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Kultur

Feldarbeit gegen die italienische Mafia

Der Kampf gegen die italienische Mafia wird auch auf dem Acker ausgetragen. Örtliche Genossenschaften bewirtschaften die beschlagnahmten Mafia-Ländereien. Unterstützung erhalten sie von Schülern aus Norditalien.

Ortsschild Corleone, Quelle: dpa

Corleone, Hochburg der Mafia

Es ist sieben Uhr morgens, und das Thermometer im sizilianischen Corleone ist bereits auf 30 Grad geklettert. Die 17-jährige Valentina nimmt sich Handschuhe vom Traktoranhänger und geht zu den Weinreben hinüber. Dort erklärt Philosophiestudent Marco einer Gruppe verschlafener Jugendlicher, was es an diesem Morgen zu tun gibt: den Draht ziehen, an dem die Weinreben entlang wachsen sollen.

"Schon wieder so ein Draht", stöhnt der 16-jährige Niccolò - er macht sich dann aber doch an die Arbeit. Schließlich sind er und die anderen aus der Toskana angereist, um der Genossenschaft "Lavoro ma non solo" ("Arbeit, aber nicht nur das") in Corleone bei anfallenden Arbeiten zu helfen. Sehr zur Freude von Genossenschaftsmitglied Gino: "Die Hilfe der Jugendlichen ist ein Geschenk des Himmels! Wir hinken bei der Arbeit ständig hinterher. Wir sind nicht genug Leute."

Probleme in der Mafia-Hauptstadt

Blick auf Corleone, Quelle: dpa

Kräftemessen der Kulturen: noch immer hat die Mafia in Corleone Unterstützer

Für die Jugendlichen bedeute der Aufenthalt aber nicht nur Arbeit, betont Gino. "Wir verbringen die Abende mit den Jugendlichen, kochen und machen gemeinsam Ausflüge. Das soll ein anderes Bild von Corleone verbreiten. Hier gibt es nämlich nicht nur die Mafia, hier leben viele Menschen, die ihr Geld mit ehrlicher Arbeit verdienen."

Die 120 Hektar Weinberge, Weizen- und Gemüsefelder, auf dem Valentina, Niccolò und die anderen arbeiten, gehörten einmal den Mafiabossen Riina, Brusca und Provenzano. Nach deren Verhaftung wurden sie vom italienischen Staat beschlagnahmt und an die Genossenschaft weitergegeben. Das schafft Probleme in der Hauptstadt der sizilianischen Mafia. Unterstützung bei ihrem persönlichen Einsatz gegen die Mafia erhalten die Genossenschaftsmitglieder aus der Toskana.

"Vor allen Dingen will ich helfen"

Wie Valentina werden in diesem Sommer insgesamt mehr als 300 Jugendliche 14 Tage ihrer Sommerferien dafür opfern. Seit zwei Jahren vermittelt die Initiative "Befreit uns vom Stachel der Mafia" Schüler aus der Region Toskana an landwirtschaftliche Genossenschaften in Sizilien und Kalabrien. Die Jugendlichen arbeiten dort auf den Feldern ehemaliger Mafia-Bosse. Künftig sollen auch Schüler aus anderen europäischen Staaten die Initiative unterstützen.

"Natürlich bin ich auch gekommen, um mir ein Bild von der Situation machen zu können", erzählt Valentina. "Doch vor allen Dingen will ich helfen. Uns wurde bei der Vorbereitung zuhause in Florenz erzählt, dass die Genossenschaft von den Leuten aus Corleone geschnitten wird und dass sie berechtigte Angst um Freunde und Familie haben müssen."

Besuch im Mafia-Versteck

Der Aufenthalt der Jugendlichen solle dazu beitragen, diese Isolation aufzubrechen, erklärt die 17-Jährige. "Wir wollen Beispiel dafür sein, dass es Gleichgesinnte gibt, die eben nicht schweigen, und dass sich die Mafia besiegen lässt." Angst hat Valentina nicht, sagt sie. Eher Unbehagen. Schließlich wurden im Mai 700 Weinstöcke zerstört und im Juli ging die gesamte Linsenernte in Flammen auf.

Fahndungsfotos des Mafia-Bosses Bernardo-Provenzano, Quelle: dpa

Mafia-Pate und ehemaliger Großgrundbesitzer: Bernardo Provenzano

Neben der Landarbeit steht täglich auch eine Art Anschauungsunterricht in Sachen Mafia auf dem Programm. An diesem Nachmittag sind Valentina, Niccolò und die anderen zum Versteck von Bernardo Provenzano gefahren. Sie können es gar nicht fassen, dass der Pate fast 40 Jahre direkt vor den Toren von Corleone gelebt haben soll, dazu noch in einer schäbigen Kate. Stolz gruppieren sie sich zu einem Foto.

Kräftemessen unterschiedlicher Kulturen

Zum gemeinsamen Abendessen kommt dieses Mal auch Pippo Cipriani, der in seiner Amtszeit als Bürgermeister von Corleone der Genossenschaft die beschlagnahmten Ländereien anvertraut hat. Für den Gewerkschaftsführer, der unter Polizeischutz steht, ist diese Form von gelebter Solidarität der beste Weg, um Sizilien vom Stachel der Mafia zu befreien. "Für die Mafiosi war es wichtig, sich als Großgrundbesitzer geben zu können", erklärt Cipriani. Dabei hätten wirtschaftliche Gründe allerdings keine Rolle gespielt. "Es ging vielmehr um die soziale Funktion. Sie konnten Arbeit vergeben, zur Weinernte oder beim Dreschen. Das fällt jetzt weg und das hat sie Ansehen gekostet."

Die Genossenschaft "Lavoro ma non solo" ist somit zu einer Alternative geworden, nicht nur als Arbeitgeber. Darum wird sie von der Mafia bekämpft. Es ist ein Kräftemessen ganz unterschiedlicher Kulturen.

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