegen: "Sie wollen ein Exempel statuieren, sie wollen Gerechtigkeit", versucht er die Reaktionen seiner männlichen Altersgenossen in Ferguson zu erklären. Zu oft schon seien sie polizeilicher Willkür ausgesetzt gewesen.

Auch in Detroit sind Rassenkonflikte immer wieder latent spürbar, sagt Jamall. Zweimal im letzten Jahrhundert, lange vor seiner Geburt, haben die Stadt und ihre Bewohner besonders schlimme Erfahrungen mit Gewalt und Unruhen machen müssen, zuletzt Ende der 60er Jahre.

Auch in Detroit ist vor Kurzem ein Kind erschossen worden

Doch darauf nimmt der 21-Jährige nicht Bezug, als er meint: "Es ist vielleicht das 18. Mal, dass ein Polizist ein Kind erschossen hat." Auch in Detroit sei das vor ungefähr vier Monaten passiert, allerdings ohne dass davon überregional Notiz genommen wurde. Aber es habe Proteste gegeben, allerdings nicht so große wie in Ferguson. "Ich will nicht, dass es so weit kommt, dass ich selber betroffen bin", sagt er und zieht seine Kappe noch etwas tiefer ins Gesicht.

Die Polizei nimmt einen afroamerikanischen Demonstranten in Ferguson fest (Foto: REUTERS/Joshua Lott)

Rassismus gegenüber Schwarzen gibt es in den USA immer noch

Über die Vorfälle in Ferguson diskutiere er kaum mit seinen Freunden, sagt Jamall. "Ich persönlich erwähne das nicht. Einige von ihnen kümmert das gar nicht, aber andere macht das richtig traurig". Jamall Morris zählt zur zweiten Gruppe.

Zerrüttete Familienverhältnisse

Es dauert eine Weile, bis er auf seine eigene Geschichte zu sprechen kommt: "Mein Leben ist ein ziemlicher Kampf gewesen. Ich wurde von meinen Eltern mehr schlecht als recht durchgebracht. Dann hatte ich eine Zeit lang gar kein zu Hause und wurde schließlich in eine Pflegefamilie gegeben."

Jamall Morris erzählt das ohne Bitterkeit. Im Gegenteil, er ist stolz darauf, dass er aus den schwierigen Umständen Stärke gezogen hat: "Ich habe das dazu genutzt, um mich abzuhärten."

Keine Jobs, keine Perspektive

Doch dieses Kapitel hat er abgeschlossen, jetzt ist die Zukunft wichtig: "Ich will eine Ausbildung bekommen, darum geht es mir." Es sei frustrierend, dass viele junge Leute trotz intensiver Bemühungen keine Ausbildung bekommen. Er war bereits einige Zeit auf einem College und will jetzt an der University von Michigan studieren. Jamall Morris ist entschlossen, sich weder durch die Ereignisse in Ferguson noch durch seine Freunde ablenken zu lassen. "Einige meiner Kumpel sind Leute, die beim 'Gangbanging' mitmachen." Was das genau bedeutet, erklärt er auf Nachfrage: "Du bist in Gangs und kommst mit Waffen und Gewalt in Berührung, nicht nur in deiner eigenen Gang, sondern auch zusammen mit anderen Gruppen junger Schwarzer oder Latinos." Die Verbrechensrate in einigen Stadtteilen Detroits sei "verrückt."

Er halte sich ganz bewusst von diesen Freunden fern, "denn ich will nicht der nächste sein, der erschossen wird." Und dann kommt das Gespräch doch noch einmal auf Ferguson und den Tod von Michael Brown zu sprechen. Wie würde er reagieren, wenn es einen seiner Freunde träfe: "Mann, ich wäre zu verletzt, ich will das nicht ins Mikrofon sagen. Wenn das einem meiner Freunde passieren würde und ich würde demonstrieren, wäre ich außer mir."

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