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Fußball

Ferdinand: Deutschland als Vorbild

Englands Ex-Kapitän Rio Ferdinand teilt aus. Bis auf die "Three Lions" auf dem Trikot habe die englische Nationalelf keine eigene Identität. Ein Scheitern in der WM-Qualifikation könnte das Blatt zum besseren wenden.

Es hat sich nicht viel geändert, seit die Band "Lightning Seeds" mit ihrem Hit "Three Lions on the shirt" zur Euro 96 ganze Fußballstadien zum singen brachten. Der einzige Unterschied: die Leidenszeit der Fans ist noch länger geworden. England wartet seit nunmehr 47 Jahren auf einen internationalen Titel. Und es sieht nicht danach aus als könnte sich daran bald etwas ändern. Die Engländer müssen zunächst noch kämpfen, um sich überhaupt für die kommende WM in Brasilien zu qualifizieren. Die Gruppengegner Ukraine und Montenegro, nicht gerade als Fußballgiganten bekannt, sind dem Team von Coach Roy Hodgson dicht auf den Fersen.

Rio Ferdinand aus England in einem U 21 Spiel gegen Italien (Credit: Shaun Botterill/Allsport )

Rio Ferdinand spielte 81 Mal für England

Für Gesprächsstoff sorgt jetzt Englands Ex-Kapitän Rio Ferdinand. Der Abwehrrecke war im Mai aus der Nationalelf zurückgetreten. Jetzt erklärte er, dass er mit Freuden noch ein weiteres Jahrzehnt englischer Niederlagen akzeptieren könnte, wenn die Mannschaft in dieser Zeit eine eigene, einheitliche Spielphilosophie entwickeln würde. Bisher erweisen sich fast immer noch die alten Klischees über die englische Spielweise als zutreffend. Im Testspiel gegen Schottland am vergangenen Mittwoch gelang den Engländern trotz zweimaligen Rückstands noch ein 3:2-Sieg. Zwei Treffer kamen jedoch nach Standardsituationen zustande. Das entspricht nicht der Spielphilosophie von der Ferdinand träumt.

Gute Erinnerungen an Nationalcoach Hoddle

"Unter Nationalcoach Glenn Hoddle hatten wir erste Fortschritte gemacht", erklärt Ferdinand, "da gab es ein System. Der Ball lief flüssig durch unsere Reihen und wir hatten verstanden welche taktische Grundordnung er einführen wollte."

Porträt von englands Nationalcoach Glenn hoddle 1997 ( Mandatory Credit: Ross Kinnaird/Allsport)

Hoddle war von 1996 bis 1999 Englands Nationalcoach

Unter Hoddle hatte Ferdinand 1997 seine Premiere im Nationaltrikot. Aus heutiger Sicht war der Coach ein Visionär, denn er brach mit britischen Traditionen: Während damals in der Premier-League so gut wie alle Teams ein klassisches 4-4-2-System spielten, setzte Hoddle in der Nationalelf auf eine Dreierkette mit Ferdinand in der Mitte. Damit zog er den Argwohn vieler Fans auf sich, die bei seiner Entlassung 1999 nur den Blick auf die vermeintlich schlechte Abwehrarbeit richteten. Mit 0.464 Gegentoren pro Spiel ist Hoddles Statistik aber bis heute die Beste aller englischen Nationaltrainer. Ins Aus manövriert hatte sich Hoddle allerdings nicht mit sportlichen Misserfolgen. Er wurde entlassen, weil er sich abfällig über Behinderte geäußert hatte.

Für Kritiker Ferdinand liegt der Schlüssel zum Erfolg in den Jugendmannschaften. Anders als in England hätten Nachwuchsspieler aus Deutschland, Italien, Spanien, den Niederlanden oder Brasilien weniger Schwierigkeiten in die A-Nationalmannschaft aufzurücken. "Sie kennen die Spielweise, die Taktik", so Ferdinand, "weil sie das jeden Tag üben." Diese durchgängige Verbindung sei bei den englischen Teams nicht zu beobachten und das verheiße nichts Gutes. Der Ex-Kapitän plädiert dafür, die Talente mehr zu fordern und zu fördern. Die Nachwuchsarbeit brauche mutige Veränderungen. "Es muss einer den Mut haben die Sache anzupacken und zu sagen: Ab jetzt machen wir es so, und wir werden das jetzt zehn Jahre lang durchziehen."

Erzrivale Deutschland als Vorbild

Als Inspiration verweist Ferdinand ausgerechnet auf den deutschen Fußball. Mit dem Sommermärchen bei der WM 2006 legten Jürgen Klinsmann und Joachim Löw den Grundstein für eine neue Ära, die Löw und Hansi Flick mit ihrem offensiven Stil bis heute fortsetzen. Allerdings werden die Fans langsam unruhig. Ein Titel muss her. Die Erwartungen für das kommende WM-Turnier sind hoch, obwohl gerade die schwachen Vorstellungen in diesem Jahr die Zweifel an der Titelchance für die DFB-Elf wachsen lassen.

Die weltweite Anerkennung haben sich Deutschlands Kicker seit der WM 2006 praktisch "erspielt". Denn hatte die deutsche Mannschaft früher vor allem mit Kampfstärke und guter Abwehrarbeit Erfolge gefeiert, überzeugt sie seither vor allem durch spielerische Qualität. Sie liefert, was die Engländer ehrfurchtsvoll als "das schöne Spiel" bezeichnen.

Zweikampf Philipp Lahm und Jose Ariel Nunez aus Paraguay (REUTERS/Ralph Orlowski )

Lief gegen Paraguay zum 99. Mal im deutschen Nationaltrikot auf: Kapitän Phillip Lahm

Doch die jüngsten Partien haben gezeigt, dass die Mannschaft droht ihre Balance zu verlieren. Während die Offensive wirbelt, passieren der Abwehr kapitale Fehler. Von der vielzitierten Ordnung spürte Abwehrchef und Kapitän Philipp Lahm beim enttäuschenden 3:3 gegen Paraguay herzlich wenig. Nach 99 Länderspielen hat er die Spielphilosophie vielleicht verinnerlicht, ohne gute Vorbereitung aber nutzt das wenig. "Wir hatten nur zwei gemeinsame Trainingseinheiten vor diesem Spiel", erklärte Lahm das Abwehrversagen, "gerade in der Defensive sorgt das für Probleme." Es zeigt sich also, dass eine Spielphilosophie allein nicht ausreicht. Zwar sind die Schwierigkeiten der deutschen Elf anders gelagert als die der "Three Lions", sorgenfrei gehen aber auch Löw, Lahm & Co. nicht in die WM-Saison.